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Tutzing:Metaphern des Lebens

Fotoausstellung von Horst Esser; Fotoausstellung Horst Esser

Horst Essers fotografische Geschichten werden von Donnerstag an bis zum 13. September in der Akademie für Politische Bildung zu sehen sein.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Künstler Horst Esser widmet sich in Tutzing den "Grenzüberschreitungen"

Die enge Gasse mit den bröckelnden Fassaden ist in schrillen Farben ausgeleuchtet. Giftiges Grün, Swimmingpool-Blau und grelles Violett treffen aufeinander, darüber spannt sich ein bedrohlicher Schwarz-Weiß-Himmel. Ein Bild weiter sind alle Farben aus dieser Szene einem schmutzigen Grau gewichen, dafür tauchen jetzt zwei Männer in dieser Gasse irgendwo in Istanbul auf. Der eine von ihnen, so scheint es, ist bewaffnet. "Checking the alley", so heißt das zweite Bild, die zweite "Einstellung", möchte man sagen. Die "Photo-Graphien" von Horst Esser erzählen Geschichten. Knapp dreißig davon zeigt er derzeit in der Akademie für Politische Bildung unter dem Titel "Grenzüberschreitungen".

Esser will seine Bilder als "Metaphern für unterschiedliche Lebensaspekte" verstanden wissen. Den Ausstellungstitel "Grenzüberschreitungen", der zugleich Jahresthema der Akademie ist, könnte man auch so interpretieren, dass er als Künstler die Grenzen des technisch Machbaren auslotet. Esser wurde 1948 in Köln geboren, studierte dort Medienpädagogik, bevor er als Cutter, Filmredakteur und Mediendidakt in München arbeitete. Als Fotokünstler aber ist er Autodidakt, er spielt ausgiebig mit den Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung, montiert verschiedene Motive zu einem Bild, experimentiert mit Videostandbildern, deren Unschärfe oder Grobkörnigkeit er als Gestaltungsmittel einsetzt, und ergänzt seine Aufnahmen durch nachträglich eingefügte grafische Elemente. Für "lila in varanasi" etwa hat er mehrere Szenen eines rituellen Flussbades in Indien zusammengefügt, einige davon sind farbig, andere schwarz-weiß. Ein anderes Foto zeigt eine stille Landschaft in Schwarz-Weiß, über der Horizontlinie aber ist eine pixelige, rot glühende Fläche wie eine riesenhafte Giftwolke ins Bild montiert. Eine besondere Stellung in Essers Spielereien aus dem digitalen Wunderkästchen nimmt "pennsylvania station" ein:Das Foto zeigt Bahnsteig und Gleise im New Yorker Untergrund. Anstelle nachträglich eingefügter Bildlinien ergeben hier die Stützen der Gleisanlage eine rhythmische Bildunterteilung, für eine leise surreale Anmutung sorgen die eiligen Bewegungen der Passanten - ein anschaulicher Beweis dafür, dass es auch ohne digitale Grenzüberschreitungen geht.

© SZ vom 13.04.2015
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