Wirtschaftsleben:Vom Gemüsegarten zum Generationenprojekt

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Der Bio-Supermarkt in Utting ist ein Familienbetrieb: Dominique Sarring mit ihrer Mutter Sylvia Haslauer. (Foto: Nila Thiel)

Wie ein Selbstanbau mit Bioprodukten zu einem 220-Quadratmeter-Laden in Utting wurde.

Von Renate Greil, Utting

Im Biomarkt "La Vida" steht Sylvia Haslauer auf einer Trittleiter und sortiert Waren in das oberste Regalbrett. Derweil füllen Mitarbeiterinnen Lücken im Sortiment auf. Es herrscht eine angenehm heitere Stimmung im Laden. Obst und Gemüse liegen sortiert in Kisten, und stets werden Kostproben angeboten. Der Laden in Utting ist eine feste Konstante im bewegten Berufsleben der drei Inhaberinnen geworden. Bioprodukte spielen eine große Rolle und das schon in vierter Generation, wenn man die Eigenversorgung der Großmutter, Gudrun Schneider, mitzählt.

"Das war eigentlich schon Demeter", sagt Sylvia Haslauer über die Anbaumethoden ihrer 1905 geboren Oma, die einen großen Gemüsegarten in Hegnenberg bei Nürnberg pflegte und den Überschuss im Sommer für den Winter einweckte und einkochte. Die Lebenseinstellung der Schneidermeisterin, die über 90 Jahre alt wurde, sei anthroposophisch geprägt gewesen. "Mit der Ernährung ist viel zu machen", sagt Haslauer über die Philosophie ihrer Mutter Ursula Oberndörfer, die 1937 geboren wurde. Sie sei "ein zartes, kränkliches Kind" gewesen, lernte Kinderkrankenschwester und heiratete 1959 in Donauwörth den Zeitungsredakteur Gert Sarring. Ein Jahr später kam Sylvia auf die Welt.

Nach Utting zog die Familie Sarring 1968, nachdem Ursula in einer Kundenzeitschrift für Reformhäuser eine Anzeige für den Laden gesehen hatte. "Sie dachte damals, sie könne damit die Familie ernähren", sagt Haslauer und lacht. Der Vater fand Anstellung als Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. 1969 kam Sohn Frank zur Welt.

Die Wohnung liegt gleich hinter dem kleinen Laden, den eine damals in Utting ansässige buddhistische Gemeinde als Einkaufsgemeinschaft betrieb. "Günstig gesund einkaufen", war das Motto. Mit ihrem Wissen um Ernährung und Gesundheit verschaffte sich ihre Mutter bald einen eigenen Kundenkreis, sie wurde oft um Rat gefragt. 1972 ging Ursula Oberndörfer eine zweite Ehe ein.

Das Gemüse ist appetitlich präsentiert in dem Uttinger Bio-Supermarkt. (Foto: Nila Thiel)
In der Käsetheke wird ein umfangreiches Sortiment angeboten. (Foto: Nila Thiel)

Sylvia Haslauer erinnert sich, wie sie schon in jungen Jahren mithalf und Müsli selbst mischte. Von klein auf war sie mit in dem nur 15 Quadratmeter großen Laden; allerdings ging es da noch weit beschaulicher zu als heute im modernen Biomarkt. 1985 vergrößerte sich die Verkaufsfläche beim Umzug in die Maria-Theresia-Straße auf 27 Quadratmeter. In weit größeren Umfang als heute gingen Kur- und Heilmittel über den Ladentisch. Reformhäuser wurden weitgehend durch die Biomärkte abgelöst, erinnert sich Haslauer. Mittlerweile nehme die Nachfrage nach Nahrungsergänzungsmittel wieder zu, diese Warengruppe präsentiert sie nun gebündelt in einem Regal.

Haslauer wollte zunächst auf keinen Fall in einem Laden stehen wie ihre Mutter. Sie lernte am Wörthsee Reprofotografin, zur Gesellenprüfung war sie dann schon schwanger mit der Tochter Dominique, die 1981 geborenen wurde. In Teilzeit arbeitete Haslauer später noch bei der Druck- und Verlagsanstalt Josef C. Huber in Dießen. "Mit dem Laden bin ich aufgewachsen, das war ein Teil meines Lebens", sagt Haslauer.

