bedeckt München
vgwortpixel

Ungewöhnliche Ausstellung:Göttlicher Glibber

Neue Ausstellung im Kupfermuseum Fischen; Kupfermuseum Fischen

Die Formen für Gelees und Sülzen, die Madlon Kern im Fischener Kupfermuseum präsentiert, könnten Architekten vor 150 Jahren inspiriert haben.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Kupfermuseum in Fischen zeigt Formen für Sülze und Gelee

"Die Faszination Kupfer hat ganz harmlos angefangen". Lang muss das her gewesen sein, denn von der verzehrenden Sammelleidenschaft des Museumsstifters Siegfried Kuhnke legt seine Sammlung in Vorderfischen beredtes Zeugnis ab. Mehr als 1000 Exponate sind dort versammelt. Und die Tenne des 250 Jahre alten Gast- und Gutshof ist von einem ganz eigenen, warmen Licht erfüllt, wie es wohl nur die vielfache Spiegelung des "Roten Goldes" erzeugen kann.

Nach der dreimonatigen Winterpause ist das Museum jetzt wieder mittwochs bis samstags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Und wie immer hat sich der Gastgeber zur Osterzeit wieder etwas Neues einfallen lassen: Seine etwa 100 Aspik- und Geleemodeln aus dem 19. Jahrhundert haben ihn dazu inspiriert, sie wie Architekturmodelle zu Stadtbildern zu arrangieren. Tatsächlich wirken die geometrisch verkünstelten Formen für Götterspeisen oder Sülzen wie futuristische Gebäudevisionen: So könnte sich ein Baumeister der Gründerzeit Kathedralen, Mausoleen und Prunkbauten der Moderne erträumt haben.

Die Ähnlichkeit der Modeln mit Architektur sei auch schon seinem Sammlerrivalen Professor Rudolf Leopold aufgefallen, erzählt Kuhnke. Er konnte von der Witwe des 2010 verstorbenen Direktors des berühmten Wiener Leopold Museums viele Kupfergegenstände erwerben - nach der Hofküche des Hauses Hannover war dieser Nachlass Kuhnkes bislang ergiebigste Quelle.

Doch er bleibt ständig auf der Suche nach der nächsten Kupferader: "Ich bin ja oft bei Haushaltsauflösungen, aber da trifft man leider fast keine echten Sammler mehr." Für die eher wahllosen Aufkäufer hat Kuhnke nur Verachtung übrig. Als IHK-Sachverständiger für unedle Metalle hat ihn im Alter von 32 das Kupferfieber erwischt. Inzwischen hat der 81-Jährige längst auch seine Frau Evelyn und die Tochter Madlon infiziert. Die Familie kann zu fast jedem Ausstellungsstück interessante Fakten beisteuern. So betont Kuhnke die Bedeutung der Patisseriemodeln im 19. Jahrhundert: Als fast jeder schlimme Zahnprobleme hatte, waren Puddings, Sülzen und Gelees viel beliebter als heute. Göttlichen Glibber aus Kupferformen konnten sich aber nur hochherrschaftliche Haushalte leisten: Brauchte es doch zehn Arbeitstage und 30 000 Hammerschläge, bis ein Schmied eine extravagante Form aus dem Kupfer getrieben hatte.

© SZ vom 31.03.2015
Zur SZ-Startseite