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Tutzinger Juwel:Die eigenwillige Königin

Die kostbare Schleich-Orgel hat eine bewegte Geschichte samt Intermezzo auf der Ilkahöhe hinter sich. Weil bestimmte Tonarten auf dem 300 Jahre alte Instrument schräg klingen, landete es im Ortsmuseum. Zumindest ein Verkauf scheint jetzt vom Tisch zu sein

Von Manuela Warkocz, Tutzing

Es sollte ein großer Auftritt der Jubilarin werden: Zu ihrem 300. Geburtstag wollte Tutzing die altehrwürdige Schleich-Orgel mit einem Konzert prächtig in Szene setzen. Allein, Corona verhinderte das Geburtstagsständchen, das möglichst im kommenden Frühjahr nachgeholt werden soll. Denn festzustehen scheint, dass sich Tutzing nicht von der wertvollen Orgel aus dem Jahr 1720 trennen möchte. Schließlich hatte das außergewöhnliche Instrument auch schon eine wechselvolle Geschichte hinter sich, bevor es vor zwei Jahren seinen Platz im Tutzinger Ortsmuseum fand. Dort könnte die alte Dame allerdings dringend einen Feuchtigkeitsspender gebrauchen. Denn ihr Korpus ist durch übermäßige Sonneneinstrahlung leider ganz schön rissig geworden.

Das Tutzinger Kleinod hatte einst Philipp Franz Schleich geschaffen, Mitglied einer Orgelbaudynastie aus Stadtamhof bei Regensburg. Ursprünglich könnte die Orgel die Hauskapelle eines Regensburger Patrizier-Geschlechts geziert haben oder in einem der herrschaftlichen Häuser für Kammermusik eingesetzt worden sein. Belegt ist nichts. Bekannt ist aber, dass nur noch zwei Schleich-Orgeln existieren. Eine steht im Stadtmuseum Regensburg, die andere in Tutzing. Wie die Orgel an den Starnberger See kam, liegt ebenfalls ziemlich im Dunkeln. Der Gründungsdirektor des Tutzinger Gymnasiums, Johann Salomon, erinnerte sich nur, dass das Instrument aus einem Haus vom Ostufer des Starnberger Sees stammte und dem Realgymnasium Ende der 1950er-Jahre als Schenkung übergeben worden war.

Tutzing Orgelspaziergang

Die Tastatur der Schleich-Orgel im Ortsmuseum ist vergilbt - der Klang mal betörend, mal ganz schön schief.

(Foto: Georgine Treybal)

Dort konnte man offenbar nicht so viel mit einer Orgel anfangen. Die Schleich-Orgel verschwand. Erst in den 1980er-Jahren entdeckte Hausmeister Kurt Lorenz zufällig auf dem Dachboden der Kalle-Villa, des alten Hauptgebäudes des Gymnasiums, die in viele Einzelteile zerlegte Orgel. Der Hausmeister führte Georg Vollmuth, damals Pfarrgemeinderat von St. Joseph und seit seiner Jugend an Orgeln interessiert, auf den Speicher: "Das war ein furchtbares Durcheinander, Orgelpfeifen lagen in einer Ecke kreuz und quer übereinander", erinnert sich der heute 82-jährige Tutzinger.

Man habe nicht ahnen können, welch großartigen Fund man da vor sich hatte. Die Sensation enthüllte Orgelbauer Dieter Schingnitz in Iffeldorf. Er fand in der Original-Windlade der Orgel eine Pergamentinschrift, die sie als Werk aus dem Jahr 1720 von Philipp Franz Schleich auswies. Der damalige Bürgermeister Alfred Leclaire ließ die alte Orgel restaurieren, fasziniert von der Vorstellung, dass sie zur gleichen Zeit entstanden war, in der Johann Sebastian Bach seine "Brandenburgischen Konzerte" komponiert hatte. Die Schleich-Orgel wurde in der St. Nikolauskirche auf der Ilkahöhe eingebaut - und für 100 000 Mark versichert.

