Denkmalschutz:Wie lange kann sich Tutzing die Kustermann-Villa noch leisten?

Lesezeit: 5 min

Die Kustermannvilla ist als Pfand für die Kosten der Mittelschul-Sanierung hinterlegt. (Foto: Arlet Ulfers)

Die Neurenaissance-Villa aus dem Jahr 1865 ist als Faustpfand für die Sanierung der Volksschule hinterlegt. Eine Expedition in ein Reich aus schwerem Eisen und schwierigen Fragen.

Von Viktoria Spinrad, Tutzing

Wie eine Mauer steht sie da, die dunkelblaue Tür aus Eisen, ein stummer Zeuge aus der Vergangenheit. Sie ragt bis zur Decke, die handbreiten Riegel lassen sich nur schwer bewegen, genau wie die Tür als Ganzes. Man muss sich vehement dagegenstemmen, um das Massiv zu bewegen. Zentimeter für Zentimeter gibt der Widerstand die Kelleröffnung frei. "Vorsicht Rutschgefahr", steht an der Tür. Hinter ihr lauert ein weit verzweigtes Reich aus Gängen, Staub und Fragen.

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Tutzinger Süden, Hauptstraße 2, Flurnummer 638. Draußen thront die denkmalgeschützte Kustermann-Villa verschlafen auf einer Anhöhe, sie gilt als eine der elegantesten Bauten am Starnberger See. Der Bauch des Domizils hingegen könnte auch als Setting für einen "Escape Room" oder einen Horrorfilm herhalten. Die alten Gänge sind staubig, manche so schmal, dass man sich gut vorstellen kann, wie Kinder hier früher Verstecken spielten. Hier und da liegen ein paar Nägel.

Die blaue Eisentür wurde entweder während des 2. Weltkriegs als Luftschutzkeller eingebaut oder danach als Eisenschutztür, falls die Heizung explodiert. "So ganz ist das nicht geklärt", sagt Anja Behringer vom Förderverein der Villa. (Foto: Viktoria Spinrad)
Die Kellerräume haben etwas von einem Abenteuerspielplatz. In der unteren Etage wurde früher gekocht. (Foto: Arlet Ulfers)
Der alte Teppich ist schon ziemlich verstaubt und verblasst. (Foto: Arlet Ulfers)

Wer die Treppe emporsteigt, erreicht einen abgewetzten Teppich, der vielleicht irgendwann mal rot war. Auf einem Sims steht eine einsame Teekanne.

Die symmetrisch gestaltete Neurenaissance-Villa mit ihrer doppelläufiger Treppe und floralen Decken ist ein hochpolitisches Thema im Ort. Sie gehört der Gemeinde, doch die steckt in Finanznöten. Um dennoch die teure Sanierung der Grund- und Mittelschule stemmen zu können, hat sie das Haus als mögliches Faustpfand hinterlegt. Kann sie den auf derzeit zehn bis zwölf Millionen Euro geschätzten Eigenanteil 2025 nicht zahlen, muss die Gemeinde die Villa wohl verkaufen - so ist es mit dem Landratsamt vereinbart. Wie kommt sie aus der Nummer wieder raus? Was kann, was sollte, was muss eine finanzgebeutelte Gemeinde mit einer sanierungsbedürftigen Villa anstellen?

Das Gewächshaus liegt da wie ein Skelett

158 Jahre nach ihrem Bau im Jahr 1865 wirkt die einstige Herrschaftlichkeit etwas getrübt. Oben, wo die Familie des Eisenwarenindustriellen Max Kustermann einst badete, ist nun eine Küche mit einer Einsteckherdplatte, Sektgläsern und einem silbernen Schwein. Der damals vom Königlich-Bayerischen Hofgartendirektor, Karl von Effner, angelegte Garten hat jetzt im Winter eher was von einer Sumpflandschaft. Das Gewächshaus, in dem früher die Orangen blühten, liegt da wie ein Skelett. Eine Villa in der Schwebe.

"Weiße Villa", nannte die Familie ihr Refugium. Den Garten hat früher der angesagteste Landschaftsarchitekt seiner Zeit angelegt: der Königlich-Bayerische Hofgartendirektor Karl von Effner. (Foto: privat / Anja Behringer (Quelle))
Im 21. Jahrhundert beklagt der Förderkreis, dass die früheren Strukturen immer mehr verschwänden. (Foto: Arlet Ulfers)
Richard von Rheinbaben war der letzte Mieter. Ende November 2022 ist sein Vertrag mit der Gemeinde ausgelaufen. (Foto: Arlet Ulfers)

Unter dem Teppich im ersten Stock knarzen die Dielen. Bis vor Kurzem wickelte der Unternehmer und Konsul Richard Kreuzwendedich Freiherr von Rheinbaben hier noch seine Geschäfte ab.

