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Corona-Krise in der Reisebranche:Urlaub jenseits vom Trubel

Veronika Bove im Hotel Reschen

Sauber: Veronika Bove bearbeitet die Rezeption ihres Tutzinger Hotels mit dem Dampfreiniger.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Durch die gelockerten Reisebeschränkungen soll auch im Landkreis Starnberg der Tourismus an Pfingsten wieder anziehen, möglichst an "Hidden Places".

Die ersten Urlauber, die über Pfingsten bei Claudia Aumiller im Jakl-Hof in Wörthsee einkehren werden, kennt sie schon. Es sind Radfahrer aus Puch, alte Stammgäste, auf die sich die Hotelbetreiberin schon freut. Auch Besucher aus Berlin, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben nicht storniert und wollen endlich Urlaub machen. Und doch wird vieles anders sein, wenn Aumiller ihr Hotel mit 58 Betten am 30. Mai wieder öffnen darf: Die Krise hat den Tourismus hart getroffen, Aumiller musste Kredite aufnehmen, Ratenzahlungen aussetzen und Mitarbeiter entlassen. Zwei ihrer Stammkunden sind an Covid-19 gestorben. "Es wird eine ruhige Saison, die Menschen sind zögerlich", sagt Aumiller, die zugleich Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga ist.

Das sieht man bei der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung im Landkreis Starnberg (GWT) anders: "Die Leute haben jetzt Lust auf Urlaub", sagt Tourismus-Leiter Klaus Götzl, "wir bemerken ein steigendes Buchungsinteresse, je mehr Lockerungen sich abzeichnen." Doch wie die Reiselaune der Menschen nach den Ausgangsbeschränkungen in einem verträglichen Maß zu einem Neubeginn des Tourismus führen kann, darüber sind sich Hoteliers und Reiseexperten noch uneins. Nach Wochen in den eigenen vier Wänden lockt das Fünfseenland viele Erholungssuchende an, die Gästeinformationszentren der Regionalagentur sind bereits wieder geöffnet. Gäste aus ganz Deutschland werden erwartet.

Bei der GWT hat man sich Gedanken gemacht, wie der Tourismus in der Region dann wieder aufleben könnte. Das Konzept sieht vor, die Urlauber von den Sehenswürdigkeiten wegzulotsen. "Weg von den Hotspots, hin zu den Hidden Places", nennt Götzl diese Devise. Dazu will die GWT zum Beispiel auf ihren Kanälen in sozialen Medien auf schöne Plätze und Routen zwischen den Seen hinweisen, sie will Wanderrouten am Ostufer des Starnberger Sees in Münsing oder am Ammersee in Dießen stärker bewerben. Auch vorgeschlagene Nordic-Walking-Touren abseits der üblichen Wege sollen für eine Verteilung der Gäste sorgen. Wenn die Parkplätze an einem Ausflugsziel belegt sind, soll nach Götzls Vorstellung darüber im Radio informiert werden. "Wenn aber einer unbedingt in Starnberg an den Dampfersteg fahren will, dann wird der da wohl hinfahren", räumt Götzl ein.

Das altbekannte Thema des Übertourismus erfahre mit der Corona-Krise eine neue Brisanz; die Frage, wie viele Besucher einer Region guttun und wann es zu viele sind, stelle sich nun neu. "Es gibt neuralgische Punkte, wo wir an das Verantwortungsbewusstsein der Menschen appellieren", sagt Götzl. Sollten sich zum Beispiel mehrere Wanderer in der Wolfsschlucht begegnen, müssten sich diese eben ausweichen.

Wenn die Touristen also kommen, wird es eine andere Art von Urlaub sein, die sie erwartet: "Wir werden mit Hygienemaßnahmen bis weit ins nächste Jahr hinein leben müssen", sagt Götzl. Ein Spuckschutz an der Rezeption, Wegemarkierungen im Treppenhaus und neue Regeln für die Fahrstuhlnutzung seien dabei nur der Anfang. Ähnlich wie in der Gastronomie müssten Hoteliers Wege finden, die Hygienemaßnahmen sinnvoll umzusetzen: Entweder müsse das Frühstück kontaktlos aufs Zimmer geliefert werden oder aber der Frühstücksraum die Einhaltung der Abstandsregeln ermöglichen. Für Claudia Aumiller vom Jakl-Hof bedeutet das, dass sie ihren Gästen feste Uhrzeiten fürs Frühstück zuweisen muss und eine Mitarbeiterin am Büfett dann die Teller für die Gäste belegt.

