Süddeutsche Zeitung

Midgardhaus in Tutzing:Eines der schönsten Fleckchen am Starnberger See

In dem Restaurant mit Biergarten am Ufer speisen seit mehr als 150 Jahren Hoheiten, Dichter und Prominente. Nun wird es nach historischem Vorbild renoviert.

Von Manuela Warkocz

Sie ist schon ein besonders schönes Fleckchen am Starnberger See, die kleine Halbinsel in Tutzing, auf der das Midgardhaus mit Blick auf Wasser und Alpenpanorama thront. Einst Gästehaus des nahen Tutzinger Schlosses und Feriendomizil illustrer Künstler, Intellektueller und Unternehmer, zog die Villa als Gasthaus mit seinem Wirt Fritz Häring in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Prominente an. Jetzt soll das denkmalgeschützte Anwesen nach umfangreicher Restaurierung erneut zu einem gastronomischen Treffpunkt werden.

Der Tutzinger Schlossherr Graf von Vieregg ließ die Villa 1853 im toskanischen Stil samt einem markanten Belvedereturm für Gäste errichten. Sie gilt als das erste Landhaus in ganz Tutzing. Um 1864 wurde sie zur Dichtervilla. Der Schriftsteller Maximilian Schmidt (1832-1919), der sich die Bewahrung der Seetraditionen zur Aufgabe gemacht hatte und "Die Fischerrosl von St. Heinrich" verfasste, empfing hier unter anderem Kaiserin Elisabeth und König Ludwig II. Das entthronte Königspaar Franz II. und Marie von Neapel hat im verschwiegenen Domizil Unterschlupf gefunden, wie die Tutzingerin Anja Behringer in ihrer Geschichte der Villa überliefert. Ein neuer Besitzer, Simon Färber, übernahm 1870 die Liegenschaft. Er ließ die beiden markanten Löwen am Ufer aufstellen, einen aus Bronze, einen aus Stein, an denen man noch heute vorbeigeht, um zur Terrasse hinaufzuschreiten.

Der Wissenschaftler und Weltreisende Professor Georg Ebers wurde 1882 neuer Eigentümer. Berühmtheit erlangte der Ägyptologe durch den Fund von Papyrusrollen. Zum Entziffern der Hieroglyphen zog sich der gebürtige Berliner auf seinen Tutzinger Sommersitz zurück. Lange Zeit war das Haus daraufhin als "Ebers-Villa" bekannt und Ausflugsziel bekannter Literaten. Später residierten der Chemiker Hermann Scholl, bekannt durch seine Fußhygiene-Produkte, und der Aachener Tuchfabrikant August Ferber in der Villa. Dessen Frau Simone Ferber prägte den Namen "Midgard" - in der nordischen Mythologie die Welt der Menschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Gemeinde das Anwesen, das immer mehr verfiel. Bis die Hotelkette Steigenberger das Midgardhaus ins Visier nahm, Abriss und ein Neubau drohten. Eine Bürgerinitiative schritt 1976 ein - die erste Tutzings, die damals weit über die Seegemeinde hinaus Aufsehen erregte. Die Gemeinde stoppte die Pläne.

Andampfen

Einen Besuch im Midgardhaus kann man wunderbar mit einer Dampferfahrt auf dem Starnberger See verbinden. Andampfen ist in jedem Fall auch die entspanntere Alternative zur Anfahrt mit dem Auto. Denn Parkplätze sind rund ums Wirtshaus rar. An Bord geht's in Starnberg. Nach einer Stunde behaglicher Schifferlfahrt - vorbei an alten Villen am Seeufer - legt man in Tutzing am Dampfersteg nahe dem Schloss an. Von dort lässt es sich in zehn Minuten gen Norden über die Marienstraße und die Brahmspromenade am See entlang zur Einkehr schlendern. Eine Reihe verträumter, alter Bootshäuser liegt ebenso am Weg wie eine kleine historische Abhandlung am Pumpenhaus über das einstige Fischerdorf, das zum Ausflugsort wurde. Im nahen Fischergassl etwa trockneten Tutzinger Fischer noch um 1960 ihre Netze. Wer dann seine Kinder vom attraktiven Spielplatz auf der Brahmspromenade wieder loseist, tritt über ein Brücklein ein ins kleine Midgardhaus-Sommerparadies. Das letzte Schiff legt übrigens um 19.30 Uhr ab. Manuela Warkocz

