Chinesische TraditionAcht Wandlungen zum seelischen Gleichgewicht

Lesezeit: 3 Min.

Neben Kampf- und Schwertkunst zählen auch Akrobatik, Elemente der traditionellen chinesischen Medizin, Tai Chi und Pa-Kua Chi zum Wissensschatz aus Fernost. Hier trainiert Inhaber Thomas Braungart mit Maja Sawairum.
Neben Kampf- und Schwertkunst zählen auch Akrobatik, Elemente der traditionellen chinesischen Medizin, Tai Chi und Pa-Kua Chi zum Wissensschatz aus Fernost. Hier trainiert Inhaber Thomas Braungart mit Maja Sawairum. Arlet Ulfers

Vor zehn Jahren eröffneten Thomas und Andrea Braungart ihre Pa-Kua-Schule in Tutzing. Das alte Wissen mit verschiedenen Disziplinen soll helfen, zu sich selbst zu finden.

Von Linus Freymark, Tutzing

SZ bei Google bevorzugen

Zwei kurze Schreie - dann hat Thomas Braungart seinen Partner zu Boden gebracht. Aufstehen, in Position gehen, wiederholen. Der Schrei, den Braungart vor seinem Angriff ausstößt, klingt dabei wie ein abgehacktes "K!" Sein Gegenüber antwortet mit einem Laut, der irgendwas zwischen Stöhnen und Rufen ist. Beides hat System. Braungarts Schrei bedeutet: Ich greife dich jetzt an! Sein Partner signalisiert: Ich bin bereit! Denn bei Pa-Kua, der jahrtausendealten Tradition aus China, wird nichts dem Zufall überlassen.

Bei Pa-Kua geht es nicht allein um Kampfsport. Übersetzt bedeutet der Begriff "Die acht Wandlungen" - allein das zeigt die Vielfältigkeit. Thomas Braungart und seine Frau Andrea unterrichten acht Disziplinen: Neben Kampf- und Schwertkunst zählen auch Akrobatik, Elemente der traditionellen chinesischen Medizin, Tai Chi und Pa-Kua Chi zum Wissensschatz aus Fernost. Ziel ist es, durch die verschiedenen Techniken ein ausgeglichenes Innenleben zu erreichen. Während die erstgenannten Disziplinen eher sportlicher Natur sind, fallen Tai Chi und Pa-Kua Chi in den therapeutischen Bereich von Pa-Kua. Es geht um Ernährung, Energien, dem eigenen Körper und darum, "sich selbst kennenzulernen", erklärt Andrea Braungart. Dafür könne man beliebige Diszipinen miteinander kombinieren.

Newsletter abonnieren
:SZ Gerne draußen!

Land und Leute rund um München erkunden: Jeden Donnerstag mit den besten Freizeittipps fürs Wochenende. Kostenlos anmelden.

Idealerweise gebe Pa-Kua einem Werkzeuge an die Hand, die man anwenden könne, wenn das seelische Gleichgewicht zu sehr aus der Balance gerät - etwa wegen zu viel Stress auf der Arbeit oder privater Probleme. Und weil das am besten ohne Konkurrenzdruck funktioniert, gibt es beim Pa-Kua keinen Wettbewerb - nicht einmal bei den Kampfübungen. Es gilt: Wir sind Partner, keine Gegner. "Bei uns gibt es fast keine Verletzungen", sagt Andrea Braungart. Es geht nicht darum, sich gegenseitig auszuknocken, sondern sich selbst und sein Gegenüber stärker zu machen. Das wirkt auf die Atmosphäre in den hellen Räumen: Es gibt keinen Streit oder Gemeckere, stattdessen wird zwischendrin mal gelacht oder ein Schwätzchen gehalten. Natürlich nur in den kurzen Pausen: Geht es um die Technik, sind alle fokussiert auf das Training. Und auch sonst ist Pa-Kua eine recht familiäre Angelegenheit: Man kennt sich in der internationalen Szene. Die Braungarts haben viele Bekannte, die sich immer wieder gegenseitig zu Pa-Kua Treffen einladen. Demnächst geht es nach Lissabon.

