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Kultur:Vom Suchen und Finden der Fans

Regisseurin Felicitas Darschin

Steht auch selbst vor der Kamera: die in Tutzing lebende Regisseurin Felicitas Darschin.

(Foto: Nue Ammann)

Die Tutzingerin Regisseurin Felicitas Darschin geht neue Wege in der Film-Produktion. Sie setzt auf eine Mini-Serie auf Youtube und Facebook, Ideen der Community sollen auch in die Story einfließen

Durch eine von der feuchten Luft verzogene Sperrholztür betritt man die "Kulissenvilla 1", ein von außen schmuck anzusehendes Herrenhaus auf dem Bavaria-Filmgelände. Der Hausname hält, was er verspricht - eine geräumige Eingangshalle und vertäfelte Wände mit aufgepinselter Mahagonimaserung, dazu noch ein unglaublich lauten Heizungsgebläse, das nur wenig Nutzen bringt. Vor dem herrschaftlich wirkenden Treppenaufgang stehen banale Biertische und -bänke, Getränkekästen stapeln sich, und auf einer provisorischen Anrichte lagern Süßigkeiten und eine Espressomaschine. Aus dem Salon nebenan dringen Stimmen, dort wird geprobt - Szenen aus dem Kinofilm "Liebe lieber ungewöhnlich" (so der Arbeitstitel) von der aus Tutzing stammenden Regisseurin und Drehbuchautorin Felicitas Darschin.

Die Drehbuchidee zu dem "skurril-poetischen Ensemblefilm" - einem modernen "Großstadtmärchen über das magische Verwirrspiel der Liebe", das 15 Menschen in acht Episoden aufeinander treffen lässt, die sich verlieren und verzaubern - fiel bei den angefragten Schauspielern von Anfang an auf guten Boden. Weshalb schon jetzt, noch vor der abgeschlossenen Finanzierung für das Kinoprojekt, die Besetzungsliste nahezu komplett ist. Bibiana Beglau, Inga Busch, Annina Butterworth, Anna Böger, Katrin Filzen, Mirjam Kendler, Herbert Knaup, Host Kotterba, Gilbert von Sohlern, Georg Tryphon und Gustav Peter Wöhler haben fest zugesagt. Und das Besondere ist: sie alle nehmen am Proben- und Projektentwicklungsprozess teil.

Von Filmemachern hört man häufig, dass es in der Branche immer schlimmer werde, dass es an Zeit und Geld mangle und kreative Ideen der Schnittmengen-Politik zum Opfer fielen. Schlechte Vorzeichen also für junge Regisseure und Produzenten - außer man setzt deutlich früher an, findet eine "eigene Währung", wie Felicitas Darschin sagt, mit der zu wuchern sich auch die großen Finanziers nicht versagen: Die Rede ist von der Fan-Gemeinde im Internet, mit ihren unbezahlbaren Likes und Shares. Diesen Umstand will das Dreigestirn David Brenner, Darschin und Clarens Grollmann von der Filmproduktionsfirma "Siebensinne" für sich nutzen: Der teure Kinofilm soll mit Hilfe eines zeitlich vorgeschobenen transmedialen Projekts realisiert werden. "Wir wollen die Menschen auf eine Reise durch verschiedene Medien mitnehmen und gehen dafür sowohl narrativ als auch technisch neue Wege", erläutern die Produzenten ihren Plan.

Konkret heißt das: Noch bevor die erste Klappe fällt, wird eine Mini-Serie als interaktive Geschichte im Internet gestartet. Voraussichtlich von Sommer 2016 an werden im wöchentlichen Turnus Videos mit den Schauspielern des Kinofilms online gestellt, die zunächst allesamt die Backstories - genauer: die Geschichten der ersten Liebe - der Filmcharaktere erzählen. Diese kurzen Streifen werden von einer animierten Figur, einem in Sachen Beziehung enttäuschten Ganter namens "Rakete", erfrischend grantlerisch kommentiert. Durch die kantige, humorvolle Mini-Webserie auf Youtube und Facebook hoffen Brenner und Darschin, zu einer Fan-Gemeinde zu kommen. Diese Community soll aber nicht auf das Prinzip von Like und Share begrenzt sein, sondern selbst filmisch aktiv werden. Auf diese Weise sollen persönliche Erzählungen rund um die erste Liebe in Form von Kurzvideos als "User Generated Content" Eingang in den Story-Kosmos finden und, so jedenfalls die Vision der Produzenten, von den selbst als neue Protagonisten auftretenden Fans mit eigenen Posts weiterverbreitet werden. Eine zeitgemäße Idee, die dem Team von "Siebensinne" eine erstmals vom Film-Fernseh-Fond Bayern ausgeschüttete Paketförderung einbrachte, das "Slate Funding" für das gleichzeitige Entwickeln mehrerer Projekte, in diesem Fall Kino und Transmedia.

Doch damit nicht genug: Das Produzententrio bewarb sich noch mit einer weiteren Facette des Projekts - dem Probenprozess als Ausgangspunkt für einen begleitenden Dokumentarfilm, der als Lehr-DVD Filmstudenten zugute kommen soll - erfolgreich um Fördermittel der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) und der Stiftung Kulturwerk der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst. Und so erklärt sich, wie Darschin den finanziellen Rahmen für eine zweiwöchige Probenarbeit schaffen konnte, die beim Film seit langem nicht mehr die Regel, sondern Ausnahme ist. Ihrer Ansicht nach setzt der Proben- und Entwicklungsprozess "jede Menge kreativer Ideen frei", und schaffe "einen optimierten Start für den Dreh des Kinofilms".

Am Ende eines mit Improvisationen, Proben und Web-Video-Dreharbeiten vollgestopften Tages sind nur noch drei Menschen am Set: der Kameramann und Tonmeister für die Doku mit dem Titel "Lebendiges Kreativmanagement" und Darschin als Produzentin, Regisseurin und Autorin. Jetzt steht sie selbst vor der Kamera und erläutert ihre Arbeitsweise, damit künftige Filmemacher von ihrem Speerspitzenprojekt profitieren können.

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