Ihre Tochter nahm sie mit, wenn sie im Laden aushalf. 1989 heiratete Sylvia dann Christian Haslauer, bekam im gleichen Jahr Sohn Michael, zwei Jahre später folgte Sohn Matthias und 1995 die jüngste Tochter Anna. In Raisting betrieb sie mit ihrem Mann 1998 das Café Ibiza in einem Baustoffhandel und hatte auch einen Partyservice. Ihre Spezialität: Paella. Inzwischen kocht sie dieses Gericht für die große Familie oder als Kundenevent im Laden.

Als sie 46 Jahre alt war, trat sie doch in den Laden ihrer Mutter ein, der 2003 in einen 55 Quadratmetern großen Raum beim Dorfbrunnen umgezogen war. Die Übergabe erfolgte 2006, eine erste Auszubildende als Kauffrau im Einzelhandel wurde eingestellt. Eine der ersten Änderungen der neuen Chefin war, die bis dahin bescheidene Auswahl an Bio-Weinen zu erweitern. "Bio-Wein war damals verschrien, aber es gab schon damals viele gute Bio-Weine, die ich zeigen wollte", sagt Haslauer. Im heutigen Biomarkt präsentiert sie etwa 150 von ihnen. "Wir haben viel Kontakt zu unseren Herstellern", sagt Haslauer. Sie geht gerne auf Händlerreisen und informiert sich an Ort und Stelle. Gerade war sie in Sizilien und hat bei einem Winzer Weine verkostet. Spanien ist neben Italien ein Lieblingsreiseland von ihr; die Familie hat dort ein Ferienhaus.

Dass sie von den Einnahmen leben und auch Urlaub machen kann, das war Haslauer bei der Übernahme des Betriebes wichtig. "Ich bin zum Lachen auf der Welt", sagt sie über sich. Die Seniorchefin ist sich sicher, dass ihre 2017 verstorbene Mutter "heute stolz auf uns wäre". Seit 2011 betreibt sie nun den Laden mit 220 Quadratmetern Fläche an der Schondorfer Straße. Finanziert hat sie den Umbau und die Einrichtung größtenteils über das Geld von Anlegern - mithilfe sogenannter "Genussscheine". Neben dem Weinsortiment gilt ihr Augenmerk dem Obst und Gemüse, das sie auch optisch ansprechend präsentiert. Eine Bistro-Ecke ergänzt das Angebot.

Gearbeitet wird in einer Früh- und einer Spätschicht zu jeweils sechs Stunden, unter den 15 Mitarbeiterinnen arbeiten drei in Vollzeit. Sie selbst strebt es an, eine 40-Stunden-Woche einzuhalten, daheim wartet aber noch die Buchhaltung. Schritt für Schritt will sie ihre Arbeitszeit reduzieren, mit 70 Jahren möchte sie aufhören. Damit dies gelingen kann, hat sie ihre beiden Töchter Dominique Sarring und Anna Kriegenhofer angestellt und als Geschäftsführerinnen beteiligt.

Kriegenhofer, die schon im Alter von 15 Jahren im Laden mithalf, ist gerade in Elternzeit und unter anderem für das Marketing zuständig. Sie hat Tourismuskauffrau gelernt und sich später entschieden, ganz in den Laden einzusteigen. Ähnlich ergab es sich bei Sarring, die Kinderpflegerin gelernt und selbst zwei Kinder hat. Seit 2007 arbeitet sie lieber im Familienunternehmen als im Kindergarten. Ihre vorrangigen Bereiche sind zum einen die Käsetheke mit einer Auswahl von mehr als 150 Sorten sowie die Natur- und Biokosmetik.

Der Trend zu Bioprodukten halte an, und die Nachfrage nach Milchersatzprodukten steige deutlich an, sagt Haslauer. Sarring ergänzt, dass vor allem von der jungen Generation vegane Produkte gekauft werden. Das Wissen eignen sich die Frauen bei Schulungen, Händlerreisen, Messen und Herstellerbesuchen an. Vier Enkelinnen lassen aber auf eine weitere Generation Bio-beseelter Unternehmerinnen hoffen.

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