Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Oder sie poppen einfach auf: Anlässlich der Tutzinger Festwoche (22. bis 26. Juli), die ganz im Zeichen der Fischerhochzeit steht, gibt es auch wieder einen Biergarten im Herzen der Gemeinde – zumindest kurzzeitig. Damit nicht genug: Braumeister Stephan Albrecht von der Brauerei Oberland hat extra für den würdigen Anlass in einer Sonderedition das „Fischerhochzeitsbier“ kreiert. Tutzings Bürgermeister Ludwig Horn (CSU) eröffnete den Pop-up-Biergarten beim „Andechser Hof“ mit dem Fassanstich und Freibier.
„Ludwig, du bist ein Naturtalent“, schallt es herüber zum Bürgermeister. Der hat zur Begeisterung der rund 200 Gäste kurz zuvor mit nur zwei Schlägen den Zapfhahn zielgenau ins 50-Liter-Holzfass getrieben und muss jetzt einschenken. Einige der Gäste sind standesgemäß im bayerischen Gwand erschienen, andere im legeren Freizeitlook, manche mit Hund oder Kind. Die Blasmusik spielt „Ein Prosit der Gemütlichkeit“, und auch die dunklen Wolken haben sich verzogen – ein Hauch von Oktoberfest in Tutzing.
Freilich ist Freibier immer eine gute Sache, poppig sozusagen. Aber noch erfreulicher ist, dass der Platz unter den alten Kastanienbäumen endlich wieder seiner eigentlichen Bestimmung gerecht wird: Seit mehr als 14 Jahren schon steht der marode „Andechser Hof“ leer – ein ungelöstes Politikum. Die Eigentümer Georg und Conny Schuster möchten das alte Gemäuer abreißen lassen und neu bauen, auch der Gemeinderat will Gastronomie und Biergarten erhalten, zugleich aber die Anwohner schützen.

Davon ist am Eröffnungstag nichts zu spüren, doch soviel deutet sich schon jetzt an: Braumeister Albrecht, 26, und sein Team haben mit dem Pop-up-Biergarten einen Volltreffer gelandet. Geöffnet ist im Juli von Donnerstag bis Sonntag und durchgehend während der Festwoche. Im Angebot sind bayerische Schmankerl, Brotzeiten, Getränke und natürlich das „Fischerhochzeitsbier“: Ein lecker-süffiges Kellerbier, das schon am ersten Tag seine Liebhaber findet und zur Not auch in Flaschen im lokalen Getränkehandel und den beiden örtlichen Edeka-Märkten erhältlich ist.
Pop-up-Stores haben Konjunktur. Es gibt sie als Restaurants, Ramschläden, Orte für Kunstevents – und neuerdings auch als Biergarten: ein temporärer Gastronomiebetrieb im Freien, der für begrenzte Zeit an ungewöhnlichen oder ungenutzten Orten eröffnet und dann wieder verschwindet. Der Aufwand ist überschaubar, die Öffnungszeiten sind flexibel. Die ersten Biergärten auf Zeit tauchten bereits in München auf. Mittlerweile gibt es sie zunehmend auch in der Region: Am 15. und 16. August lädt die Gemeinde Planegg zum „Planegger Sommergarten“ auf dem Bahnhofsareal ein. In Bad Tölz wird der Bürgergarten an den ersten beiden August-Wochenenden mit Unterstützung zweier ortsansässiger Brauereien zum Biergarten.

In Tutzing verfolgt Albrecht, der mit seiner Familie ein Gasthaus mit Kulturbühne und bayerischer Küche in Schongau betreibt, allerdings höhere Ziele. Seine Familie braute bis 1974 in Tutzing Bier: Die „Brauerei Oberland“ ist vielen noch ein Begriff, in der Ziegeleistraße gab es das Weißbierstüberl. Bereits seine Urgroßeltern Hans und Marianne Merkl hatten 1953 für die damalige Fischerhochzeit die Bierversorgung übernommen. In den Siebzigerjahren war das „Festzelt Oberland“ bei Fischerhochzeiten und Volksfesten wesentlicher Bestandteil der Feierlichkeiten.
Daran möchte Albrecht anknüpfen. Er selbst lebt in Tutzing, sein Traum: „Wir würden gern wieder Weißbier in Tutzing brauen.“ Sollte das klappen, fehlt dem Ort im Zentrum nur noch eine Gaststätte mit Biergarten zur Glückseligkeit – am besten ohne Pop-up.

