Tutzinger FischerhochzeitDas legendärste Ja-Wort im Fünfseenland

Lesezeit: 3 Min.

Die Tutzinger feiern zum 13. Mal Fischerhochzeit und lassen dabei die Biedermeierzeit aufleben. Am Dampfersteg erwartet der Bräutigam seine Braut und die Gäste, die aus Ambach gerudert kommen.
Die Tutzinger feiern zum 13. Mal Fischerhochzeit und lassen dabei die Biedermeierzeit aufleben. Am Dampfersteg erwartet der Bräutigam seine Braut und die Gäste, die aus Ambach gerudert kommen.
Nila Thiel
  • Nach neun Jahren Pause findet in Tutzing zum 13. Mal die legendäre Fischerhochzeit statt, bei der der ganze Ort eine Zeitreise ins Jahr 1814 unternimmt.
  • Das historische Schauspiel erzählt die Geschichte der Fischerstochter Veronika Bierbichler aus Ambach und des Fischersohns Michael Gröber aus Tutzing, die sich vermählen.
  • Unter Federführung der Tutzinger Gilde schlüpfen die Einwohner in Biedermeier-Kostüme und führen mit Kutschen, Booten und Tänzen das große Spektakel auf.
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Bei der 13. Fischerhochzeit begibt sich ganz Tutzing auf eine Zeitreise ins Jahr 1814. Nach neun Jahren Pause zeigen Darsteller, Gilde und Gäste bei dem Spektakel, wie ausgelassen man die Biedermeierzeit feiern kann.

Von Annette Jäger, Tutzing

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Die Braut steckt sich den Ring selbst an den Finger, trinkt einen Schluck vom Wein aus dem Kelch, dann ist es vollbracht: „Das Brautpaar – es lebe hoch!“, ruft der Hochzeitslader. Die Böllerschüsse lassen das Publikum im Schlossgarten zusammenzucken, dann applaudiert die Menge und jubelt dem Paar zu. Endlich haben sie sich: Die Fischerstochter Veronika Bierbichler von der anderen Seeseite aus Ambach und der Fischersohn Michael Gröber aus Tutzing sind ein Ehepaar. Ein ganzer Ort hat seit Wochen auf diesen Moment hingefiebert, am Sonntag war die Vermählungszeremonie auf der Terrasse des Schlosses – heute die Evangelische Akademie Tutzing: der Höhepunkt der wohl legendärsten Hochzeit im ganzen Fünfseenland.

Tutzinger Fischerhochzeit
Nila Thiel

Die Tutzinger haben es wieder getan: Am Wochenende haben sie nach neun Jahren Pause die Fischerhochzeit inszeniert. Seit der Uraufführung 1929 kommt das historische Schauspiel in mehrjährigen Abständen zur Aufführung, dieses Jahr zum 13. Mal. Dabei macht sich Tutzing auf zu einer Zeitreise zurück ins Jahr 1814, lässt die Biedermeierzeit wieder aufleben und erzählt die Geschichte der beiden Fischerkinder, heuer gespielt von Mara Bove und Valentin Müller, die den Bund der Ehe eingehen.

Es ist ein großes Spektakel, bei dem der ganze Ort mitmacht. Unter Federführung der Tutzinger Gilde und des Veranstaltungsvereins schlüpfen die Tutzinger in die historischen Kostüme, üben Biedermeiertänze ein, studieren Musikstücke und führen in Ehrfurcht und originalgetreu die Geschichte auf, die Heimatpfleger Josefranz Drummer einst aufgeschrieben hat. In diesem Jahr führte schon um zweiten Mal Michael Fleddermann Regie.

Die Braut Veronika Bierbichler – gespielt von Mara Bove – winkt ihrem Bräutigam zu, dem Fischersohn Michael Gröber, dargestellt von Valentin Müller.
Die Braut Veronika Bierbichler – gespielt von Mara Bove – winkt ihrem Bräutigam zu, dem Fischersohn Michael Gröber, dargestellt von Valentin Müller.
Nila Thiel
Zu Ehren des Brautpaares führen die Hochzeitsgäste ein Tänzchen auf. Im echten Leben sind es Schülerinnen und Schüler der Realschule Tutzing, die wochenlang dafür geübt haben.
Zu Ehren des Brautpaares führen die Hochzeitsgäste ein Tänzchen auf. Im echten Leben sind es Schülerinnen und Schüler der Realschule Tutzing, die wochenlang dafür geübt haben.
Nila Thiel

Für die Hochzeit hat sich Tutzing herausgeputzt: Die Häuser an der Hauptstraße sind mit Girlanden geschmückt, Fahnen wehen im Wind, die Geranien am Guggerhof, wo die Zeremonie ihren Anfang nimmt, leuchten zum Hochzeitstag besonders rot, so scheint es. Am Guggerhof finden sich am Sonntag schon um 8.30 Uhr die Gäste des Bräutigams ein. Der Hochzeitslader, dargestellt von Hans Greif, heißt sie auf Bairisch alle willkommen, aus Ambach und Ebenhausen, aus Weilheim und Ammerland.

Ein ganzer Ort ist auf den Beinen und hat sich herausgeputzt.
Ein ganzer Ort ist auf den Beinen und hat sich herausgeputzt.
Nila Thiel

Die Zuschauer lassen sich von deren Anblick verzaubern und zücken die Handys für Fotos: Die Damen tragen schmale Taille und Puffärmel, auf dem Kopf balancieren sie Otterfellmützen oder haben die Bänder ihrer feschen Hüte unter dem Kinn zu großen Schleifen gebunden. Die Mädchen tragen glitzernd verzierte Krönchen auf den aufwendigen Flechtfrisuren. Auch die Herren hatten damals keine Scheu vor bunten Farben, Streifen und Stickereien. Sie tragen dazu Gehrock und Zylinder. Der Polterabend am Samstag, der auch zum historischen Spiel gehört, sitzt so manchem Darsteller noch in den Knochen, die Nacht soll kurz gewesen sein, raunt man in der Zuschauermenge.