Nun deutet Marlies Zahn-Ebert auf die blaue Silhouette eines italienischen Schlosses. Als die Tutzinger Malerin hörte, dass die Gemeinde die Villa für eine Zwischenzeit der Kunst überlassen wolle, signalisierte sie gleich ihr Interesse. "Pop-up-Kunst in der Kustermann-Villa", hat sie die kunterbunte Ausstellung getauft, die noch bis Ende Januar in der 157 Jahre alten Villa gastiert.

Abstrahiert stellt Marlies Zahn-Ebert das 'Castel del Monte' dar (2022). (Foto: Arlet Ulfers)
Anja Behringer ist die Vorsitzende des Fördervereins von Kustermannvilla und -park. Sie kämpft für den Erhalt des Hauses und der Außenanlagen. (Foto: Arlet Ulfers)

Vom ersten Stock geht es in den zweiten. Unter den Fenstern im Gang sind kleine Miniaturschublädchen für das Kondenswasser. Früher war das Haus die Sommerresidenz der Familie Kustermann - und Mehrfachverglasung im 19. Jahrhundert noch eher unbekannt. "Zugige Bude", nennt es Anja Behringer vom Förderkreis der Villa und des anliegenden Parks. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese kaum veränderte Villa zu erhalten- gerne auch mithilfe von Kunst. Alles, was Leben reinbringe, helfe, sagt sie. Was sich gar nicht so einfach gestaltet bei einem Objekt, bei dem allein die monatlichen Heizkosten schnell in die Tausender gehen.

Brücken, Gullydeckel, Hauptbahnhof: In der Münchner Infrastruktur steckt viel Kustermann

Vielleicht hilft dem Sorgenkind ein wenig Humor. " Dees is doo, und dees is doa und a dees is do, und dees is aa do und wanns wos brauchn duads, des wos ned doo is geds und kaffzas, dann hobzes aaa", reimt der österreichische Dichter Ernst Jandl nun von einem Leinentuch im Treppenhaus, das die Weilheimer Künstlerin Beate Oehmann bestickt hat.

Derzeit zieren bairische Stofftücher die Wände zwischen erstem und zweitem Stock. (Foto: Arlet Ulfers)

Oben in den Räumen schliefen früher wohl die Erwachsenen, sagt Anja Behringer. In Süddeutschland hatte der Eisenmagnat Max Kustermann eine monopolartige Stellung, seine Firma goss nicht nur das Material für einige Münchner Brücken, sondern auch einen großen Anteil der Münchner Gullydeckel. 51 Jahre, nachdem die damals noch von der Gewerbesteuer des Biochemieunternehmen Boehringer gesegnete Gemeinde die Villa samt Park 1972 kaufte, hebt hier Ines Voelchert eine Schwarzlichtlampe hoch. Einen Teil ihrer verwunschenen Farbcollagen hat die Malerin aus Berg mit Neonfarben gezeichnet. Sobald das Licht auf sie trifft, erleuchten einzelne Streifen hell. "Je dunkler es wird, desto besser", sagt sie.

Mit einer Schwarzlichtlampe bringt Ines Voelchert die Neonfarben in ihrem Bild zum Leuchten. (Foto: Viktoria Spinrad)
Ines Voelchert, 'Abstrakt' (2022) (Foto: Arlet Ulfers)
Marlies Zahn-Ebert (2. von links) hat unter anderem mit Sigrid Wever (l.), Danielle Vochims (2.v.r.) und Ines Voelchert (r.) eine Ausstellung auf die Beine gestellt. (Foto: Arlet Ulfers)
In ihrem Atelier betreibt Danielle Vochims "Upcycling"-Kunst. (Foto: Arlet Ulfers)

Nebenan hat die Tutzinger Künstlerin Sigrid Wever ein Experimentierfeld der Wahrnehmung geschaffen. Zunächst wirkt es, als sei da gar nichts auf den Leinwänden. Doch je länger man schaut, desto mehr kriechen die in 20, 30 Schichten aufgetragenen Farben hervor. Gerade abends sei die Energie hier eine sehr besondere, sagt sie.