Innere Ausgeglichenheit ermöglicht es, sich bei aufkommenden Konflikten nicht provozieren zu lassen

Gleichwohl spiele der Selbstverteidigungsaspekt bei Pa-Kua eine Rolle, erklärt Thomas Braungart, weil man weiß, wie man sich im Ernstfall verteidigt. Im Vordergrund aber steht die Absicht, durch die verschiedenen Techniken innere Ausgeglichenheit zu erlangen, die es ermögliche, sich bei aufkommenden Konflikten nicht provozieren zu lassen, nicht gleich drauf einzusteigen, wenn jemand einem blöd daherkommt. "Das ist ja seine Stimmung, nicht meine", erklärt Thomas Braungart. "Schon dadurch lassen sich viele Konflikte vermeiden."

Trotz fehlenden Wettbewerbs gibt es für jede Disziplin verschiedene Gürtelfarben, die - ähnlich wie bei Judo oder Karate - die Erfahrung der Schüler anzeigen. Prüfungen gibt es nicht: Wann sich ein Schüler für eine höhere Stufe qualifiziert hat, entscheidet sein Lehrmeister. Und man muss nicht überall auf dem gleichen Level sein.

Auf Pa-Kua gekommen sind die Braungarts Mitte der Nullerjahre, die damals zusammen eine Schreinerei betrieben. Aber irgendwann, beide waren Ende 30, kam die Frage auf: Ist das wirklich das, was wir bis zum Ende unseres Lebens machen wollen? Über einen Bekannten kamen sie in Kontakt mit Pa-Kua. Und als irgendwann der Meister aufhörte, lag es an den Braungarts: Aufhören oder Weitermachen und die Schule übernehmen? Sie entschieden sich für Letzteres. Zunächst betrieben sie Schule und Schreinerei parallel. 2013 hängten sie Hammer und Säge an den Nagel. Bereits ein Jahr zuvor waren sie in die Tutzinger Hauptstraße umgezogen, das zehnjährige Bestehen ihres Ladens feiern sie am Samstag mit einer Jubiläumsfete.

Die Tutzinger Pa-Kua-Schule kennt keine Altersgrenzen: Der Jüngste ist fünf, der älteste Teilnehmer 87 Jahre alt.
Die Tutzinger Pa-Kua-Schule kennt keine Altersgrenzen: Der Jüngste ist fünf, der älteste Teilnehmer 87 Jahre alt. Arlet Ulfers

Über die Jahre sind immer mehr Schüler zu den Braungarts gekommen, inzwischen unterrichten sie etwa 140 Menschen. Der Jüngste ist fünf, der Älteste 87 Jahre alt. "Der macht gerade seinen schwarzen Gürtel", erzählt Andrea Braungart. Auch sonst seien die Gruppen sehr gemischt: Neben vielen Kindern und Jugendlichen kämen Menschen sämtlicher Berufsgruppen und Altersklassen. Pro Monat zahlt man je nach gebuchtem Paket zwischen 60 und 120 Euro, für Kinder unter 14 Jahren ist es etwas günstiger. Trainiert wird gemeinsam - Geschlecht und Gürtelklasse spielen keine Rolle.

Auf die Frage "Was gibt Ihnen das, Herr Braungart?" nach fast 20 Jahren Pa-Kua, überlegt er kurz und sagt dann: "Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen schwülstig", sagt er dann. "Aber für mich fühlt es sich an, als würde ich nach Hause kommen." Was genau meinen Sie damit? Wieder ein kurzes Überlegen. "Pa-Kua ermöglicht mir, so zu sein, wie ich bin."

Der "Tag der offenen Tür" anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Pa-Kua-Schule in Tutzing findet am Samstag, 30. April, von 10-16 Uhr in der Hauptstraße 59 statt. Interessierte können sich dort über die verschiedenen Disziplinen informieren und an Schnupperstunden teilnehmen.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Brauchtum
:Wie klaut man einen Maibaum?

Die Burschen von Unterbrunn bei Gauting gelten schon lange als meisterhafte Diebe. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis? Ein Gespräch mit dem zweiten Oberburschen Ludwig Göschl.

SZ PlusInterview von Astrid Becker

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: