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Tutzing:Regional statt billig

Tutzing Gemeinwihl Brigitte Gronau  Helmut Dinter

Berichteten in Tutzing über die Gemeinwohl-Ökonomie: Brigitte Gronau aus Weilheim und der Wessobrunner Bürgermeister Helmut Dinter.

(Foto: oh)

Ausschuss befasst sich mit den Grundzügen der Gemeinwohl-Ökonomie, die eine Alternative zur freien Marktwirtschaft bieten soll

Der Bürgermeisterin liegt ein gutes Miteinander am Herzen - mit den Bürgern in Tutzing, aber durchaus auch weltweit, und mit der Umwelt ganz besonders. Deshalb steht Marlene Greinwald (Freie Wähler) nicht nur dem Fairtrade-Gedanken aufgeschlossen gegenüber, lässt bienenfreundlichen Blumensamen verteilen und hat in Tutzing die Sozialgerechte Bodennutzung (SoBon) durchgesetzt. Sie kann sich noch weitergehende Schritte vorstellen und findet, dass eine Gemeinde als gutes Beispiel vorangehen sollte. Etwa im Sinn der Gemeinwohl-Ökonomie. In einem ersten Schritt hat sie Brigitte Gronau, Sprecherin der Gemeinwohl-Ökonomie-Gruppen in Weilheim, und Helmut Dinter, 1. Bürgermeister der Gemeinde Wessobrunn aus dem Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau, eingeladen. Sie umrissen die Eckpunkte einer ethischen Alternative zur freien Marktwirtschaft im Tutzinger Umweltausschuss. Bei den Ausschuss-Mitgliedern stießen sie durchaus auf offene Ohren, aber auch auf Skepsis. Im Herbst soll sich der gesamte Gemeinderat ausführlicher mit dem Thema und seiner möglichen Umsetzbarkeit in Tutzing befassen.

Das Gemeinwohl sei ja schon in der Bayerischen Verfassung verankert, wies die Referentin eingangs auf Paragraf 151 hin: "Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl." Bislang sei das Wirtschaften aber hauptsächlich auf Wachstum, Konkurrenz und Gewinnstreben ausgerichtet. Auch die Gemeinwohl-Ökonomie habe nichts gegen Wachstum, betonte Gronau. Es solle sich jedoch auf ein Wachstum etwa in Bildung, Gesundheitsvorsorge, Klimaschutz und öffentlichem Nahverkehr konzentrieren. Das Gemeinwohl definiert sich über Werte wie Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, Transparenz und Mitentscheidung.

Als Werkzeug dient Gronau zufolge eine "Gemeinwohlmatrix". Mit ihrer Hilfe und einem Punktesystem könne sich ein Unternehmen oder eine Kommune einstufen, wie es um sein oder ihr Gemeinwohl-Verhalten steht. Verzichtet eine Gemeinde auf Steine aus Herkunftsländern mit Kinderarbeit, steht sie damit schon mal auf der Plus-Seite. Setzt sie statt auf "billig" lieber auf "nachhaltig" oder "regional", ist sie im Sinne der Gemeinwohl-Ökonomie gut aufgestellt. Die Matrix zeige aber auch, wo es noch hapert. Externe Berater könnten dann unterstützen, um in einem Zertifizierungsprozess Fortschritte zu erzielen.

Dass die Absichten für neu definierte Entwicklungsziele politisch nicht immer leicht durchzusetzen sind, machte der Wessobrunner Rathauschef deutlich. Vor allem aus der CSU und dem Bauernverband heraus sei massiv gewettert worden, man habe "puren Kommunismus" und "Enteignung" suggeriert, so Helmut Dinter. Warum solle das 2000-Einwohner-Dorf mit "so was" loslegen, solle doch erst mal eine Stadt wie Weilheim anfangen, sei ein weiteres Gegenargument gewesen. Doch mit zehn zu fünf Stimmen im Gemeinderat machte sich Wessobrunn auf den Weg. "Wir haben uns aus der Gemeinwohlpraxis für uns was rausg'fieselt", erklärte der hemdsärmelige Bürgermeister. Prioritäten: Vergaben an heimische Betriebe, bis zum Putzdienst in den Kindergärten, nachhaltige Beschaffung, Rückverlagerung von Arbeiten in die Regie des eigenen Bauhofs. "Das Ganze tut nicht weh", versicherte der Wessobrunner.

Auch Peißenberg und Wielenbach haben sich der Bewegung angeschlossen. Als erste zertifizierte Gemeinde wurde Kirchanschöring aus dem Landkreis Traunstein genannt, mit CSU-Bürgermeister Hans-Jörg Birner an der Spitze.

Bedenken zur Durchsetzbarkeit in Tutzing äußerte Peter Stich (CSU). Die Gemeinde habe eine ganz andere Bevölkerungsstruktur als Wessobrunn, da stoße man bestimmt auf größere Schwierigkeiten. Sein Parteikollege Thomas Parstorfer ergänzte, dass "das Meiste bei uns schon mit gesundem Menschenverstand gemacht" werde. Er befürchte hohe Kosten für die Zertifizierung. Gronau zufolge beliefen sie sich für den gesamten Prozess samt umfangreicher Broschüre für Kirchanschöring auf 18 000 Euro. Wolfgang Behrens-Ramberg (Tutzinger Liste) zeigte sich aufgeschlossen, um etwa mit einem angebotenen Schnelltest festzustellen, wo Tutzing stehe. Greinwald hob hervor, der Vorstoß sei "nur mal ein Gedanke", das Thema solle nicht parteipolitisch besetzt werden.

Die Tutzinger Bürgermeisterin beschäftigt sich schon länger mit der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Sie ist Mitglied der im März gegründeten GWÖ-Regionalgruppe "Starnberg-Würmtal". Ihr gehören auch unter anderen Norbert Wurm von der VR-Bank Starnberg an, Klaus Drexler von der Energiegenossenschaft Fünfseenland und Christiane Lüst vom Öko & Fair Umweltzentrum Gauting.

Nähere Informationen zur Gemeinwohl-Ökonomie finden sich unter der Adresse https://bayern.ecogood.org/

© SZ vom 19.07.2019
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