Bürgermeisterwahl:Die Ausmisterin

Bürgermeisterwahl: Mit 25 Pferden, eines davon ist Ponystute Blanca, lebt Greinwald auf dem gleichnamigen Hof. Sie steht jeden Morgen um sechs Uhr auf und füttert die Tiere.

Mit 25 Pferden, eines davon ist Ponystute Blanca, lebt Greinwald auf dem gleichnamigen Hof. Sie steht jeden Morgen um sechs Uhr auf und füttert die Tiere.

(Foto: Nila Thiel)

Als Tutzinger Rathauschefin ist Marlene Greinwald (FW) verschleppte Sanierungen im Ort angegangen. Das könnte ihr nun zum Verhängnis werden. Unterwegs mit einer Frau vor einer Schicksalswahl.

Von Viktoria Spinrad, Tutzing

Die Säge kreischt, vor Marlene Greinwald türmen sich Schutthaufen auf. Die Bürgermeisterin bleibt vor einer ihrer vielen kommunalpolitischen Baustellen stehen: der Tutzinger Grund- und Mittelschule. Ein jahrzehntelang verschlepptes Millionenprojekt in der Mache. Zwei Frauen kommen vorbei. Ob das Teil abgerissen werde? Nein, sagt Greinwald und erklärt, was hier geplant ist: Sanierung, Aula, Mensa. Statt Lob gibt's Kritik. Ganz schön laut sei das teilweise, sagt eine der Frauen und lacht.

Ein Spaziergang mit der Bürgermeisterin durch Tutzing, einem Ort wie ein Schweizer Käse. Es scheppert und dröhnt, eine 10000-Einwohner-Gemeinde im Sanierungsstress. Auch Greinwald, 61, hat allen Grund zur Unruhe, sie muss dieser Tage um ihren Posten bangen. Am kommenden Sonntag wählt die Gemeinde einen neuen Rathaus-Chef oder eine Chefin. Greinwalds Wiederwahl gegen Herausforderer Ludwig Horn, 27, von der CSU gilt als wackelig.

Sie wirkt, als könne sie das alles selbst nicht ganz glauben. Sie, die das marode Gymnasium an den Landkreis abgegeben, die Sanierung der Grund- und Mittelschule und der Hauptstraße angeschoben und vergünstigtes Wohnen vorangetrieben hat, muss ihren Chefsessel im Rathaus gegen den 34 Jahre jüngeren Horn verteidigen. Er wäre Tutzings erster CSU-Bürgermeister seit 15 Jahren und der zweitjüngste Rathauschef Bayerns. Es wäre ein Coup.

Für Greinwald hingegen wäre es eine persönliche Abstrafung. Seit 1990 sitzt die gebürtige Rheinländerin für die Freien Wähler im Tutzinger Gemeinderat. Bei einer Abwahl wäre ihre kommunalpolitische Karriere nach 34 Jahren beendet. Es sei denn, ihr Versprechen auf "seriöse Pläne statt glänzender Visionen" verfängt. Eine Abwahl hätte auch finanzielle Konsequenzen: Eine Beamtenpension bekommen Bayerns Bürgermeister erst nach zwei Amtszeiten. Doch wie hat es die Xantenerin überhaupt an die Spitze Tutzings geschafft? Und wie kommt es, dass sie nun zittern muss?

Vom Rathaus geht sie die Bahnhofstraße hinab. Dass da jetzt ein Abstieg droht? Das wäre ungerecht, findet sie. "Ich habe die vergangenen Jahre nur aufgeräumt und angestoßen", sagt Greinwald. Unumstritten: Sie ist fleißig. Jugendbeirat, Seenotrettung, Neujahrsempfänge - kaum ein Termin, den sie nicht wahrnimmt. Doch mit dem Machen ist das so eine Sache in Tutzing. Die Gemeinde ist arm, kann Projekte wie die Grundschule kaum bezahlen. Gleichzeitig hat der Boden Münchner Preise, um Bauhöhen wird gestritten wie um Goldbarren. Visionen? "Ich sehe die Realitäten", sagt Greinwald.

Bürgermeisterwahl: Als staatlich geprüfte Wirtschafterin für Landbau kennt sich Marlene Greinwald auch mit Traktoren aus. Den Betrieb des Greinwaldhofs hat sie an eine ihrer Töchter abgegeben.

Als staatlich geprüfte Wirtschafterin für Landbau kennt sich Marlene Greinwald auch mit Traktoren aus. Den Betrieb des Greinwaldhofs hat sie an eine ihrer Töchter abgegeben.

(Foto: Nila Thiel)
Bürgermeisterwahl: Mit 15 von 15 Stimmen haben die Freien Wähler sie im Sommer zur Bürgermeisterkandidatin gewählt. "Ich möchte nicht jedermanns Liebling, sondern jedermanns verantwortungsvolle Bürgermeisterin sein", sagt sie in ihrer Rede.

Mit 15 von 15 Stimmen haben die Freien Wähler sie im Sommer zur Bürgermeisterkandidatin gewählt. "Ich möchte nicht jedermanns Liebling, sondern jedermanns verantwortungsvolle Bürgermeisterin sein", sagt sie in ihrer Rede.

(Foto: Nila Thiel)
Bürgermeisterwahl: Im Verlauf des Wahlkampfs gegen Herausforderer Ludwig Horn (CSU) hat sie zunehmend die Ellenbogen ausgepackt. Eine Gemeinde zu organisieren, sei nicht dasselbe wie ein Weinfest, sagt sie.

Im Verlauf des Wahlkampfs gegen Herausforderer Ludwig Horn (CSU) hat sie zunehmend die Ellenbogen ausgepackt. Eine Gemeinde zu organisieren, sei nicht dasselbe wie ein Weinfest, sagt sie.

(Foto: Arlet Ulfers)

Auf dem Gehweg liegt eine Plastiktüte. Sie bückt sich und legt sie auf einen Zeitungskasten. Das Thema Umwelt begleitet sie schon lange. Ihr Vater und ihr Großvater waren Gemeinderäte, sie selbst engagierte sich im agrarpolitischen Arbeitskreis der katholischen Landjugend. Mit ihrem Mann Martin verschrieb sie sich bereits in den Neunzigerjahren der Biolandwirtschaft. Heute wirbt sie an der Spitze der Tutzinger Klimabewegung für Balkonkraftwerke und Solarmodule. "Es geht um unser aller Zukunft", sagt sie dann - ein Satz, mit dem sie auch bei den Grünen nicht negativ auffallen würde.

Doch Orts-Urgestein Toni Aigner holte sie in den Parteilosen Wählerblock (PWB), dem damaligen Vorreiter der Freien Wähler. Vom eigentlich wenig aussichtsreichen Listenplatz 19 wurde Greinwald nach vorn gehäufelt, der Name der alteingesessenen Fischerfamilie, in die Greinwald eingeheiratet hat, zieht in Tutzing. Als Teil der aufmüpfigen Fraktion, die sich einst aus Protest gegen CSU-Klüngeleien gegründet hatte, mischte sie den Laden mit auf und machte sich einen Namen als Schulreferentin. 18 Jahre Opposition, in denen sie lernte, dass es sich lohnen kann, der CSU mit ihrer absoluten Mehrheit eigene Ideen unterzujubeln.

Bürgermeisterwahl: Toni Aigner (links) hat sie einst für die Freien Wähler gewonnen. Mittlerweile ist Greinwald (2.v.re.) eine von drei stellvertretenden Kreisvorsitzenden. Aiwanger-Skandal? Sie stehe für den Gedanken der Freien Wähler auf Ortsebene, sagt sie.

Toni Aigner (links) hat sie einst für die Freien Wähler gewonnen. Mittlerweile ist Greinwald (2.v.re.) eine von drei stellvertretenden Kreisvorsitzenden. Aiwanger-Skandal? Sie stehe für den Gedanken der Freien Wähler auf Ortsebene, sagt sie.

(Foto: Georgine Treybal)
Bürgermeisterwahl: In Greinwalds Amtszeit sind 70 geförderte Wohnungen am Kallerbach entstanden. Mittlerweile ist sie selber Vorsitzende des landkreisweiten "Verband Wohnen".

