Starnberger See:Wenn ein Weltstar zum Privatkonzert ins Wohnzimmer kommt

Tutzing, Familie Berlinger, Spenden

Al Di Meola spielt.

(Foto: Georgine Treybal)

US-Gitarrist Al Di Meola spielt bei einer Tutzinger Familie, um Spenden für eine Kinderstiftung zu sammeln. Manch ein Besucher kann sein Glück kaum fassen.

Von Carolin Fries

Gegen halb fünf trägt Al Di Meola zwei Gitarren in das Tutzinger Wohnzimmer. Aus der Küche holt sich der 67-Jährige einen Stuhl in eine Ecke neben der Terrassentür und einen kleinen hölzernen Hocker für die selbstgeschriebenen Noten. Am Abend wird der amerikanische Gitarren-Virtuose hier unter einer gerahmten Seenlandschaft in Öl einer Handvoll ausgewählter Gäste ein paar Stücke präsentieren. Also legt er sich fix ein paar Schmöker aus dem Bücherregal unter den rechten Fuß, packt sich die Gitarre auf den Oberschenkel und beginnt zu proben. "Er denkt immer, er ist nicht gut genug", erklärt seine deutsche Frau Stephanie, 34.

Al Di Meola ist also erst einmal nicht ansprechbar. Ohnehin verstehe er kaum deutsch, so seine Frau, was man daran merke, dass er dann meist sein deutsches Lieblingswort "genau" benutze - das passe nämlich fast immer. Während sich das Haus allmählich füllt und Sektgläser klirren, sitzt der Musiker leise klimpernd in der Ecke, als wäre er nur eine Randnotiz und nicht einer der besten Fusion- und Jazz-Gitarristen der Welt. Noch wenige Tage zuvor hatte er bei den Jazztagen in Dresden gespielt und knapp 30 000 Menschen in Budapest auf der Bühne begeistert (das Gepäckband mit dem Zusatz "Priority" klebt noch am Gitarrenkoffer). Was macht dieser Weltstar mit seinen Gitarren nun im Wohnzimmer der Familie Berlinger am Starnberger See?

In Di Meolas Villa kostet so ein Abend bis zu 16 500 Dollar für zwei Personen

Das liege vor allem an den Cavatelli, wie Stephanie Di Meola verrät. Und natürlich an einer großen Freundschaft. Zunächst zu den Nudeln: Die muschelförmige Pasta bereitet Di Meola regelmäßig nach einem Geheimrezept seiner italienischen Mutter zu und eigentlich auch nur für seine Frau und die fünfjährige Tochter Ava. In der Corona-Krise jedoch begann der Star, auch für zahlende Fans zu kochen, die Erlöse gehen teilweise an Künstler in Not und Hilfseinrichtungen. Zwischen 7500 und 16 500 Dollar kostet ein Abend für zwei Personen in der Meola-Villa in Old Tappan, New Jersey - je nachdem ob auch Privatkonzert und Studio-Führung gebucht werden. Eine schöne Idee, doch leider weit weg, fand Anne Theiss-Berlinger. Würde er womöglich auch bei ihnen in Tutzing spielen?

Tutzing, Familie Berlinger, Spenden

Die Gastgeber Anne und Johannes Berlinger und Stephanie Di Meola (rechts) feiern das Wiedersehen.

(Foto: Georgine Treybal)

Eher spaßeshalber schickte sie ihrer Freundin und Di Meola-Ehefrau Stephanie diese Frage vor ein paar Monaten aufs Handy. Die beiden Frauen haben sich vor zehn Jahren in der Burda-Journalistenschule in München kennengelernt. Di Meolas Antwort kam prompt: "Na klar!" Knapp 40 Freunde aus der Medien- und Künstlerbranche sowie einige Tutzinger stehen am Freitagabend also 3G-coronakonform auf High-Heels oder in Turnschuhen auf dem Parkettboden der Berlingers. Und für den ein oder anderen ist das schon "kurios", dem berühmten Virtuosen aus nächster Nähe auf die schnellen Finger schauen zu dürfen.

Die Zuhörer lehnen an der Bücherwand oder sitzen auf dem flauschigen Teppich

Di Meola trinkt noch schnell eine Tasse Kaffee mit vier Stücken Zucker, bevor er die akustische Gitarre in einen kleinen Verstärker stöpselt und eigene Kompositionen aus der Zeit der Pandemie spielt. "Vor 30 Jahren habe ich ihn in der Philharmonie gesehen", erzählt der begeisterte Jazz-Freund Thomas aus der Nachbarschaft, der diesmal nur über die Straße gehen brauchte, um den Mann zu hören, der in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Alben verkauft hat und zusammen mit Größen wie John McLaughlin oder Paco de Lucia Musikgeschichte schrieb. "Verrückt!" Jetzt sitzt Di Meola mit Dreitagebart in Jeans und Turnschuhen im Eck und entlockt seinem Instrument samtweiche Melodien, die ihm wie Perlen durch die Finger rinnen. "Tears of hope" hat er die Stücke genannt. Die Zuhörer lauschen an die Bücherwand gelehnt oder auf dem flauschigen Teppich sitzend.

Di Meola spielt aber nicht nur für sie, er spielt auch für Ella, die fünf Jahre alte autistische Tochter der deutschen Freunde. "Für etwas, das Ella hilft", sollen seine Hoffnungstränen klingen. Da müssen die Eltern nicht lange überlegen: Die Spendengelder des Abends gehen an die Stiftung des Tutzinger Schauspielers Michael Roll, die traumatisierten und schwer kranken Kindern eine Reittherapie ermöglicht.

"It's a pleasure", sagt Di Meola nur, und seine Frau erzählt, dass ihr Mann mit sieben Jahren von einem Baum zwölf Meter tief in die heimische Einfahrt gestürzt sei und dabei mehrere Schädelfrakturen erlitten habe. "Seitdem hört er anders, alles hat für ihn einen Rhythmus." Damals habe Al Di Meola beschlossen, Gitarrist zu werden. Der Konzertabend in Tutzing war auch deshalb ein ganz besonderer. Er wurde nicht nur von der Musik, sondern von einer großen Dankbarkeit getragen.

© SZ vom 31.08.2021
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