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Tutzing:Regisseur mit Passion

Mit 15 Jahren hatte Christian Stückl bereits den "Casting-Blick", mit 24 Jahren wurde er Leiter der Passionsspiele und hat dort manches verändert. Mit seinen Erzählungen begeistert er jetzt die Tutzinger

Tutzing Roncalli Haus, Stückl

Christian Stückl bei seinem Auftritt im Tutzinger Roncalli-Haus.

Foto: Georgine Treybal

(Foto: Georgine Treybal)

Als Christian Stückl, Leiter der Passionsspiele von Oberammergau, einmal mit dem Kinderchor probte, fiel ihm ein Junge mit besonders schöner Stimme auf. Abdullah hieß der Junge, er war Moslem und heimlich gekommen. Stückl wollte den Jungen unbedingt dabei haben, auch wenn die Auswahlkriterien für Mitwirkende bei den Passionsspielen besonders streng sind. Die Frauen beispielsweise haben sich erst 1990 nach einem 17-jährigen Rechtsstreit die Gleichberechtigung bei der Mitwirkung erstritten. Und Stückls Großvater durfte nie eine Hauptrolle spielen, weil seine Frau evangelisch war.

Doch Stückl ist es gewohnt, gegen Widerstände anzukämpfen. Er hat 1990 zum ersten Mal eine Hauptrolle mit einem Evangelischen besetzt und auch bei Abdullah setzte er sich durch. Zum ersten Mal durfte ein Moslem bei den Spielen mitmachen. Heute studiert Abdullah Regie in Hamburg und Stückl hat sich fest vorgenommen, ihn bei den nächsten Passionsspielen zum stellvertretenden Spielleiter zu ernennen. "Oberammergau fürchtet Schreckliches", meint er leichthin. Und die Besucher im voll besetzten Roncallihaus in Tutzing applaudieren begeistert. Überhaupt gab es viel zu lachen bei Stückls Vortrag am Sonntag zum Thema "Wie zeigt man den Glauben auf der Bühne." Denn der vielfach ausgezeichnete Regisseur - er ist Intendant am Münchener Volkstheater und seine Inszenierung des "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2002 ist legendär - ist ein glänzender Unterhalter.

Wenn er mit weit ausholenden Bewegungen gestikuliert, sich immer wieder durch die Haare fährt und dabei ohne Punkt und Komma spricht, zieht er alle Zuschauer in den Bann. "Bayerische Urgewalt" wurde Stückl einmal genannt. Bei seinem Temperament und seiner schier unerschöpflichen Energie glaubt man sofort, dass dieser Mann alles durchsetzt, was er sich vorgenommen hat. Schon mit 15 Jahren wollte Stückl Passionsspielleiter werden. Denn das Theater hat den gelernten Bildhauer schon immer fasziniert. Damals schon habe er den "Casting-Blick" gehabt und sich überlegt, wen er für welche Rolle einsetzen würde. Mit 24 Jahren wählte ihn das Komitee mit neun zu acht Stimmen zum jüngsten Spielleiter in der Geschichte der Spiele. Doch es gab Widerstand: "Totengräber von Oberammergau, zieh Leine, sonst bekommst Du nasse Beine", stand am nächsten Tag auf seiner Haustüre. Und der Pfarrer habe Panik gehabt, "dass ich die ganze Passion umdreh", erzählt er.

Er hat auch vieles verändert: Bis in die 1960er Jahre sei Jesus "als Warmduscher" dargestellt worden, so Stückl. Er selbst sehe Jesus als differenzierte Persönlichkeit, als einen, der Angst habe und wisse was Sünde ist. "Vielleicht berührt es die Leute mehr, wenn man versucht ihn in seinen menschlichen Zügen zu zeigen". In den 90-er Jahren hat Stückl Jesus als Rebell dargestellt, bei den letzten Spielen 2010 war er ruhiger. Mit dem Alter blicke man anders auf die Figur, könne immer wieder andere Aspekte darstellen, erklärt er.

Stückl will, dass Bewegung entsteht, will die Menschen berühren, "selbst wenn wir sie ärgern". Der Erfolg gibt ihm Recht. Viele Besucher, selbst wenn sie dem Glauben fern stehen, nehmen etwas mit von den Spielen, hat er festgestellt. "Man will keine Kirche mehr, die pausenlos mit erhobenem Zeigefinger auf die Leute zeigt." Es müsse von innen heraus kommen. Zwar liebe auch er das Brimborium, das die katholische Kirche etwa an Weihnachten veranstaltet, diese Form brauche man. "Aber man muss aufpassen, dass die Form nicht hohl wird", warnt der Theatermacher.

© SZ vom 08.04.2014
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