Etwas, von dem auch Daniella Vochims im linken Flügel profitiert. Bereits seit knapp zwei Jahren klebt sie hier Recycling-Artikel wie Joghurtdeckel und Kaffeekapseln übereinander; ihre "Upcycling"-Kunst präsentiert sie auch auf Industriemessen.

Es ist eine Ausstellung auf Zeit. Ende Februar müssen die letzten Künstler raus. Danach soll aus der Villa ein Co-Working-Space entstehen, also ein Ort, an dem sich Menschen zum Arbeiten einmieten können - so hat es der Gemeinderat beschlossen. Das sei immerhin schon mal ein Stück mehr Öffentlichkeit als bisher, sagt Bürgermeisterin Marlene Greinwald (FW). Der Druck auf sie ist groß in einer Zeit, in der die Gemeinde ihren Pflichtaufgaben wie Schule und Kita kaum noch nachkommen kann. Der Erhalt einer maroden Villa wirkt da eher schon wie Luxus. Entsprechend vorsichtig wählt sie ihre Worte. Natürlich sei der Erhalt einer denkmalgeschützten Villa wichtig, betont sie. "Keiner möchte sie verkaufen." Aber Pflichtaufgaben stünden eben an erster Stelle.

Im Treibhaus überwinterten früher exotische Planzen. (Foto: privat /Anja Behringer)
Heute rostet das alte Gewächshaus vor sich hin - es steht unter Denkmalschutz... (Foto: Arlet Ulfers)
...genau wie als auch das Bootshaus am Seeufer. (Foto: Arlet Ulfers)

Um die marode Volksschule überhaupt sanieren zu können, ohne dabei den Haushalt gänzlich lahmzulegen hat der Gemeinderat am 20. April 2021 in nichtöffentlicher Sitzung eine beliebte Lösung gewählt. "Geschäftsbesorgungsvertrag" nennt sich das Zauberwort, mit dem sich klamme Gemeinden gern Zeit erkaufen. Die Vorfinanzierung übernimmt die Bayerngrund, eine Tochter der Bayerischen Landesbank. Abkassiert wird erst am Schluss, also 2025. Vielleicht werden es nur zehn, vielleicht zwölf Millionen oder mehr sein, die als Eigenanteil für die Sanierung anfallen. Ob die in drei Jahren tatsächlich zur Verfügung stehen werden, ist ungewiss. Vielleicht, sagt Kämmerin Manuela Goldate, sprudele ja dann die Gewerbesteuer. So ganz davon überzeugt klingt sie nicht.

Der Haushaltsstand 2025 entscheidet über die Zukunft der Villa

Theoretisch könnte auch eine andere Immobilie verkauft werden - nur mangelt es hier an Optionen. "Große Alternativen gibt's nicht", sagt der Tutzinger Gemeinderat Thomas von Mitschke-Collande (CSU). Die Villa zu verlieren "wäre sehr, sehr bedauerlich", sagt er. Ähnlich sieht es Bernd Pfitzner (Grüne). "Ein Verkauf würde auch nur kurzfristig weiterhelfen", sagt er. Über die Jahre hingegen könnte die Villa ertragreich sein, die mal Sommerresidenz, mal Lazarett, mal Schule und mal Auffangstation für Geflüchtete war.

Die beiden Gründer des bisher einzigen Tutzinger Co-Working-Spaces "Ecoality", Miguel Messner und Cara Kintscher, könnten zukünftig eine Rolle bei der Villa spielen. (Foto: Louis Strohkendl/STR Media)

Im Februar soll die offizielle Suche nach einem Co-Working-Träger losgehen. Bisher gibt es in Tutzing nur ein entsprechendes Establishment. "Ecoality" wurde im April 2022 im Grubenweg eröffnet. Inzwischen arbeitet hier eine zweistellige Anzahl an Selbstständigen und Unternehmern aus Branchen wie Beratung, Film und Sozialem zusammen. Teils kämen die Menschen der Ruhe wegen auch aus umliegenden Städten wie München, sagt Miguel Messner, einer der beiden Gründer. Er könnte auch eine Rolle bei der Zukunft der Villa spielen. Weil die Nachfrage immer weiter steige, wolle man sich auf die Ausschreibung bewerben, sagt er. "Das wäre ein toller nächster Schritt für uns."

Im Keller braucht es einen festen Zug am Metallgriff, dann ächzt die schwere Eisentür wieder und fällt langsam zu. Zumindest, bis der oder die Nächste hier ein neues Kapitel in der wechselvollen Geschichte der Villa aufstößt.

Die Ausstellung ist noch im Januar jeweils sonntags von 12 und 18 Uhr geöffnet.

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