TodesmarschGedenken mit Blick auf die Ukraine

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Beim Pilgrim-Mahnmal in Starnberg hält Rainer Hange vor etwa 70 Zuhörern eine Ansprache.
Beim Pilgrim-Mahnmal in Starnberg hält Rainer Hange vor etwa 70 Zuhörern eine Ansprache. Nila Thiel/Nila Thiel

Das Erinnern an die Vergangenheit gewinnt in Zeiten des Krieges neue Bedeutung.

Von Patrizia Steipe, Starnberg

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Eine große Blumenschale steht vor dem Pilgrim-Mahnmal an der Kreuzung beim Starnberger Landratsamt. Auf die Schleife sind die Worte "In stillen Gedenken". "Landrat Stefan Frey" und "Landkreis Starnberg" aufgedruckt. Der Blumenschmuck kann den bedrückenden Anblick der 13 gebeugten, mageren Elendsfiguren mit ihren maskenhaften Gesichtern, die Bildhauer Hubertus von Pilgrim an 22 Stellen entlang der Route des "Todesmarsches" aufgestellt hatte, nicht mildern, genauso wenig wie die wehmütigen Lieder, die Stefan Komarek auf der Klarinette spielt.

In diesem 77. Jahr nach dem Ende des Weltkriegs wirkt das Mahnmal aktueller denn je. Seit elf Jahren erinnert Rainer Hange, Gründungsmitglied des Starnberger Dialogs und Mitglied des Vereins "Gegen Vergessen - für Demokratie", an den Elendszug, bei dem in den letzten Apriltagen 1945 tausende Häftlinge aus dem KZ Dachau und seinen Außenlagern Richtung Alpen getrieben wurden.

"Wer von diesen ausgehungerten, erschöpften und kranken Frauen und Männern nicht weitergehen konnte, wurde an Ort und Stelle erbarmungslose erschlagen oder erschossen", sagte Hange beim Gedenken am Sonntag. Etwa 70 Teilnehmer hatten sich vor dem Mahnmal versammelt, um zu erinnern. Das sei "das Mindeste, was wir für die Opfer und Angehörigen noch tun können", sagte Hange. Er bedauerte angesichts des Angriffskriegs auf die Ukraine, dass "Herr Putin und seine Vasallen sich wohl an den Zweiten Weltkrieg mit den vielen Toten und Ermordeten nicht mehr erinnern wollen".

Damals mussten angesichts des Elendszugs auch diejenigen Starnberger, die bisher nicht an die Gräueltaten geglaubt hatten, mit eigenen Augen sehen, dass der Nationalsozialismus "unfassbares Elend und Leid angerichtet hat", sagte Landrat Stefan Frey. Er sei fassungslos und wütend, dass Ähnliches heute wieder in der Ukraine passiere. Dabei sei er froh, in einer "stabilen Demokratie" zu leben. Man streite und diskutiere zwar, aber man raufe sich wieder zusammen und setze sich dann gemeinsam an einen Tisch. "Von einer Demokratie ist in diesem Jahrhundert noch kein Angriffskrieg ausgegangen", rief Frey. An die Starnberger appellierte er, dass deren Hilfsbereitschaft gegenüber den ukrainischen Flüchtlingen anhalte. "Wir brauchen einen langen Atem. Dieser Krieg wird so schnell nicht beendet sein".

Frey erinnerte an die vielen betagten Zeitzeugen, bei denen jetzt traumatische Kindheitserinnerungen an den Krieg wieder hochkämen. Dabei gebe es immer weniger Menschen, die aus erster Hand von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs berichten können.

An einen von ihnen, den 96-jährigen Boris Romantschenko erinnerte der evangelische Pfarrer Johannes de Fallois. Der Ukrainer hatte im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeit in Deutschland und drei Konzentrationslager überlebt. Nach der Befreiung engagierte er sich in der Ukraine für eine Welt des Friedens und der Freiheit und nahm noch in hohem Alter an Gedenkveranstaltungen im ehemaligen KZ Buchenwald teil. Es erschien dem Pfarrer geradezu zynisch, dass Romantschenko im ukrainischen Charkiw in seinem Haus von einer russischen Rakete getötet wurde. "Dabei sind es doch die Russen gewesen, die damals viele Konzentrationslager befreit hatten". An die getöteten Opfer von damals und heute erinnerten in Gebeten der katholische Pfarrer Tamas Czopf und Micaela Graf von der israelitischen Kultusgemeinde in München.

Auch wenn man den Krieg nicht beenden könne, könne jeder einzelne einen kleinen Beitrag zum Frieden leisten, indem er andere achte, keine bösen Worte spreche und keine Form der Gewalt ausübe, sagte Fallois. Starnbergs Vize-Bürgermeisterin Angelika Kammerl wünschte sich eine Erinnerungskultur, die sich mit der Rolle der Vorfahren beschäftigt. Die gebeugten Figuren des Pilgrim-Mahnmals auf ihrem Weg ins Ungewisse seien eine Mahnung, sich sowohl mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, als auch auf die Ukraine zu schauen.

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