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Tutzing:Tiefgründiges Tohuwabohu

Während Raphaela Gromes das Dargebotene auch mimisch deutlich macht, verrät Julian Riem nur wenig von seinen Emotionen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Cellistin Raphaela Gromes und der Pianist Julian Riem präsentieren in Tutzing Sonaten von Strauss und Brahms

Von Reinhard Palmer, Tutzing

Respekt vor Musikern, die derzeit ihre Programme zweimal nacheinander spielen, damit möglichst viele Konzertbesucher in den Genuss der Darbietung kommen. Alleine die körperliche Anstrengung ist enorm, die Konzentrationsleistung erst recht. Nach großer Nachfrage bei den Tutzinger Brahmstagen konnten die Macher alle vier Konzerte verdoppeln. Es war nur Verständlich, dass Cellistin Raphaela Gromes und Julian Riem am Flügel beim zweiten Vortrag in der Gymnasiums-Aula nach einer Zugabe um Entlassung baten.

Gerade die beiden Sonaten von Richard Strauss und Brahms sind ereignisgedrängte Werke, die einem entspannten melodischen Fluss nur wenige Takte zugestehen. Dann umso effektvoller - doch geht es stets gleich weiter mit feinsinnigem Changieren in Farbigkeit und Charakter, bald mit Spannungsaufbau, Verdichtung, Brüchen und Wendungen. Insbesondere die Sonate F-Dur op. 6 von Strauss, die das Duo in der lange unauffindbaren Urfassung erstmals auf CD eingespielt hatte, protzt als typisches Jugendwerk - Strauss war erst sechzehn - mit einer enormen Fülle an originellen Einfällen und Finessen. Man staunt über den Reichtum der Rhetorik. Dass Strauss aber vor Drucklegung zwei Jahre später nur den Kopfsatz stehen ließ, an den zwei weiteren Sätzen indes erhebliche Änderungen vornahm, rückt die Urfassung eher ins biographisch-dokumentarische Licht, das gerade die musikalische Frühreife des Komponisten belegt. Das homogene Duo Gromes und Riem präsentierte hier aber keinesfalls ein nachrangiges Werk. Die späteren Veränderungen galten wohl eher dem Eindruck, dass die drei Sätze nicht ganz zusammenpassen. Für sich sind sie absolut stimmig, zumal Gromes und Riem stets eine klare Linie fanden und die einzelnen Episoden unter weiten Spannungsbögen konsistent hervorgehen ließen.

Gromes half mimisch, den Ereignissen zu folgen. Und im ausladenden Kopfsatz, den Strauss schließlich als Maßstab für die Endfassung beibehielt, gab es reichlich davon. Mit einem kraftvollen Tusch kündigte das Duo großes Theater an, das in tiefgründiger Substanz eine Geschichte in mehreren Szenarien erzählt. Geheimnisvolle Gedämpftheit, geschmeidige Tanzseligkeit, spritziges Dahineilen, melodiöse Lyrik, empfindsamste Nostalgie tauchten die Hörer in ein Wechselbad der Gefühle, bis ein hymnischer Höhepunkt zu einem furiosen Finale führte. Auch den geradezu sakralen Gesang im lyrisch-melancholischen Satz stattete Strauss mit einer kraftvollen Verdichtung aus, die das Duo plastisch an- und final abschwellen ließ. Dieses schlüssige Durchmodellieren ist eine Stärke der beiden Musiker, die darin auch sehr weit auszugreifen vermochten. Das muntere Wirbeln im Schlusssatz, das mal ins Spritzig-Tänzerische, mal ins Burlesk-Leichte changierte, bäumte sich im Finale beeindruckend wuchtig auf.

Woher diese reiche Struktur bei Strauss kam, ahnte man in der Sonate F-Dur op. 99 von Brahms. Hier konnten Gromes und Riem aber auf eine klarere Dramaturgie eines gereiften Komponisten zurückgreifen, dessen vier hochemotionale Sätze es den Interpreten dennoch nicht leicht machen. "Ja, was ist denn heutzutage Musik, was Harmonie, was Melodie, was Rhythmus, was Inhalt, was Form - wenn dieses Tohuwabohu in allem Ernste Musik sein will?", formulierte Hugo Wolf nach der Uraufführung. Gewiss, die Textur ist stark zerfurcht, doch Gromes und Reim demonstrierten, wie das Tohuwabohu zu zähmen ist. Mit tiefer Konzentration und absoluter Hingabe, die besonders bei Gromes auch sichtbar wurde, während Riem äußerlich nur wenig von seinen Emotionen verrät, wenngleich er sie aber hören lässt. Gegenüber Strauss gerieten die Ausprägungen in der Charakterisierung klarer und entschiedener. Zwischen hell und dunkel als Heiterkeit und Dramatik, zwischen gelöster Leichtigkeit und aufwühlender Erregung, zwischen wuchtiger Kraft und empfindsamer Melodik schienen Welten zu liegen, obgleich spieltechnisch ein ausgesprochen feinsinniges Changieren dazu führte. Das ist brahmssche Effizienz, die das Duo gänzlich verinnerlichte. Walzerfolge aus "Der Rosenkavalier" von Strauss, "Ungarischer Tanz" Nr. 5 von Brahms und in der Zugabe Clara Schumanns zarte "Romanze" wirkten wohltuend nach den Abenteuern der Sonaten.

© SZ vom 19.10.2020

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