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Tutzing:Bootsplanken, Blattgold und Pastelltöne

Sieben Künstler zeigten bei den Ateliertagen in Tutzing neue Werke und ließen Besucher an ihrem Schaffensprozess teilhaben - etwa wie ein Schwemmholz zur Lampe wird

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Tutzing

Ihre Wirkung entfalten die Steinleuchten von Mattias Bischoff erst bei Dunkelheit. Doch auch vor dem ruhigen Hintergrund des Treppenhauses in der Villa direkt am Seeufer in Tutzing lenkt nichts den Blick des Betrachters ab von seinen mystisch leuchtenden Kunstobjekten. Mattias Bischoff ist einer der sieben Künstler, die ihre Werke vergangenes Wochenende bei den Ateliertagen in Tutzing zeigten. Seit 2012 organisiert Julia Reich alle zwei Jahre, dass lokale Künstler die Türen zu ihren Werkräumen öffnen und Besucher an ihrem Schaffensprozess teilhaben lassen.

Bildhauer Bischoff holt die Kalksteinblöcke für seine Skulpturen aus Belgien und Flusskiesel aus Italien. Er bricht den Stein auf und legt den Spalt mit Blattgold aus. Anschließend arbeitet er Halogen- oder LED-Lampen ein. Die Leuchtkörper lassen sich zum Teil drehen und der hohe Kupferanteil im Blattgold lässt das Licht sanft schimmern, wie glühende Lava, die tief aus dem Erdinneren strömt. "Luftwatte" nennt der gelernte Steinmetz dieses eigentümliche Strahlen, wenn das Licht vom Gold reflektiert wird. Es entstehe ein ruhiges Licht, das den Köper entspannt, ähnlich dem Kerzenlicht. Bischoff sieht sich weniger als Künstler, sondern vielmehr als bodenständiger Handwerker, der einfach nur etwas Schönes für das Auge herstellen will. Er arbeitet sehr gerne mit dem Material Stein. Jeder Stein sei anders und die Bearbeitung immer wieder neu, sagt er.

Auch Oliver Lopschat befasst sich mit Licht und ebenso wie bei Bischoff sind die Übergänge von Gebrauchsdesign zur Kunst fließend. Lopschat entwirft und restauriert Möbel, stellt aber auch Kunstobjekte aus altem Eichenholz her. Er verwertet die beschädigten Holzbohlen, die an den Bootsstegen am Starnberger See ausgewechselt werden müssen. Gerade bringt ihm ein Handwerker einen etwa 80 Jahre alten, vom Wasser ausgewaschenen Holzpflock. Dieses Material sei unbezahlbar, sagt der gelernte Restaurator und streicht über die lebendig wirkende Maserung. Das Material wird geschliffen und geölt, das lässt die Maserung sinnlich schimmern und lädt zum Anfassen ein. Manchmal liegen die Holzstücke bei ihm Jahre in der Werkstatt, bis er eine Idee hat, was daraus entstehen soll. Ein Stück Schwemmholz etwa lagerte sieben Jahre, bis er es zu einer Lampe verarbeitet hat. Aus einer schweren Astgabel stellte er eine Doppelbank her und aus dem Stück eines vom Pilz befallenen Buchenstammes eine Schale.

Farbe als sinnlich-emotionales Erlebnis ist das Anliegen von Sigrid Wever. Sie ist fasziniert von Farbe an sich, von ihrer Erlebbarkeit und den Auswirkungen auf den Betrachter. Ihre Bilder wirken über den Bilderrand hinaus. In Gruppen aufgehängt entfalten sie eine Wechselwirkung zwischen Raum, Licht und Farbflächen. Früher hat sie viel Blau und Violett verwendet, heute eher stille Farben. "Lichte Flächen" heißen ihre jüngsten Bilder, die im breiten Spektrum sanfter Pastelltöne schimmern. Die Künstlerin lässt Acrylfarben in vielen Schichten über die Leinwand fließen. "Kunst ist die Nabelschnur des Göttlichen, sie hat etwas Spirituelles", sagt Wever. Mit großzügigem, lebendig-energischen Pinselduktus fängt Ursula von Rheinbaben die Lebensfreude südländischer Länder ein. Ihre Bilder hält sie in optimistischen, fröhlichen Farben. Schwermütig und ernst indes ist die Plastik eines anonymen Künstlers, hinter dem sich der Amerikaner Braid Cornell verbirgt. Der Künstler - mit Atelier auf Gut Deixelfurt -, befasst sich seit 25 Jahren mit komplexen Themen wie Globalisierung und gesellschaftlichen Veränderungen. Sein Kunstwerk, das versteckt an der Bahnlinie auf dem Gelände einer Zimmerei liegt, thematisiert den Prozess der Veränderung, der durch die Flüchtlingswelle in der Industriegesellschaft entsteht.

© SZ vom 13.07.2016

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