Herkunft, Mentalität und Temperament spielen in der Kunst meist eine Rolle. Beim Pianisten Juan Pérez Floristán ist dieser Einfluss deutlich zu spüren. Fünf Jahre nach seinem ersten Besuch bei den Tutzinger Brahmstagen beehrte die Evangelische Akademie Tutzing nun ein leidenschaftlicher und hochemotionaler Musiker aus Sevilla im spanischen Andalusien. Dass Floristán mit 27 Jahren bereits weltweit gefragt ist, hat er gewiss auch seiner energischen, sicheren Bühnenpräsenz zu verdanken. Gepaart mit spieltechnischer Differenzierung und imaginativer Ausdrucksvarianten ist seine Rhetorik ausgesprochen beredsam. Und das ist umso wirksamer, da Floristáns Mimik und Gestik nicht nur ausdrucksstark daherkommen, sondern auch stimmig mit dem Gehörten einhergehen. Eine Symbiose, die dem Repertoire vielleicht mehr Programmatik verlieh, als sie von den Komponisten ursprünglich beabsichtigt war.
Mit geradezu bildlichen Vorstellungen zu arbeiten, trug entscheidend zur Klarheit und Transparenz des pianistischen Satzes bei, auch wenn der Notentext nicht immer die Gedanken dahinter offenbart. Gerade die späten Klavierkompositionen von Brahms sind schwer zuzuordnen. Bei den als "Drei Intermezzi" op. 117 bekannten Stücken konnte sich der 59-jährige Komponist einst nicht für eine Überschrift entscheiden. Er widmete sich damals nur noch kleinen Formen, als wollte er nachschicken, was er bis dahin nicht untergebracht hatte. "Die Stücke sind, was Fingerfertigkeit betrifft, nicht schwer, aber die geistige Technik darin verlangt ein feines Verständnis, und man muss ganz vertraut mit Brahms sein, um sie so wiederzugeben, wie er es sich gedacht", hatte schon Clara Schumann angemerkt. Juan Pérez Floristán vermochte diese persönlichen Äußerungen - die "drei Wiegenlieder meiner Schmerzen", so Brahms - in einer feinsinnig differenzierten Sprache auszuformulieren und über die aphoristische Knappheit der vielen Aussagen einen sinnstiftenden Bogen zu spannen. Darin unterschied sich deutlich Brahmsens Scherzo es-Moll op. 4, das frühste veröffentlichte Klavierwerk des damals erst 18-jährigen Komponisten. Spritzig-burlesk stieg Floristán damit in das Klavier-Rezital ein, zeigte aber sogleich Wendigkeit im Wechsel zu lyrischen Rücknahmen von berührender Wärme. Brahms hatte das gehaltvolle Stück dafür genutzt, sich auch als Klaviervirtuose zu präsentieren. Für Floristán Grund genug, viele Register zu ziehen und Höhepunkte in orchestraler Fulminanz zu kreieren. In den Intermezzi ging es um beseelte Tiefe, bewegte Leidenschaft, vergeistigtes Sinnieren. Floristáns Dramaturgie mutete philosophierend an, griff die einzelnen Gedanken mit Bedacht auf, selbst im bewegt vorantreibenden dritten Intermezzo. Der spanische Pianist zeigte viel Gespür für die gewandelte Farbpalette, in der wie in Nr. 1 Verdunkelungen leicht und fast luftig daherkamen.
Mit dem Scherzo hatte sich Brahms bei den Schumanns Bewunderung verschafft, daher wohl auch Robert Schumanns "Papillons" op. 2 im Programm. Ein Jugendwerk des Komponisten, das im frei gehandhabten Zusammenhang zu Jean Pauls "Flegeljahre" steht. Mit seiner aussagestarken Spielweise machte Floristán auch deutlich, dass es sich nicht etwa um Schmetterlinge handelt, wie der Titel suggeriert, sondern um flatterhaftes Treiben - ein Maskenball wird vermutet, - das Floristán mit extremen Ausprägung umsetzte. Ein Zugriff, den auch Beethovens grandiose "Appassionata" (Sonate f-Moll op. 57) erfuhr. Floristán nahm die Spannung der Intermezzi ohne Unterbrechung mit, was die Konzentration steigerte. Mit starken Kontrasten, unvermittelten Wendungen, packenden Emotionen, gewaltigen Substanzexzessen, aber auch sakraler Ruhe und luftigem Schwirren fesselte Floristán mit kompromissloser Hingabe bis zum wilden Finale. Schuberts Moments Musicaux Nr. 3 in leichtem Galopp und mit seliger Melodik in der Zugabe löste erst die Spannung im Saal. Die Brahmstage waren damit fulminant eröffnet.
