Genauso war es vor rund 100 Jahren: Die Saison dauerte von Ostern bis Allerheiligen. Mathias und Anna Sophie Gasteiger bezogen im Frühjahr 1908 ihr hübsches kleines Häuschen in Holzhausen am Ammersee, bauten es nach und nach zur Künstlervilla aus und verbrachten jeden Sommer in ihrem Anwesen mit dem herrlich angelegten Garten direkt am Seeufer. Auch in diesem Jahr waren am Ostersonntag erstmals die Klappläden am "Künstlerhaus Gasteiger" wieder geöffnet, eine Sonderausstellung ist der Blumenmalerin Anna Sophie Gasteiger und ihrem Lehrer Julius Exter gewidmet.
Wer an diesem sonnigen, aber kühlen Sonntagnachmittag die Haustür öffnet und die heimelige Bauernstube mit dem Feuer im Kachelofen betritt, der kann sich gut vorstellen, wie das damals war, wenn man nach dem Winter in die Sommerfrische fuhr. An den ersten Tagen musste man noch einheizen, aber sobald die Sonne schien, wurde gelüftet und geputzt, das schöne Teegeschirr aus dem Schrank geholt, die ersten Tulpen in die Vase gestellt. Das ehemalige Sommerhaus des Bildhauers Mathias Gasteiger und seiner Frau, der Malerin Anna Sophie Gasteiger ist bereits seit 1994 ein Museum, dennoch hat man an diesem ersten Tag der Saison das Gefühl, die beiden hätten es gerade erst verlassen.

Das liegt zum einen an der kleinen Sonderausstellung im ehemaligen Atelier von Anna Sophie Gasteiger. Dort stehen in einer großen Vitrine die Glasvasen und Keramikgefäße, in denen sie die Blumen aus dem Garten arrangierte, um sie dann als Blumenstillleben zu verewigen. Auch ihr Farbkasten, ihre Palette und andere Malutensilien sind hier ausgestellt. Direkt daneben oder darüber ist an den Wänden eine Auswahl ihrer in Holzhausen entstandenen Gemälde zu sehen. Historische Fotos zeigen die Malerin inmitten ihrer üppigen Blumenbeete.

Im Jahr 1897 hatte die zwanzigjährige Lübecker Architektentochter die "Mal- und Bildhauerschule Schloß Deutenhofen" bei Dachau besucht. Einer der Gründer der Schule war der Bildhauer Mathias Gasteiger, den sie ein Jahr später heiratete. Der andere war der Maler Julius Exter, der ihr Lehrer werden sollte. Die Ausstellung zeigt anhand einer kleinen Auswahl farbstarker Blumenbilder und stimmungsvoller Landschaften die Parallelen und Unterschiede im Werk von Lehrer und Schülerin auf. Nachdem Schloss Deutenhofen im Frühjahr 1901 aufgegeben werden musste und Exter bald darauf eine eigene Malschule am Chiemsee gründete, trennten sich auch ihre künstlerischen Wege. Anna Sophie Gasteiger entwickelte im Lauf der Jahre ihren eigenen Stil: Dabei stehen die sorgfältigen Arrangements von Blumen in Porzellanvasen, von spiegelnden Glasgefäßen, von kleinen Skulpturen ihres Mannes oder dem schönen Teeservice mit der glänzenden Messingkanne in einem spannenden Kontrast zu ihrer höchst eigenwilligen, breiten und flächigen Pinseltechnik.
Das Künstlerhaus ist ein eindrückliches Zeitdokument für das sommerliche Leben am Ammersee zu Beginn des 20.Jahrhunderts
Zum anderen aber ist das "Künstlerhaus Gasteiger" ein ebenso eindrückliches wie bedeutendes Zeitdokument für das sommerliche Leben am Ammersee-Westufer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mathias Gasteiger, zu seiner Zeit eine der prägenden Münchner Künstlerpersönlichkeiten, und seine Frau bildeten das Zentrum einer kleinen Kolonie von befreundeten Malern und Schriftstellern. Sie erweiterten ihr zunächst im Stil der Gründerzeit errichtetes, fast bäuerlich anmutendes Haus im Lauf der Jahre durch mehrere Anbauten zu einem bezaubernden Jugendstil-Ensemble. Dazu gehört vor allem der elegante Salon mit den gelben Möbeln, in dem Anna Sophie Gasteiger, die ihren 1934 verstorbenen Mann um zwanzig Jahre überlebte, am Ende ihres Lebens auch malte. Und dazu gehört nicht zuletzt das in einem kleinen Anbau untergebrachte, geradezu spektakuläre Badezimmer mit dem Marmorboden, dessen Glasdach und originales Waschbecken rechtzeitig zum Beginn der diesjährigen Saison renoviert wurden.
Das Künstlerhaus Gasteiger ist bis zum 30. Oktober jeweils sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4 Euro (Ermäßigt: 3 Euro).