Stornierungen sind das Tagesgeschäft

Iris Strobl arbeitet Stornierungen ab.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die beste Investition, die Veronika Bove in den vergangenen Jahren in ihrem Boutiquehotel Reschen in Tutzing getätigt hat, zahlt sich nun für sie aus: ein Reinigungsgerät, das mit feinem heißen Dampf alle Oberflächen reinigt und desinfiziert. In ihrem Haus in Tutzing mit 42 Betten wird damit standardmäßig jedes Zimmer gereinigt. Und Hygiene ist inzwischen zu einem Standortvorteil geworden. Die Hoteleigentümerin hat Wochen voller Sorgen hinter sich, in denen nur fünf bis zehn Prozent aller Buchungen bestehen blieben. Die beiden Akademien am Ort, die Zimmerkontingente für Seminare gebucht hatten, sagten wieder ab. Nur einige wenige Geschäftsreisende und Handwerker kehrten noch ein. Für sie bereitet Bove morgens von 4.30 Uhr an Lunchpakete zu. Sie habe den Gästen stets frisches Geschirr ins Zimmer gestellt, viele hätten sich in der Gastronomie im Ort mit Gerichten zum Mitnehmen versorgt. Wie das in den Pfingstferien laufen solle, könne sie sich noch nicht wirklich vorstellen. Investitionen in Thermoskannen und Geschirr stehen an, für die Plexiglasscheibe an der Rezeption habe sie eigens ein lokales Unternehmen beauftragt. Und dennoch gibt es viele Fragezeichen: "Ein zeitversetztes Frühstück mit festen Essenszeiten für Kleingruppen ist für mich logistisch nicht möglich", sagt Bove. Womöglich müsse der Frühstücksraum mit Paravents aus Plexiglas in Nischen unterteilt werden. Genaue Vorgaben werden für kommende Woche erwartet. Gleichzeitig erlebt Bove interessierte Anrufer derzeit als relativ kompromisslos. "Die Leute wollen jetzt endlich Urlaub nach ihren Vorstellungen, sonst buchen sie nicht."

Darunter leidet auch Iris Strobl. Mit ihrem Andechser Reisebüro Style Travel ist sie von der Coronakrise besonders betroffen. "Seit März haben wir keinerlei Buchungen, sind aber in Vollzeit mit Stornierungen und Rückbuchungen beschäftigt. Für abgesagte Reisen bekommen wir keine Provision - auch nicht, wenn der Urlaub schon vergangenes Jahr im Herbst gebucht wurde", erzählt die Reiseverkehrskauffrau. Bisher verkaufte sie Fernwehträume: Malediven, Karibik, Indischer Ozean. Exotik und Honeymoon. "Kreuzfahrten sind jetzt erst mal durch", sagt sie trocken. Zwar muss sie keine Ladenmiete zahlen, weil sie ihre Reisen größtenteils online verkaufte. Aber ihre drei Mitarbeiterinnen sind Minijobber, die kann sie nicht in Kurzarbeit schicken. Lohnkosten, Buchhaltungskosten, Firmenwagen und Lizenzverträge für Software laufen weiter. Ähnlich wie Hotelbesitzerin Bove hat sie insgesamt 9000 Euro aus Landes- und Bundesgeldern an Soforthilfen erhalten. Dennoch fürchtet sie, dass der ganze Berufszweig vor dem Aus steht: "Ich fühle mich alleingelassen. Uns Touristiker hat es als erstes getroffen und wir werden die Letzten sein, die aus der Krise wieder rauskommen", sagt Strobl, sie hofft auf einen Rettungsschirm für die Branche.

Claudia Aumiller führt den Jakl-Hof

Claudia Aumiller stellt ihren Gästen das Frühstück vor die Tür.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Im Starnberger Hotel Vier Jahreszeiten hat man sich während der Krise mit Geschäftsreisenden und Home-Office-Gästen über Wasser gehalten. So kamen täglich rund 15 bis 20 Projektmanager, Architekten und Selbständige auf der Suche nach einem ruhigen Platz zum Arbeiten und mieteten sich für 50 Euro tagsüber ein Zimmer im sogenannten "Hotel Office", Kaffee und Minibar inklusive. Jetzt werden wieder Touristen erwartet. "Die Tendenz geht dahin, dass die Gäste gleich fünf bis sieben Übernachtungen buchen, manche wollen jetzt sogar 14 Tage bleiben", sagt Marketingleiter Tobias Baumann. Und vielleicht könnte das eine vage Hoffnung sein für den Tourismus in der Region: Deutschlandtouristen, die einfach mal etwas länger am Ort bleiben.

© SZ vom 16.05.2020
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