Sie verpachtete das denkmalgeschützte Midgardhaus an Fritz Häring und bewies damit ein glückliches Händchen. Denn der gelernte Konditor und Koch machte von 1987 an aus der "Wirtschaft zum Häring" einen florierenden Gastrobetrieb. Bald kamen nicht nur die Reichen und Schönen vom Starnberger See, um seine Bouillabaisse zu schlürfen oder sich über das sagenhafte Strudelbuffet herzumachen. Nationale und internationale Prominente aus Politik, Adel und Showbusiness gaben sich die Klinke in die Hand. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war da, Kanzlerin Angela Merkel, Lionel Richie und Phil Collins, Heinz Rühmann, Charles Bronson und Desmond Tutu, auch Vitali Klitschko samt Bruder Wladimir. Gerard Depardieu blieb gleich ein paar Tage. Bayerische Ministerpräsidenten von Franz Josef Strauß bis Markus Söder speisten im Midgardhaus. Auch Lokalprominenz wie Peter Maffay, Leslie Mandoki und Ex-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger aus dem Nachbarort Feldafing ließ sich gern blicken.

Sie alle und noch viele mehr lichtete Häring samt seiner selbst auf 800 Fotos ab, die das ganze Midgardhaus bis hinunter zu den Toiletten tapezierten. Wie die VIPs nach Tutzing kamen? Die meisten, verriet Häring, "auf Empfehlung" von Münchner Luxushotels, die den erlauchten Gästen eine Landpartie an den Starnberger See ans Herz gelegt hatten. Aber ebenso wie Prominente fühlten sich Touristen und gutbürgerliche Stammgäste wohl auf der Seeterrasse oder in den heimeligen, niedrigen Stuben. Zur Attraktion zählte eine Musikbox mit alten Schlagern. Das persönliche Ambiente gepaart mit gehobener Gastronomie galt lange Zeit als Härings Erfolgsrezept. Von 1990 bis 1992 glänzte gar ein Michelin-Stern über dem Tutzinger Restaurant. Dass der Tausendsassa als Koch mit mehr als 250 Sendungen fürs Bayerische Fernsehen wie "Bayern isst bunt" Popularität erlangt hat, dürfte seinem Lokal auch nicht gerade abträglich gewesen sein.

Nach 32 Jahren sperrten Fritz Häring und seine Frau Marlies im Oktober 2019 zu. Mit 65 Jahren hatte der leidenschaftliche Wirt genug und packte seine Fotosammlung ins örtliche Bauernhaus. Die Münchner Augustiner-Brauerei hat jetzt im Midgardhaus das Sagen. Sie steckt viel Geld in aufwendige Renovierungen - in enger Absprache mit Denkmalschutzbehörden. Restauratoren bemühen sich um historische Details. Sie legten im Salon die Holzdecke aus dem 19. Jahrhundert wieder frei, die unter acht Farbschichten verborgen war. Rundherum setzt jetzt eine halbhohe Holzumrandung aus Eiche einen behaglichen Akzent. Das Sprossenfenster der Veranda wich großzügigen Schiebetüren aus Glas. So treten die alten Säulen wieder hervor. Und man sitzt auch drinnen quasi direkt am See.

Steinfußböden, Lampen, Fenstergriffe sind nach alten Vorbildern gestaltet. Ebenso der frische hellgelbe Anstrich der Fassade. Der beliebte Biergarten wurde ordentlich aufgemöbelt. Die neuen Wirte - Alexander Urban und sein Sohn Michael - freut's. Sie empfangen seit Pfingsten wieder Gäste. Urban senior begrüßt sie gern persönlich. Im ersten Stock herrschen derzeit noch die Handwerker. Dort sollen hübsche Fremdenzimmer zum spontanen Übernachten nach einem Gastmahl oder zu einem Ferienaufenthalt am See einladen. Ganz wie anno dazumal.

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Quelle:
SZ vom 07.08.2020
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