Etwas ungewohnt ist es schon, nach einem packenden Klavierrezital mit einer Wunderkerze in der Hand "O Tannenbaum" zu singen. Aber es war nun einmal ein sehr persönliches Gesprächskonzert, mit dem sich die japanische Pianistin Anna Kurasawa dafür bedankte, in Tutzing als Neubürgerin aufgenommen worden zu sein. Im vergangenen September war sie von Berlin an den Starnberger See gezogen. Der Flügel sollte erst später nachkommen, und so retteten engagierte Tutzinger organisatorisch die Pianistin vor einer Zwangspause.
Auch der im Roncallihaus gespielte Flügel stand ihr zur Verfügung, wodurch eine im Konzertbetrieb eher seltene Vertrautheit mit dem Instrument entstehen konnte. Kurasawa vermochte dessen Möglichkeiten großzügig zu nutzen: Vor allem in Robert Schumanns Kinderszenen op. 15, die als programmatische Charakterstücke spieltechnisch und vom Ausdruck her auf eine große Bandbreite geradezu angewiesen sind. Und die vielfach ausgezeichnete Pianistin, die in Tokio, Berlin und Paris studiert hatte, verfügt über reichlich Konzerterfahrung, die betitelten populären Bilder und Episoden mit großen Vokabular neu zu erzählen. Ob die spritzig-leichte "Curiose Geschichte", das heiter-euphorische "Glückes genug", das vergeistigte "Am Camin" oder der verspielt galoppierende "Ritter vom Steckenpferd": Kurosawas zuvor erläuterte Blickperspektive ließ die Stücke in neuem Licht erscheinen. Selbst die beliebte "Träumerei" kam mit zarter Wärme zum neuen Gewand. Als Rückblicke der Erwachsenen auf ihre Kindheit konzipiert, ist die Individualität der Interpretationen vom Komponisten geradezu gefordert, vor allem bei Themen, die auf keine allgemeingültige Formeln zurückzugreifen erlauben. Titel wie "Von fremden Ländern und Menschen", "Fast zu ernst" oder "Der Dichter spricht" ging Kurosawa mit visionärem Blick und imaginativer Kraft an.
Die Individualität des frühen 19. Jahrhunderts gilt genauso für Werke Chopins, auch wenn sie nicht immer programmatische Titel tragen. Bei der Polonaise "Héroïque" op. 53 liegt der Fall nur zum Teil klar. Die heroische Größe bewog Kurasawa dazu, das Werk zum großen Finale zu machen, zumal zum Schluss ein resoluter wie bravouröser Charakter die Oberhand gewinnt. Der Weg dorthin ist von wechselnden Stimmungen geprägt, die Kurasawa brillant inszenierte.
Die ernste Einleitung half im Programm, eine Verbindung zu vorhergehenden Bach-Bearbeitungen zu finden. Alle drei stammten von großartigen Pianisten, die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewirkt haben. Dass der berührende Choral "Jesus bleibet meine Freude" so wohltuend ruhig dahinfloss und leidenschaftliche Höhepunkte wie festliche Stimmungen anbot, lag wohl am weiblichen Zugriff der Bearbeiterin, der Britin Myra Hess.
Aber auch der niederländisch-amerikanische Bearbeiter Egon Petri gab Kurasawa in "Schafe können sicher weiden" reichlich sensibles Material an die Hand, das sie zart in eine klar konturierte Form zu gießen vermochte. Einen pianistischen Höhepunkt in diesem Bach-Block stellte vor allem die "Chaconne" dar, die ursprünglich aus Bachs Partita Nr. 2 für Violine solo stammte. Das Multitalent Feruccio Busoni verstand es aber, die thematische Arbeit brillant zu übertragen. Kurasawa stellte das Thema mit Leidenschaft vor, um sich dann zu einer konzertanten Virtuosität vorzuarbeiten. Dennoch wahrte Kurasawa eine gewisse Schlichtheit, die in der Sibelius-Zugabe mit "Der Tannenbaum" noch einmal gefeiert werden konnte.
