bedeckt München 33°

Grüne werfen Gemeinderätin raus:Eklat wegen Protests gegen Corona-Politik

Tutzing Corona Eltern Protest Querdenker

Etwa 20 Eltern haben aus Protest gegen die Coronapolitik Kinderschuhe und Kuscheltiere an der Tutzinger Hauptstraße abgelegt.

(Foto: Sabine Mieth)

Die Bürgermeisterin verurteilt Kinderschuh-Aktionen in Tutzing, eine Gemeinderätin der Grünen will sich nicht distanzieren. Starnbergs Pandemie-Arzt ist entsetzt.

Von Manuela Warkocz

Dutzende Kinderschuhe und Kuscheltiere an markanten Plätzen in Tutzing, dazu Transparente wie "Seid ihr Eltern oder lasst ihr eure Kinder testen" - mit derart provokanten Aktionen haben etwa 20 Eltern gegen Corona-Auflagen demonstriert. In sozialen Netzwerken wird seit Wochen aus der Querdenker-Szene zur "Aktion Kinderschuhe" als "Zeichen des stillen Protests" aufgerufen. Gegen diese Form des Protests verwahrt sich Tutzings Bürgermeisterin Marlene Greinwald (Freie Wähler) entschieden. Die Assoziationen würden dazu beitragen, den Holocaust zu verharmlosen, stellte sie am Dienstag öffentlich im Gemeinderat klar. In Konzentrationslagern hatten Nazi-Schergen die Schuhe getöteter Kinder aufgetürmt.

Davon wisse sie nichts, sagt die Tutzinger Mitorganisatorin Sabine Mieth und bestreitet jeden beabsichtigten Zusammenhang. Sie wolle auch nicht in die rechte Ecke gestellt werden. Ihr gehe es um ihre, ja um alle Kinder, die derzeit litten. Die Aktionen waren am 3. und 10. April vor dem Rathaus und an der Hauptstraße beobachtet worden. Am Rathaus hatte die Verwaltung die demonstrativ deponierten Kindersachen umgehend wegschaffen lassen.

Bürgermeisterin Greinwald signalisiert, dass sie die Sorge von Eltern um ihre Kinder in der Corona-Zeit ernst nehme, und bot am Dienstag Gespräche via Video an. Sie fordert aber auch einen Weg der Demonstration, "der keinen Menschen verletzt". Was mit Applaus aus den Reihen der Gemeinderäte quittiert wurde.

Einzig Grünen-Gemeinderätin Christine Nimbach will sich vom umstrittenen Vorgehen einiger Eltern ausdrücklich nicht distanzieren. Denn Mitinitiatorin Sabine Mieth ist ihre Tochter. "Da hält die Familie zusammen", sagt Nimbach. Sie lasse sich den Mund nicht verbieten. Eine Haltung, die ihre drei Fraktionskollegen nicht tolerieren möchten. Sie schlossen Nimbach am Dienstag aus der Grünen-Fraktion aus. Das teilte Sprecher Bernd Pfitzner mit. Der Beschluss sei einstimmig erfolgt. Pfitzner legt Nimbach einen Parteiaustritt nahe. Sonst müsse sich der Kreisvorstand weitere Schritte überlegen. Nimbach selbst will "weiter grüne Ziele vertreten". Als Fraktionslose möchte sie bei der Ausschussgemeinschaft SPD, ÖDP und Tutzinger Liste um Aufnahme bitten. Für die Grünen hat der Ausschluss womöglich Konsequenzen bei der Besetzung der Ausschüsse. Sie könnten Sitze verlieren.

Häufelkönige: Christine Nimbach von den Grünen (links) haben die Wähler um fünf Plätze nach vorne geschoben. Bei der CSU zählt Anita Painhofer zu den favorisierten Bewerbern. Obwohl Matthias Helwig auf Platz sechs gehäufelt wurde, reicht es für ihn knapp nicht.

(Foto: privat)

Die Entfremdung von Nimbach, die seit 1996 für die Grünen im Gemeinderat ist und bis 2014 die Partei allein vertrat, hat sich schon seit einigen Monaten abgezeichnet. So heißt es auch in der schriftlichen Erklärung, Nimbach habe sich wiederholt öffentlich gegen grüne Grundsatzziele geäußert. "Einfach war das Verhältnis nie", sagt Pfitzner am Mittwoch auf Nachfrage. Nach der Kommunalwahl, als die Grünen ihre Mandate auf vier verdoppeln konnten, habe man gedacht, Nimbach besser in der Fraktion einbinden zu können. Doch inzwischen fielen ihre Statements auf alle Grünen zurück. "Das geht nicht mehr."

Nimbach sprach sich etwa bei dem Solidaritätsprojekt "Sichere Häfen" dagegen aus, dass Tutzing unter anderem eine Partnerschaft mit einer Flüchtlingsgemeinde am Mittelmeer anstreben solle. Bei der Abstimmung im Gemeinderat hatte sie die Sitzung verlassen. Als Masken im Gemeinderat verpflichtend wurden, weigerte sich die Krankenschwester zunächst, eine zu tragen. Jetzt kommt sie statt mit einer vorgeschriebenen FFP2-Maske mit einer einfachen OP-Maske. Ihre Tochter hat Nimbach wiederholt zu Demonstrationen gegen Maskenpflicht für Schüler vor das Landratsamt begleitet.

Absolut kein Verständnis für die - wenn auch wenigen - Maskenverweigerer und Testskeptiker unter den Eltern zeigt der Mediziner Bernhard Junge-Hülsing. Der Pandemiekoordinator im Landkreis Starnberg hält sie für "Gefährder". Masken und Tests schützten in erster Linie nicht einen selbst, sondern andere, hebt er immer wieder hervor. Derzeit seien neben Berufstätigen vor allem Schulkinder die Hauptinfektionstreiber - zwar häufig ohne Symptome, aber hochansteckend, oft mit einer Mutante. Nicht getestete Schüler "torpedieren alle Bemühungen und führen für alle zu Einschränkungen". Der HNO-Arzt appelliert an alle Eltern, noch etwa acht Wochen Auflagen zu akzeptieren, bis die Impfungen durch seien.

© SZ vom 22.04.2021
Zur SZ-Startseite
Hubert Aiwanger

SZ PlusVor dem Wahlkampf
:"Endlich a Ruh"

Die CSU-Landtagsfraktion empfängt ihren "Kandidaten der Herzen" wieder daheim in München. Nach Markus Söders Niederlage gegen Armin Laschet sieht sich die Partei "extrem gestärkt". Aber sieht das die Basis auch so?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB