Die Schülerzeitung „Trichter“, die Theatergruppe, Musikfreizeit, Chor und Orchester: Der Schauspieler und Regisseur Alexander Netschajew schwärmt noch heute von seiner Schulzeit am Tutzinger Gymnasium, auch wenn er von seinen Leistungen her ein mittelmäßiger Schüler gewesen sei. Er erinnert sich an ein schönes Miteinander und „wunderbare Aufführungen“. Ähnlich begeistert klingt sein Berufskollege Joern Hinkel, der dort sein „erstes Engagement auf einer Theaterbühne“ hatte. „Ich liebe Deutsch, Musik, Kunst. Mathe und Physik sind nach wie vor böhmische Dörfer für mich, obwohl ich da auch ganz tolle Lehrer hatte“, erzählt er mit seiner kräftigen Stimme, die leicht den Tumult bei der Jubiläumsfeier drumherum durchdringt.
Die beiden Schauspieler und Intendanten sind die prominentesten Teilnehmer einer Interviewrunde auf einer Bühne in der Schulaula, während draußen etwa 2000 Gäste bei Live-Musik, Bratwurst und Sautrogrennen das Schuljubiläum feiern. 75 Jahre liegen die Anfänge in der Kustermannvilla nun zurück. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Platz noch einmal eine Rolle spielen wird. Denn der schlechte bauliche Zustand des heutigen Gymnasiums ein paar Hundert Meter entfernt ist bei aller Feststimmung ein Thema, das beim Jubiläum immer wieder aufscheint. Und auch die Suche nach einem neuen Standort.
Das Programm mit Festakt in der Evangelischen Akademie und Sektempfang im Thomapark am See, mit Sautrog- und Bobbycarrennen, Volkstanz und Livemusik im Zelt, Schulhausführungen, Interviews und Modenschau erstreckt sich über den ganzen Tag bis in den Abend. Auch Absolventen der ersten Generationen sind dabei in der Gesprächsrunde auf der Bühne. Detlef Rzepka und Henning Boes etwa, die 1963 mit Abitur abgeschlossen haben und die Anfänge als „Realprogymnasium“ in der Kustermannvilla erlebt haben. Nur eine Handvoll Klassenzimmer habe es damals gegeben, dafür einen schönen großen Pausenhof. Drinnen habe es Seidentapeten an den Wänden und Parkettböden gegeben, erinnert sich Rzepka, „sehr gemütlich, eigentlich gar kein richtiges Schulhaus“.
Richtige Schulhäuser entstehen Jahre später nach dem Umzug an den neuen Standort mit Seezugang bei der Kalle-Villa an der Hauptstraße. Erste Klassen ziehen dort 1956 ein. Was folgt, sind diverse Erweiterungen, Umbauten, Unterricht in Ausweichquartieren, Modernisierungen und erste Sanierungen. Zwischenzeitlich wächst die Schülerzahl auf tausend, womit die Kapazitätsgrenze so ziemlich erreicht ist.



Und jetzt steht in beneidenswerter Lage am Starnberger See ein Konglomerat von Bauten mit unterschiedlichen Baujahren, das insgesamt dringend sanierungsbedürftig ist. Wer Gelegenheit hatte, sich beim Fest am Dienstag umzusehen, konnte zum Beispiel selbst erleben, dass bei dem derzeitigen Wetter ein längerer Aufenthalt in der Bibliothek wegen der dort herrschenden extremen Temperaturen nur schwer erträglich ist. Unübersehbar auch der Zustand der alten Kalle-Villa, deren Balkon mit Stahlträgern gestützt wird. Die Turnhallen waren wegen Wasserschäden und Schadstoffen ein halbes Jahr gesperrt.
Der Landkreis Starnberg hat die Schule vor sechs Jahren im August 2020 als Sachaufwandsträger übernommen und seither viel Geld investiert: in die Sanierung der Turnhalle, die Abdichtung von Dächern, besseren Schallschutz, die Erneuerung der Heizung und den Austausch von Schulmobiliar. Insgesamt wurden dafür nach Angaben des Landratsamts schon etwa zwei Millionen Euro ausgegeben.
Und das ist erst der Anfang. Der Landkreis habe bereits mehrere Varianten für eine Generalsanierung untersucht, berichtet Landrat Stefan Frey, CSU, in seiner Rede beim Festakt in der Evangelischen Akademie unweit der Schule. „Das wird kein Spaß“, sagt er und denkt dabei wohl an Bauarbeiten bei laufendem Unterricht. Die Kosten gibt er mit 70 bis 80 Millionen Euro an. Zum Vergleich: Der Neubau der Gautinger Realschule vor 14 Jahren hatte etwa die Hälfte gekostet.


Infrage kommt daher auch ein Neubau. Die Kreisverwaltung prüft in Abstimmung mit der Gemeinde Tutzing, ob das möglich und vielleicht sogar wirtschaftlicher wäre. Landrat Frey kündigt an, man sei bereits auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück; etwa drei bis fünf Hektar Fläche würden benötigt. „Wenn alle Stricke reißen“ müsse man über den Kustermannpark als künftigen Schulstandort nachdenken. Dort also, wo vor 75 Jahren alles anfing. „Ich träum’ von einer neuen Schule ohne Schaden. Ich such’ n neues Grundstück, unbekannte Lage, ob Neubau, ob Sanierung, das ist hier die Frage“, singt etwas später zwischen den Reden beim Festakt ein Lehrerchor nach der Melodie von „Haus am See“ von Peter Fox.
In einer Woche, am kommenden Freitag, mit geladenen Gästen, darunter Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, wird einstweilen die Einweihung des neuen Gymnasiums in Herrsching gefeiert. Auch dort gibt es Klassenzimmer mit Blick auf den See. Die Kosten für den Neubau beliefen sich zuletzt auf etwa 110 Millionen Euro. Das Gymnasium in Starnberg übernimmt der Kreis im nächsten Jahr.


