Die Braut steckt sich den Ring selbst an den Finger, trinkt einen Schluck vom Wein aus dem Kelch, dann ist es vollbracht: „Das Brautpaar – es lebe hoch!“, ruft der Hochzeitslader. Die Böllerschüsse lassen das Publikum im Schlossgarten zusammenzucken, dann applaudiert die Menge und jubelt dem Paar zu. Endlich haben sie sich: Die Fischerstochter Veronika Bierbichler von der anderen Seeseite aus Ambach und der Fischersohn Michael Gröber aus Tutzing sind ein Ehepaar. Ein ganzer Ort hat seit Wochen auf diesen Moment hingefiebert, am Sonntag war die Vermählungszeremonie auf der Terrasse des Schlosses – heute die Evangelische Akademie Tutzing: der Höhepunkt der wohl legendärsten Hochzeit im ganzen Fünfseenland.
Die Tutzinger haben es wieder getan: Am Wochenende haben sie nach neun Jahren Pause die Fischerhochzeit inszeniert. Seit der Uraufführung 1929 kommt das historische Schauspiel in mehrjährigen Abständen zur Aufführung, dieses Jahr zum 13. Mal. Dabei macht sich Tutzing auf zu einer Zeitreise zurück ins Jahr 1814, lässt die Biedermeierzeit wieder aufleben und erzählt die Geschichte der beiden Fischerkinder, heuer gespielt von Mara Bove und Valentin Müller, die den Bund der Ehe eingehen.
Es ist ein großes Spektakel, bei dem der ganze Ort mitmacht. Unter Federführung der Tutzinger Gilde und des Veranstaltungsvereins schlüpfen die Tutzinger in die historischen Kostüme, üben Biedermeiertänze ein, studieren Musikstücke und führen in Ehrfurcht und originalgetreu die Geschichte auf, die Heimatpfleger Josefranz Drummer einst aufgeschrieben hat. In diesem Jahr führte schon um zweiten Mal Michael Fleddermann Regie.


Für die Hochzeit hat sich Tutzing herausgeputzt: Die Häuser an der Hauptstraße sind mit Girlanden geschmückt, Fahnen wehen im Wind, die Geranien am Guggerhof, wo die Zeremonie ihren Anfang nimmt, leuchten zum Hochzeitstag besonders rot, so scheint es. Am Guggerhof finden sich am Sonntag schon um 8.30 Uhr die Gäste des Bräutigams ein. Der Hochzeitslader, dargestellt von Hans Greif, heißt sie auf Bairisch alle willkommen, aus Ambach und Ebenhausen, aus Weilheim und Ammerland.

Die Zuschauer lassen sich von deren Anblick verzaubern und zücken die Handys für Fotos: Die Damen tragen schmale Taille und Puffärmel, auf dem Kopf balancieren sie Otterfellmützen oder haben die Bänder ihrer feschen Hüte unter dem Kinn zu großen Schleifen gebunden. Die Mädchen tragen glitzernd verzierte Krönchen auf den aufwendigen Flechtfrisuren. Auch die Herren hatten damals keine Scheu vor bunten Farben, Streifen und Stickereien. Sie tragen dazu Gehrock und Zylinder. Der Polterabend am Samstag, der auch zum historischen Spiel gehört, sitzt so manchem Darsteller noch in den Knochen, die Nacht soll kurz gewesen sein, raunt man in der Zuschauermenge.

Vom Guggerhof ziehen die Hochzeitsgäste in Pferdekutschen und teils zu Fuß hinunter zum See, um die Braut in Empfang zu nehmen. Die Zuschauer, von denen sich viele auch in Tracht gekleidet haben, reihen sich in den Hochzeitszug ein und werden Teil der Festgesellschaft. „Das ganze Dorf macht was zusammen“, erklärt eine Tutzingerin in Tracht den Reiz der Inszenierung.
Wie im „Bienenstock“ sei es im ganzen Ort in den vergangenen Wochen zugegangen. Und dann kommt auch schon die Braut im blumenverzierten Kahn über den dunkelgrünen See gerudert. In Gefolgschaft sind sechs weitere Boote mit den Hochzeitsgästen aus Ambach. Der aufkommende Wind und ein paar Regentropfen haben das Wasser ein wenig aufgewühlt, die Boote schwanken beim Anlegen. Im Hintergrund türmen sich die Berge im Dunst auf, Trompete und Tuba erklingen – im Publikum ist es ganz still, der Moment hat seine Anmut. Regisseur Fleddermann steht auf einer Parkbank am Rande und beobachtet das Geschehen. Er ist zufrieden, alles läuft nach Plan, „Hauptsache das Wetter hält.“


Während sich Brautpaar und Hochzeitsgäste zum Gottesdienst in die Pfarrkirche aufmachen, steigt in der Akademie, die in der Geschichte das Schloss des Grafen von Vieregg ist, das Lampenfieber, gleich findet hier die Vermählung statt. Die Musikgruppen stellen sich auf der Terrasse auf, letzte Blumen werden am Hut festgesteckt. Der Direktor der Akademie, Udo Hahn, spielt den Hofmarksrichter, er wird das Brautpaar trauen. Die Rolle ist ihm auf den Leib geschneidert – im echten Leben ist er Pfarrer und hat schon etliche Trauungen vorgenommen.
Doch diese hier ist doch etwas anderes: Er habe Lampenfieber, gibt er zu. Auch die Schülerinnen und Schüler der Tutzinger Realschule warten nervös auf ihren Auftritt. Sobald das Hochzeitspaar vermählt ist, werden sie ein Tänzchen aufführen. Sie haben wochenlang dafür geübt. Die Gäste strömen derweil in den Schlosspark, um der Zeremonie beizuwohnen. Ein Herr im Biedermeier-Outfit mit Zylinder auf dem Kopf schließt sein Fahrrad noch schnell am Halteverbotsschild an. Er lässt sich von einer Zuschauerin fotografieren, „es ist doch Biedermeier“, ruft er erklärend. Die Tutzinger leben die Fischerhochzeit.


Bei der Trauung auf der Schlossterrasse, wo sich die ganze Biedermeierzeit noch einmal wie ein Bilderbuch aufblättert, führt der Erzähler, den Alexander Hiebl darstellt, das Publikum noch rasch durch die historische Geschichte. Die wichtigste Botschaft darin ist zeitlos: Auf Zwist und Rache folgen Frieden und Versöhnung. Am Ende siegt die Liebe.
Braut und Bräutigam haben an dem Tag noch einiges vor sich: Im Festzelt wird die Köchin ihnen Kraut und Suppe bringen, sie werden den Brauttanz aufführen und am Nachmittag gibt es noch den prächtigen Festzug durch das geschmückte Dorf. Abends klingt die Hochzeit im Festzelt aus. Vorher gibt der Hofmarksrichter dem Brautpaar noch etwas mit auf den Weg: „Das Schifflein der Ehe gilt es durch die Wogen des Lebens zu steuern.“ Auch diese Botschaft ist überraschend zeitlos.

