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100 Jahre ambulante Krankenpflege in Tutzing:Im Käfer zu den Patienten

Schwester Josefa Knab versorgte 33 Jahre lang Patienten für die "Ambulante" - zunächst per Rad und Moped, später mit diesem Käfer.

(Foto: Arlet Ulfers)

Schwester Josefa Knab prägte den Verein, der sich längst zum Sozialunternehmen entwickelt hat - allerdings mit Personalproblemen. Eine Erbschaft könnte nun ein "Pflegehotel" möglich machen.

Von Manuela Warkocz

Sie ist genauso alt wie der 1921 gegründete Verein Ambulante Krankenpflege in Tutzing und bis heute das Gesicht dieser segensreichen Einrichtung: Schwester Josefa Knab. Am 18. November will die Ordensschwester der Missionsbenediktinerinnen ihren 100. Geburtstag feiern.

Die zierliche, nur 1,50 Meter große Schwester Josefa mit ihrem herzlichen Humor prägte 33 Jahre lang die Geschicke der "Ambulanten", wie die Hilfseinrichtung salopp genannt wird. Als "Engel von Tutzing" versorgte sie in den 1950er-Jahren erst mit dem Rad Patienten, später ratterte Schwester Josefa mit Moped und einer Isetta durch den Ort, bevor sie einen VW Käfer gespendet bekam. Der Ursprung der Hilfseinrichtung liegt freilich weit vor Schwester Josefas Wirken.

Schon 1909 hatten Missionsbenediktinerinnen die häusliche Pflege bedürftiger Tutzinger übernommen. 1921 schlossen dann Gemeinde, Orden und die Pfarrgemeinde mit Pfarrer Joseph Boeckeler eine Vereinbarung und hoben den Verein "Ambulante Krankenpflege Tutzing" (AKP) aus der Taufe.

Aus diesen Anfängen heraus ist bis heute der Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Joseph gleichzeitig auch der Vorsitzende der "Ambulanten". Dieses Amt übt seit dem Jahr 2000 Pfarrer Peter Brummer mit viel Umsicht aus, unterstützt von Vorstandsmitgliedern aus Kloster, Gemeinderat und Ärzteschaft - und im ökumenischen Wirken mit der evangelischen Gemeinde.

Tutzing Ambulante Krankenpflege

Dankgottesdienst in Tutzings Pfarrkirche mit (v.li.) Armin Heil, den Schwestern Josefa Knab, Maria Birgit Baur und Pfarrer Peter Brummer.

(Foto: Christian Binder/oh)

Heute bietet der Verein in der Größe eines mittelständischen Sozialunternehmens ambulante Pflege in Tutzing und Starnberg. Stark nachgefragt ist das Betreute Wohnen in Tutzing. Für das Betreute Wohnen mit Tagespflege, das im Dezember in Bernried bezugsfertig werden soll, gibt es bereits Wartelisten. Interessenten können sich aber noch vormerken lassen. Auch um die Betreuung von Demenzkranken in Wohngemeinschaften kümmert sich der Verein. Er unterstützt Pflege- und Hilfsbedürftige und deren Angehörige so, dass sie möglichst lange in ihrem Zuhause leben können. Kleiderkammer, Trödelladen, Mittagstisch und die Tutzinger Tafel "Tischlein-deck-dich" agieren ebenfalls unter dem Dach der Ambulanten. 95 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dazu 80 Ehrenamtliche tragen die Einrichtungen. Sie versorgen oder beraten derzeit 404 Patienten, davon ist die Hälfte über 80 Jahre alt.

Mit 1200 Mitgliedern zählt der Verein zu den größten in Tutzing. Geschäftsführer Armin Heil, der die Ambulante Krankenpflege seit 23 Jahren mit viel menschlicher Wärme leitet, ist stolz, dass keine gemeinnützige GmbH daraus wurde. "Diese alte Struktur hat funktioniert und tut es noch. Das macht diese 100 Jahre besonders", betont er. Mit großer Sorge blickt er allerdings in die Zukunft. Er erwartet mehr Pflegebedarf im Landkreis, gleichzeitig akute Personalprobleme. Dabei steht die Ambulante in Konkurrenz zu stationären Einrichtungen. Inzwischen hat man schon Pfleger unter anderem aus Spanien und Marokko geholt. Die hohen Wohnkosten erschweren die Suche aber. "Ich könnte zwar sparen und meinen Leute die Zeit kürzen. Aber dann geht denen draußen die Luft aus. Das wollen wir nicht, sondern zufriedene Patienten und Mitarbeiter", so Heil.

In der Folge werde sich der Verein aber wieder stärker auf seine Ursprünge und auf Tutzing konzentrieren. Und dort neue Wege mit Hilfe einer Erbschaft gehen. In der Diskussion ist eine Kurzzeitpflegeeinrichtung. Heil nennt sie "Pflegehotel". Darin können Patienten unterkommen, wenn Angehörige mal Urlaub brauchen. Darüber sollen Betriebswohnungen entstehen.

Durch die Corona-Pandemie kam der Verein mit je fünf Infizierten unter Mitarbeitern und Patienten bislang glimpflich. Jedoch sind die Jubiläumsfeiern beeinträchtigt. Die Vernissage zur "Demensch"-Ausstellung diesen Donnerstag im Roncallihaus entfällt, die Karikaturen zu Demenz sind zu sehen. Beim Dankgottesdienst zum Hundertjährigen in St. Joseph am vergangenen Sonntag begrüßte Bischof Bertram Meier einen besonderen Gast: Schwester Josefa, die für ihre Dienste das Ulrichs-Kreuz verliehen bekommt.

© SZ vom 21.04.2021
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