Tutzing Orgelspaziergang

Helene von Rechenberg spielt bei geöffneten Fenstern auf der im Ortsmuseum gelandeten Schleich-Orgel, draußen hören Teilnehmer des "Orgelspaziergangs" zu.

(Foto: Georgine Treybal)

Heute gilt sie unter Fachleuten als unbezahlbar.

Die kleine Orgel hat freilich auch so ihre Tücken. Helene von Rechenberg, Kirchenmusikerin von St. Joseph und ausgewiesene Orgelspezialistin, spricht lieber von "Besonderheiten". Denn typisch für die Zeit des Spätbarocks ist die Schleich-Orgel ein wenig zu hoch intoniert, je nach Temperatur und Feuchtigkeit etwa einen Halbton. "Man hat einfach etwas kleinere Orgelpfeifen verwendet, um Material und damit Geld zu sparen", nennt Rechenberg als einen Grund. Aus Sparsamkeit sei auch in den tiefen Tönen keine volle Oktave ausgebaut worden. Cis und Dis, Fis und Gis fehlen unten einfach. Die "mitteltönige Stimmung" ruft zudem den "Orgelwolf" hervor - nicht jeder Akkord lässt sich rein spielen.

Zur Entstehungszeit der Orgel haben Komponisten dieses Phänomen bewusst eingesetzt. "Musiker nutzten schräge Tonarten wie H-Dur und E-Dur, um Tod, Sünde und Teufel auszudrücken, C-Dur, D-Dur und Es-Dur symbolisierten dagegen das Königliche und die Auferstehung", erklärt die Kirchenmusikerin. Mit der passenden Musikliteratur klinge die Schleich-Orgel wunderbar.

Viele Stücke müssen heute aber auf dem 300 Jahre alten Instrument transponiert werden. Für den Kirchengesang erwies sie sich als schwierig, viele Besucher der Nikolauskirche empfanden den Orgelklang als "spitz". Manches wie das "Ave Maria" von Schubert, das gern zu feierlichen Anlässen gewünscht wird, kann man auf dieser Orgel gar nicht intonieren. Das Ende vom Lied: Eine Stifter-Familie spendierte für die Ilkahöhe eine neue Orgel aus der Füssener Werkstatt Heiß, die historische Schwester bekam 2018 einen Platz im Ortsmuseum.

Alte Orgel im Heimatmuseum; Die alte Orgel von St. Nikolaus

Die Musikerin sieht in dem Instrument ein kostbares Zeitzeugnis.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Nicht jeder fand die raumgreifende "Königin der Instrumente" in den beengten Räumen am Thomaplatz passend. In einem Gemeinderatsausschuss wurden 2018 Überlegungen angestellt, die Schleich-Orgel zu verkaufen oder dem Orgelmuseum Kelheim als Dauerleihgabe zu überlassen. Zumindest ein Verkauf scheint nun vom Tisch. Vizebürgermeisterin und Kulturreferentin Elisabeth Dörrenberg (CSU) versichert auf Nachfrage: "Die Gemeinde hat nicht vor, die Orgel zu verkaufen." Was Helene von Rechenberg freut. Tutzings Kulturpreisträgerin sieht in der Schleich-Orgel ein "Zeitzeugnis". Im Ortsmuseum sei sie prinzipiell gut aufgehoben, zumal die Orgel nun in den hinteren Raum umgezogen ist. Die Sonne, die durch das große Fenster des Neubaus scheint, habe jedoch Spuren hinterlassen, das Holz sei rissig geworden. Für wünschenswert hält Rechenberg daher einen Raumbefeuchter, damit sich die Orgel erholen könne.

Beim "Orgelspaziergang" diesen September, der mit der Kirchenmusikerin zu fünf Orgeln in Tutzing führte, konnten sich Zuhörer vor geöffneten Fenstern vom besonderen Klang der 300 Jahre alten Königin überzeugen. Im Frühling ist ein größeres Freiluft-Konzert geplant sowie im Herbst 2021 ein erneuter Orgelspaziergang auch zur Schleich-Orgel.

© SZ vom 10.11.2020

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