Süddeutsche Zeitung

Literatur:Tartufos Höhenflug

Lesezeit: 3 min

Vanessa Lange hat mit 12 Jahren den ersten Jugendliteraturpreis beim Starnberger Undine-Wettbewerb gewonnen. Inzwischen studiert sie Zahnmedizin und hat ihr viertes Buch herausgebracht.

Von Gerhardt Summer

Die SZ stellt Autorinnen und Autoren vor, die den Undine-Literaturpreis gewonnen haben oder mit ihren Texten in dem Sammelband "Das Beste aus Starnberger Federn" vertreten sind. Der Herausgeber der "Starnberger Hefte", der frühere Deutschlehrer Ernst Quester", und der Geschäftsführer der Starnberger "Bücherjolle", Wolfgang Bartelmann, haben den Wettberb 2014 begründet. Inzwischen läuft die vierte Ausschreibung. Einsendeschluss ist der 30. September 2022. Weitere Infos unter https://buecherjolle-shop.buchkatalog.de/Veranstaltungen.

Das ist eine anrührende Geschichte: Eine Storchenfamilie beschließt schweren Herzens, ihr krankes Junges zurückzulassen und in den Süden aufzubrechen. Denn Tartufo, so heißt der Kleine, ist viel zu spät geschlüpft und kann noch nicht fliegen. Tags darauf schneit es. Tartufo packt die Wut, und irgendwie beißt er sich durch trotz der Eiseskälte, macht sich in Richtung Afrika auf, legt eine Bruchlandung auf der Tragfläche eines Flugzeugs hin, das durch die Wolken saust, und gerät in Treibsand. Kann das gutgehen?

Vanessa Lange war 12, als sie 2014 mit ihrer Storchen-Fantasygeschichte den ersten Jugendliteraturpreis im Starnberger Wettbewerb "Undine" gewonnen hat. Was fast schon unglaublich ist, so blitzsauber und gewitzt ist "Tartufo" geschrieben. Inzwischen hat die Starnbergerin ihr viertes Buch nach dem Jugendroman "Sandimago", den "Kurzgeschichten kreuz und quer" und "Primel und die Schattenwesen" veröffentlicht. "Ab auf die Palme" ist im Juni dieses Jahres auf den Markt gekommen, das Buch war ein Geburtstagsschenk für ihre Mutter, die "gerne Frauen-Witzromane" liest, wie Lange sagt. Und das sei auch das Genre, das sie derzeit am liebsten beackere: "Liebesgeschichten, aber satirisch und im Kolumnenstil, mit stillen Typen aus dem Alltag". In dem Fall geht es um die 24-jährige Anna, die in einem Reisebüro arbeitet und bei ihren Schwiegereltern in spe arbeitet, um eine Dreiecksbeziehung und Gewissensbisse. "Aber", sagt die inzwischen 20-jährige Schriftstellerin, "am Ende wird alles gut". Denn sie halte sich zwar fern von Heile-Welt-Büchern, tendiere aber stets zum Happy End. Das habe mit ihrer Persönlichkeit zu tun, "ich bin ein sehr positiver Mensch". Ihr komme es darauf an, dass ihre Leser in eine "schöne Welt abtauchen können, wo alles gut endet".

Die literarisch früh gereifte Autorin, die immer die Gute-Nacht-Geschichten und die Gedichte ihres Opas zu Geburtstagen und anderen Feiern liebte, hat ihren ersten Text schon in der Grundschule verfasst, "mit tausend Rechtschreibfehlern". Es ging um die alltäglichen Probleme eines Mädchens mit seinen Eltern, "das war nicht so tiefschürfend", sagt Lange und lacht. Als sie 2014 von dem Undine-Wettbewerb mit dem Thema "360 Grad unterwegs" erfuhr, habe sie sofort an den Kompass der Zugvögel denken müsse, sagt sie. Und sie ließ sich von den Büchern, die sie damals las, zu Tartufos Abenteuer inspirieren. Unter anderem sei sie nämlich ein "Wahnsinnsfan" der Fantasyreihe "Warrior Cats" , die von der Autorengruppe Erin Hunter stammt.

Inzwischen studiert die junge Frau, die auf dem Starnberger Gymnasium dem vormals von Ernst Quester gegründeten Literaturzirkel "Freies Schreiben" angehörte, in München Zahnmedizin, das sei ihre "zweite Leidenschaft". Ob also bald ein Zahnarztroman folgen wird? Vanessa Lange ist sich noch nicht sicher. Aber auf jeden Fall werde ihr nächstes Buch wieder in die Richtung von "Ab auf die Palme" gehen". Und selbstverständlich ein Happy Ende haben.

"Tartufo" - ein Auszug aus Vanessa Langes Geschichte:

Tartufo ist in Treibsand geraten, anschließend rettet ihn seine zukünftige Liebe Laventina:

"Lange blieb er so liegen. Mit glasigen Augen sah er zu, wie es immer heller wurde. Bald würden hier Menschen vorbei kommen, doch es war ihm egal. Plötzlich hielt ihm jemand ein Bündel Moos an den Schnabel. Es war mit Wasser getränkt. Gierig schlürfte Tartufo es auf. Es tat weh beim Schlucken und kratzte im Hals. Jetzt wurde ihm ein Regenwurm in den Schnabel geschoben. Verschwommen erblickte er ein besorgtes Storchgesicht. Es war ein junges, kräftiges, weibliches Gesicht. Auch war es wunderschön. Tartufo wollte sich gar nicht mehr losreißen. Er blickte in ein hübsches, blaues Augenpaar. Die Störchin beugte sich zu ihm herunter und wusch den Sand von seinem Gefieder. Es scheuerte unangenehm an der Haut. Dennoch wehrte er sich nicht. Sein Herz raste. Diese Störchin war das Schönste, was ihm je in seinem Leben begegnet war. Langsam klärte sich sein Blick auf. Klar sah das Mädchen noch vollkommener aus. Er richtete sich mühsam auf. "Oh, du bist wieder bei Sinnen!", rief sie erfreut. "Ja", sagte Tartufo knapp. Seine Stimme hörte sich kratzig an, so lange hatte er sie nicht benutzt. Außerdem verspürte er einen unsagbaren Schmerz in der Kehle, der es ihm erschwerte, noch mehr zu sagen. Offenbar steckte immer noch Sand in seinem Hals. Er hustete. Er hörte sich röchelnd an, und etwas Blut lief aus seinem Schnabel. Sein Gegenüber wischte es weg. Wie weich ihre Federn doch waren. Er wollte nicht, dass sie ihn losließ. "Bleib", brachte Tartufo hervor. Sie nickte. Beruhigt schloss der Storch die Augen und döste ein."

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