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"Lifeline"-Kapitän Reisch in Tutzing:"Wir sitzen alle in einem Boot"

Seenotretter Claus-Peter Reisch greift Flüchtlinge aus dem Mittelmeer auf und bringt sie nach Europa. Motivation für den Einsatz findet er in Gemeinden wie Tutzing.

Im Saal herrscht nach der Filmvorstellung absolute Stille. Viele der Zuschauer sitzen erstarrt auf ihren Stühlen, in ihren Gesichtern Entsetzen, Schmerz, Trauer. Die Anwesenden sind an diesem Freitag in das katholische Pfarramt Sankt Joseph gekommen, um Seenotretter Claus-Peter Reisch aus seinem Buch "Das Meer der Tränen" lesen zu hören und den von ihm mitgebrachten Film "Eldorado" zu sehen. Als Schiffsführer der "Lifeline" hat der 58-Jährige aus Landsberg am Lech 2018 Bootsflüchtlinge aus dem Mittelmeer aufgegriffen und in europäische Häfen gebracht, wofür er zu einer Geldstrafe verurteilt und erst vor wenigen Tagen im Berufungsverfahren freigesprochen wurde.

Die Lesung findet an diesem Abend nicht mehr statt, zu stark hat der Film die Stimmung gedrückt. Der Schweizer Regisseur Markus Imhoof verknüpft darin seine Kindheitserinnerung mit aktuellen Schicksalen von Flüchtlingen. Als kleiner Junge nimmt seine Familie Ende des Zweiten Weltkriegs das italienische Mädchen Giovanna auf. Wegen der Gesetzeslage in der Schweiz wird sie mit 14 Jahren ausgewiesen und stirbt kurze Zeit später an Auszehrung. Die eigene Erfahrung wird mit der aktuellen Situation in Afrika verknüpft und legt an konkreten Einzelschicksalen die Hintergründe der Problematik dar. Unter den Zuschauern befindet sich auch die Grundschullehrerin Anna Kaspar aus Seeshaupt. Im Februar 2014 besuchten erstmals sechs Flüchtlingskinder ihre Schule. "Wir hatten keine Erfahrung mit solchen Kindern. Ich habe nach Hilfe gesucht und wurde in Tutzing fündig", sagt Kaspar. Nach dem Film wirkt sie sehr mitgenommen, "ich muss daheim erst einmal in Ruhe diese Bilder verarbeiten. Es hat mich bestürzt zu sehen, welche Dinge die Flüchtenden durchstehen müssen." Dabei könne Integration gut funktionieren, findet die Lehrerin, einige der Familien der sechs Kinder hätten sich eine Existenz in Deutschland aufbauen können. "Eine Familie betreibt nun einen Friseursalon in Penzberg, das ist toll mitzuerleben."

May 16 2019 Valletta Malta The Mission Lifeline rescue ship captained by Claus Peter Reisch a

Die "Lifeline" 2018 im Hafen von Valetta in Malta: Tagelang hatte die Besatzung auf dem Mittelmeer ausharren müssen, bevor Kapitän Claus-Peter Reisch mit den 230 aus Seenot geretteten Flüchtlingen an Bord hier anlegen durfte.

(Foto: Nila Thiel)

Auch Claudia Steinke, Koordinatorin des Unterstützerkreises, ist nach dem Film in nachdenklicher Stimmung. "Das aktuelle Verhalten der Europäer ist eine Schande", findet die 51-Jährige. In den vergangenen Jahren hat sich der Schwerpunkt des Helferkreises verlagert, die Frage nach der Unterbringung von hunderten Menschen ist neuen Themen wie der Arbeitsvermittlung gewichen. "Seit vielen Jahren versuchen wir den Menschen die Chance auf Arbeit zu ermöglichen. Bis 2019 war das nur schwer möglich, durch neue Migrationsgesetze haben wir neue Hoffnung", erzählt Steinke.

Umso schöner sei es, dass es Menschen wie Reisch gebe, sagt Tutzings Pfarrer Peter Brummer. "Wir sitzen letztlich alle in einem Boot." Er sei tief beeindruckt von den Flüchtlingskindern und -familien in der Gemeinde." Den Schlüssel von funktionierender Integration sieht Brummer in der Vernetzung: "Austausch und Raum für Begegnungen nehmen den Menschen die Angst vor dem Fremden oder den Fremden. In diesem Rahmen möchte ich auch Claus-Peter Reisch für seinen aufopfernden Einsatz danken."

Tutzing Roncalli Haus Vortrag von Claus-Peter Reisch

Claus-Peter Reisch zeigt im Tutzinger Roncalli Haus den Film "Eldorado" und stellt sein Buch "Das Meer der Tränen" vor.

(Foto: Nila Thiel)

Reisch ist der Kirchengemeinde Tutzing, die in den vergangenen Jahren 34 Menschen durch Kirchenasyl vor der Abschiebung bewahrt hat, sehr verbunden. Der Seenotretter und der Pfarrer telefonieren fast wöchentlich und bestärken sich in ihrem Handeln. Nach dem Tod von Reischs Mutter im vergangenen Jahr ist Brummer zum Seelsorger der Familie geworden, erzählt der Geistliche, er habe auch die Trauerfeier für die Verstorbene geleitet.

Der Kapitän der "Lifeline" hat sich aus der Seenotrettung vorerst zurückgezogen und sein Buch fertiggestellt. Damit tourt er nun durch Europa, bevor er sich die ersehnte Auszeit genehmigt. "Ich bin absolut urlaubsreif, mein Körper und meine Psyche sind ausgelaugt", sagt er, "aber wenn ich sehe wie eine Gemeinde wie Tutzing sich engagiert, gibt mir das Aufwind." Reisch und Brummer sind sich einig: "Einmal mit dem Thema infiziert, kann man sich nicht mehr abseilen, darum sind wir beide uns auch freundschaftlich so verbunden."

© SZ vom 20.01.2020

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