Süddeutsche Zeitung

Coronavirus in Schulen:Ansteckender Unterricht

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Klassen müssen nicht vom ersten, sondern vom zweiten Corona-Fall an in Quarantäne. An der Grundschule in Tutzing infizieren sich aus Sicht von Eltern deswegen immer mehr Kinder - eines ist sogar schwer erkrankt.

Von Carolin Fries und Christina Rebhahn-Roither, Tutzing

Das Unverständnis wächst mit jedem neuen Coronavirus-Fall: Wer schützt unsere Kinder und Familien? Das fragen sich Eltern an der Tutzinger Grundschule, nachdem sich der Erreger dort seit Anfang Oktober beständig klassenübergreifend ausbreitet. Warum sind die Quarantäne- und Testregeln derart lax, obwohl doch bekannt ist, dass das Virus in den Klassenräumen auf schutzlose Kinder trifft, die sich altersbedingt nicht impfen lassen können - sehr wohl aber Überträger sein können. Ist dieses Risiko der Preis für den Präsenzunterricht?

Innerhalb weniger Tage hat sich die Zahl der infizierten Kinder verdoppelt, am Montag meldete Rektorin Anne-Katrin Schallameier 14 bestätigte Fälle, ein Kind sei schwer erkrankt. Inzwischen sind alle drei dritten Klassen sowie eine erste Klasse betroffen. "Das Virus ist schneller als wir", sagt sie mit Bedauern. Dass sich etliche Familien am Montag genötigt sahen, ihre Kinder krank zu melden, weil sie Sorge vor einer Ansteckung haben, kann sie verstehen. Schließlich seien gerade Familien höchst fragile Systeme, eine Infektion würde Eltern und Geschwister wieder in Home-Office und -schooling verbannen, sämtliche Freizeitaktivitäten auf Eis legen.

Schallameier hätte deshalb nach Bekanntwerden des ersten Falles am liebsten die komplette Klasse für mehrere Tage in Quarantäne geschickt und dies auch dem Gesundheitsamt mitgeteilt. "Doch ich darf das nicht", sagt Schallameier. So veranlasste sie immerhin eine Maskenpflicht für alle Schüler der Grund- und Mittelschule auch am Sitzplatz.

Gesundheitsamtsleiter Lorenz Schröfl beruft sich auf klare Vorgaben des Gesundheitsministeriums. Demnach müssten bei einem ersten positiven Fall in einer Schulklasse lediglich die engen Kontaktpersonen für fünf Tage in Quarantäne - vorausgesetzt, sie sind nicht geimpft oder genesen, was an der Grundschule auf den Großteil zutrifft. "In der Regel sind das die Sitznachbarn", so Schröfl. So lange gibt es auch keine täglichen Tests.

Erst wenn sich ein zweites Kind in der Klasse angesteckt hat - wie in Tutzing geschehen -, weitet sich die Quarantäne auf die ganze Klasse aus und müssen die Kinder tägliche Schnelltests im Klassenzimmer machen. Dabei kommt es zu einem eigentümlichen Konstrukt: Die Dauer der Quarantäne wird nach dem ersten Fall berechnet. In der Praxis kommt es so am laufenden Band zu rückwirkenden Quarantänen, die freilich den gewünschten Zweck kaum erfüllen können. Was bringt es, wenn Eltern am Samstagabend erfahren, dass ihr Kind sich eigentlich seit dem Mittwoch davor in Quarantäne befindet, das Fußballtraining und die Ballettstunde aber ebenso stattgefunden haben?

Erst bei zwei nachgewiesenen Fällen in der Klasse müssen dann außerdem für 14 Tage die Masken auch am Platz getragen werden. Für die Parallelklassen, mit denen sie sich etwa im Religionsunterricht oder im Sportunterricht mischen, gelten diese Auflagen nicht. Schallameier kann nachvollziehen, dass man solche Regeln nach eineinhalb Jahren Pandemieerfahrung nur müde belächeln kann. "Mir geht es genauso, ich lächle mit."

Für Schröfl ist der Umgang mit dem Coronavirus an Schulen ein Kompromiss. "Es ist ein Abwägen der Politik zwischen Präsenzunterricht und Infektionsschutz." Das sei nicht einfach bei einem grassierenden Virus, doch es gelinge eben doch, die Infizierten noch irgendwie "rauszufischen". Schröfl weiß, wovon er spricht, er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der erste Coronavirus-Ausbruch Deutschlands bei Webasto in Stockdorf eingedämmt werden konnte. Eine fünftägige Quarantäne hält er für das "absolute Minimum", doch der Mediziner kennt auch andere Stimmen. "Manchen sind die Vorgaben zu streng, anderen zu leger", sagt er. "Egal wie man es macht, man wird immer geprügelt."

Die Infektionen an der Tutzinger Grundschule zeigen exemplarisch, wie fragil der Präsenzunterricht an den Grundschulen ist. Auch weil Hygienekonzepte nicht mit Einrichtungen abgestimmt werden, welche die Kinder nach Unterrichtsschluss betreuen. So besuchen etliche der knapp 250 Grundschüler den Hort "Krambambuli" des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), wo sie gemeinsam essen, spielen und die Hausaufgaben erledigen. 68 Kinder mussten nach dem ersten Fall in der Gruppe als Kontaktpersonen in Quarantäne. Um solche Ausmaße künftig zu vermeiden, werden die Kinder nun in drei festen Gruppen betreut, wie BRK-Sprecherin Karin Windorfer sagt.

In Gauting ist die Situation ähnlich. Am Montag blieb die Mittagsbetreuung in der Ammerseestraße nahezu verwaist. Insgesamt 79 Personen hatte das Gesundheitsamt am Samstag in Quarantäne geschickt - rückwirkend von Donnerstag an. Zwei Mitarbeiter der Einrichtung wurden an diesem Tag getestet, am Freitag kam das positive PCR-Ergebnis. Die Kinder konnten sich am Montag aus der Quarantäne freitesten, die auch in diesem Fall nur auf dem Papier fünf Tage dauerte.

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Quelle:
SZ vom 12.10.2021
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