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Tutzing:Festrede per Mausklick

Erster virtueller Jahresempfang der Evangelischen Akademie

Von Manuela Warkocz, Tutzing

Er gilt als gesellschaftliches Highlight mit politischer Signalwirkung über Tutzing hinaus: der Jahresempfang der Evangelischen Akademie im Januar. Meist trafen sich hier 400 geladene Gäste, Führungsspitzen aus Politik, Wirtschaft, Justiz, Kultur, Kirchen und Medien. Seit Beginn der Jahresempfänge im Jahr 1972 gaben sich namhafte Festredner die Schlossklinke in die Hand, darunter Bundeskanzler und Bundespräsidenten, zuletzt Joachim Gauck. Mit allen konnte man beim locker-geselligen Teil des Abends in den Salons ins Gespräch kommen. Corona macht die traditionelle Form des Empfangs unmöglich. "Weder eine Verschiebung noch ihn ausfallen zu lassen, waren für uns Optionen", wie Direktor Udo Hahn mitteilt. Man entschloss sich also zur gut einstündigen Online-Variante.

Am Montagabend begrüßte Gastgeber Hahn - wie gewohnt aus dem Musiksaal des Schlosses, aber vor traurig-leeren Stuhlreihen - live auf dem Akademie-eigenen Youtube-Kanal Zuschauer und Redner. Der virtuellen Premiere versuchte der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, ebenfalls leibhaftig präsent im Schloss, gute Seiten abzugewinnen. Ohne digitale Formate hätte der soziale Zusammenhalt 2020 noch viel mehr gelitten. Markus Söder wird mit einem Grußwort eingeblendet, aufgepflanzt auf irgendeinem Flur neben einem Topfbaum. Nach zwei einleitenden Sätzen kommt der Ministerpräsident sofort mit mahnenden und um Geduld bittenden sattsam bekannten Ausführungen zur Pandemie.

Im Mittelpunkt dann der Vortrag von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, unter dem Motto "Bedroht, beschützt, beheimatet: Jüdisches Leben heute". Anlass ist die Erinnerung an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Ein Thema, das zum Ausdruck bringt, wofür die Akademie stehen will - für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Respekt, Toleranz, Zivilcourage. Schuster spricht von den "antidemokratischen Fliehkräften", die er mit Sorge in Deutschland, Europa und den USA beobachte. Um ihnen etwas entgegenzusetzen, "brauchen wir mehr Verantwortungsbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger", so seine Überzeugung. Dazu gehöre mehr geschichtliches Wissen, auch über die Höhen und vor allem Tiefen jüdischen Lebens in Deutschland und wie sehr es die Kultur geprägt habe. Die erste schriftliche Überlieferung jüdischen Lebens in Deutschland datiert auf das Jahr 321. In Zukunft, da kaum mehr Zeitzeugen leben, müssten neue Formen der Erinnerung gefunden werden, um auch die jüngere Generation anzusprechen. Es gab diesmal kein Buffet, aber feine musikalische Happen serviert vom Trio des Jewish Chamber Orchestra Munich. Der virtuelle Empfang kommt offenbar auch gut an: Bis Mittwoch hatte er mit 1100 Klicks fast dreimal so viele Gäste wie sonst.

© SZ vom 28.01.2021
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