In Greinwalds Amtszeit sind 70 geförderte Wohnungen am Kallerbach entstanden. Mittlerweile ist sie selber Vorsitzende des landkreisweiten "Verband Wohnen".

(Foto: Verband Wohnen)

Heute hat sich der Blick einiger Tutzinger auf Greinwald gewandelt: Nun ist sie diejenige, der Intransparenz, teils sogar Mauscheleien vorgeworfen werden, insbesondere von der politischen Gegenseite. Kritik, die sie stets zurückweist. "Wir machen wirklich wenig nicht-öffentlich", sagt sie. Dahinter stecke auch ein Dilemma: Werden Grundstücksüberlegungen zu früh publik, könnten sie platzen oder Preise hochgetrieben werden, die dann auf Kosten der Steuerzahler gingen. Wurschtelt man im stillen Kämmerlein, fühlen sich manche außen vor.

Greinwalds Wahlversprechen: "Ich stehe meine Frau bei Gegenwind."

Zurück zum Spaziergang. Greinwald steht unten am Thomaplatz und schaut auf den Starnberger See. Von hier sind es nur wenige Schritte bis zum Friedhof, wo ihr Sohn Xaver begraben liegt. 2016 starb er mit 18 Jahren bei einem Autounfall. Ein Einschnitt. Greinwald war mittlerweile Dritte Bürgermeisterin - und schon bald darauf im Dauerkrisenmodus. Weil der damalige Bürgermeister Rudolf Krug schwer erkrankte, fand sie sich alsbald zusammen mit Vize-Verwaltungschefin Elisabeth Dörrenberg (CSU) in der Vertretung der Rathausgeschäfte wieder. Frauenförderung ist bis heute eines von Greinwalds Themen: "Ich stehe meine Frau bei Gegenwind" ist eines ihrer Wahlversprechen.

Als erste Frau und erstes Mitglied der Freien Wähler wurde sie im Januar 2018 zur Bürgermeisterin gewählt. 58 Prozent bekam sie in der Stichwahl gegen CSU-Politneuling Florian Schotter. Ein Umstand, der zeigt, wie gefährlich ihr junge Herausforderer werden können, die sich auf die schwarze Stammwählerschaft im Ort zu verlassen wissen. Seitdem führt sie eine Verwaltung, die unter Fachkräftemangel und Überstunden ächzt.

Greinwald schreitet jetzt langsamer an der Hauptstraße entlang. Ein Bagger lädt lautstark Schutt auf. Staub, Umleitungen, Sperrungen - nichts hat in den vergangenen Jahren so sehr an den Nerven der Tutzinger gezogen wie die überfällige Operation an der Verkehrslebensader des Orts. Wie ein Sporttrainer setzt Greinwald auf Durchhalteparolen. Erklärt, dass die Sanierung beim Weilheimer Bauamt liegt, die Rohre im Boden anderswo liegen als in den alten Plänen. Das Verständnis hält sich in Grenzen - auch bei den lokalen Händlern, die über Umsatzeinbußen ächzen und die Kommunikation bemängeln.

Bürgermeisterwahl: Dauerbaustelle mitten im Ort - und dann tat sich im Sommer auch noch ein tiefes Loch in der Hauptstraße auf. Der Frust über das "Jahrhundertprojekt" landet gern bei der Rathausspitze, doch die sieht in der Aktion eher einen Verdienst: Dass die Sanierung der Straße nach Jahrzehnten angegangen worden sei, "da werde ich immer und ewig stolz drauf sein", sagt Greinwald.

Dauerbaustelle mitten im Ort - und dann tat sich im Sommer auch noch ein tiefes Loch in der Hauptstraße auf. Der Frust über das "Jahrhundertprojekt" landet gern bei der Rathausspitze, doch die sieht in der Aktion eher einen Verdienst: Dass die Sanierung der Straße nach Jahrzehnten angegangen worden sei, "da werde ich immer und ewig stolz drauf sein", sagt Greinwald.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)
Bürgermeisterwahl: Beim Plakatieren war Herausforderer Ludwig Horn (CSU) schneller als Bürgermeisterin Marlene Greinwald (FW).

Beim Plakatieren war Herausforderer Ludwig Horn (CSU) schneller als Bürgermeisterin Marlene Greinwald (FW).