Endlich haben sie sich: Der Bräutigam Michael Gröber (Valentin Müller) nimmt seine Braut Veronika Bierbichler (Mara Bove) am Dampfersteg in Empfang.
Endlich haben sie sich: Der Bräutigam Michael Gröber (Valentin Müller) nimmt seine Braut Veronika Bierbichler (Mara Bove) am Dampfersteg in Empfang.
Nila Thiel

Vom Guggerhof ziehen die Hochzeitsgäste in Pferdekutschen und teils zu Fuß hinunter zum See, um die Braut in Empfang zu nehmen. Die Zuschauer, von denen sich viele auch in Tracht gekleidet haben, reihen sich in den Hochzeitszug ein und werden Teil der Festgesellschaft. „Das ganze Dorf macht was zusammen“, erklärt eine Tutzingerin in Tracht den Reiz der Inszenierung.

Wie im „Bienenstock“ sei es im ganzen Ort in den vergangenen Wochen zugegangen. Und dann kommt auch schon die Braut im blumenverzierten Kahn über den dunkelgrünen See gerudert. In Gefolgschaft sind sechs weitere Boote mit den Hochzeitsgästen aus Ambach. Der aufkommende Wind und ein paar Regentropfen haben das Wasser ein wenig aufgewühlt, die Boote schwanken beim Anlegen. Im Hintergrund türmen sich die Berge im Dunst auf, Trompete und Tuba erklingen – im Publikum ist es ganz still, der Moment hat seine Anmut. Regisseur Fleddermann steht auf einer Parkbank am Rande und beobachtet das Geschehen. Er ist zufrieden, alles läuft nach Plan, „Hauptsache das Wetter hält.“

Die Biedermeierzeit blättert sich vor der Schlosskulisse – heute die Evangelische Akademie Tutzing – wie ein Bilderbuch auf. Nur die Regenschirme sind heute ein bisschen anders als 1814.
Die Biedermeierzeit blättert sich vor der Schlosskulisse – heute die Evangelische Akademie Tutzing – wie ein Bilderbuch auf. Nur die Regenschirme sind heute ein bisschen anders als 1814.
Nila Thiel
Beim Wettlauf der Burschen bekommt der Verlierer ein Sauschwanzerl.
Beim Wettlauf der Burschen bekommt der Verlierer ein Sauschwanzerl.
Nila Thiel

Während sich Brautpaar und Hochzeitsgäste zum Gottesdienst in die Pfarrkirche aufmachen, steigt in der Akademie, die in der Geschichte das Schloss des Grafen von Vieregg ist, das Lampenfieber, gleich findet hier die Vermählung statt. Die Musikgruppen stellen sich auf der Terrasse auf, letzte Blumen werden am Hut festgesteckt. Der Direktor der Akademie, Udo Hahn, spielt den Hofmarksrichter, er wird das Brautpaar trauen. Die Rolle ist ihm auf den Leib geschneidert – im echten Leben ist er Pfarrer und hat schon etliche Trauungen vorgenommen.

Doch diese hier ist doch etwas anderes: Er habe Lampenfieber, gibt er zu. Auch die Schülerinnen und Schüler der Tutzinger Realschule warten nervös auf ihren Auftritt. Sobald das Hochzeitspaar vermählt ist, werden sie ein Tänzchen aufführen. Sie haben wochenlang dafür geübt. Die Gäste strömen derweil in den Schlosspark, um der Zeremonie beizuwohnen. Ein Herr im Biedermeier-Outfit mit Zylinder auf dem Kopf schließt sein Fahrrad noch schnell am Halteverbotsschild an. Er lässt sich von einer Zuschauerin fotografieren, „es ist doch Biedermeier“, ruft er erklärend. Die Tutzinger leben die Fischerhochzeit.

Bei der Fischerhochzeit macht das ganze Dorf mit – auch der Nachwuchs vom Trachtenverein Tutzinger Gilde.
Bei der Fischerhochzeit macht das ganze Dorf mit – auch der Nachwuchs vom Trachtenverein Tutzinger Gilde.
Nila Thiel
Die Ehrengäste finden sich in der Hauptstraße am Guggerhof ein.
Die Ehrengäste finden sich in der Hauptstraße am Guggerhof ein.
Nila Thiel

Bei der Trauung auf der Schlossterrasse, wo sich die ganze Biedermeierzeit noch einmal wie ein Bilderbuch aufblättert, führt der Erzähler, den Alexander Hiebl darstellt, das Publikum noch rasch durch die historische Geschichte. Die wichtigste Botschaft darin ist zeitlos: Auf Zwist und Rache folgen Frieden und Versöhnung. Am Ende siegt die Liebe.

Braut und Bräutigam haben an dem Tag noch einiges vor sich: Im Festzelt wird die Köchin ihnen Kraut und Suppe bringen, sie werden den Brauttanz aufführen und am Nachmittag gibt es noch den prächtigen Festzug durch das geschmückte Dorf. Abends klingt die Hochzeit im Festzelt aus. Vorher gibt der Hofmarksrichter dem Brautpaar noch etwas mit auf den Weg: „Das Schifflein der Ehe gilt es durch die Wogen des Lebens zu steuern.“ Auch diese Botschaft ist überraschend zeitlos.

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