(Foto: Viktoria Spinrad)

"Mehr miteinander reden" lautet das zentrale Wahlkampfthema ihres Herausforderers, Zeit zum Nachfragen. Hört Greinwald den Menschen denn nicht zu? "Ich bin immer und überall ansprechbar", sagt sie. Doch wieso hängen an diesem Tag im ganzen Ort nur Wahlplakate des Herausforderers, aber keine von ihr? "Keine Zeit." Wieso hat sie sich auf ihrer Website nicht von Aussagen ihres Parteichefs Aiwanger in der Flugblattaffäre distanziert? "Nimmer geschafft." Wieso gibt sie im Gemeinderat nicht mehr klare Linien vor, Stichwort Vision? Sie wolle eben alle mitnehmen, sagt sie, "bei klaren Beschlussvorlagen wären manche auch beleidigt."

"Es geht mir um Tutzing", sagt Greinwald, "nicht um mich".

Und so dominiert das Bild einer Frau, die in eher müßigen Projekten hängt, oft still und leise vor sich hin wurschtelt und in ihrer Leitungsrolle zwar oft einstimmige Beschlüsse erzielt, es dabei aber doch keinem recht machen kann. Die einen vermissen Führung, die anderen kritisieren ihre "Basta"-Art, Diskussionen abzuwürgen. Ein Dilemma, das ihr bewusst ist, aus dem sie sich aber wohl kaum befreien kann. Dass der Umgang mit Kritik und strategisches Selbstmarketing nicht zu ihren Stärken gehören, weiß auch sie. "Es geht mir um Tutzing", sagt sie, "nicht um mich".

In diesem Sommer hat auch sie ihren Bilderwahlkampf auf Instagram eröffnet: Vorlesetag, Fußgängerleitsystem, Volkstrauertag. Was man beim Scrollen nicht sieht, sind die vielen Zumutungen für eine Rathauschefin am Starnberger See in einer der reichsten Ecken Deutschlands. Viele seien wohlwollend und dankbar, sagt Greinwald. Nur ist da auch noch eine andere Seite: Angequatscht werden nach dem Gottesdienst, was denn nun mit den Blumenbeeten sei. Anrufe am Privattelefon sonntags um sieben Uhr in der Früh, Drohungen, und warum wird der Schnee nicht schnell genug geräumt.

Bürgermeisterwahl: Seit dem Sommer 2023 ist auch Greinwald auf Instagram unterwegs und will ihre Bürger zum Wählen animieren.

Seit dem Sommer 2023 ist auch Greinwald auf Instagram unterwegs und will ihre Bürger zum Wählen animieren.

(Foto: Viktoria Spinrad)

Wird man da dünnhäutiger mit den Jahren? Als Bürgermeisterin müsse sie dünnhäutig sein, sagt sie. Wie solle sie denn sonst die Mitbürgerinnen und Mitbürger verstehen, wenn sie abgebrüht sei? "Dann wäre ich ja nicht mehr empathisch." Sie könne ja verstehen, dass sich die Menschen die gute, alte Zeit zurückwünschen. "Aber die alten Zeiten gibt's nicht mehr." Mehr gestalten, wie Kritiker monieren? Schwierig in dieser Gemeinde, die sich mitten im Sandwich zwischen See und Naturschutzgebieten befindet. Nur, dass dies eben keine attraktive Botschaft ist.

Für weitere sechs Jahre tritt Greinwald an. Einen vorzeitigen Abtritt im Frühjahr 2026, um Kommunal- und Gemeinderatswahlen wieder zusammenzuführen, wie es Horn verspricht, lehnt sie ab. "Verantwortungslos", sei das, sagt sie: "Es gibt so viele laufende Projekte." Ihre Amtszeit geht bis zum 3o. Januar 2024. Eine Abwahl wäre wohl das Ende ihrer kommunalpolitischen Karriere im Ort, nur im Kreistag würde sie bleiben. Es klingt wie eine Mahnung an die Wählerschaft, wenn sie sagt: "Mein Wissen und Können ist dann für Tutzing weg." Und das, sagt sie, wäre doch schade für den Ort, in dem das Träumen leider schwieriger werde.

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