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Tassilo:"Kunst muss frei sein"

Die 75-jährige Bildhauerin und Malerin Gisela Forster hat ein Leben lang Neues gelernt. Auch als Kirchenrebellin, Politikerin, Pflegedienstleiterin, Philosophin und Autorin beweist sie ihre Vielseitigkeit

Von Patrizia Steipe, Berg

Sie ist akademische Bildhauerin und Malerin, Diplom-Ingenieurin, promovierte Philosophin, examinierte Pflegedienstleiterin und Pflegefachkraft, Oberstudienrätin und Lehrerin, ehemalige Kreisrätin der Grünen sowie deren Fraktionsvorsitzende, Buchautorin, geweihte Priesterin und Bischöfin, exkommunizierte Katholikin, Mutter, Großmutter und immer für Überraschungen gut. Vor kurzem ist die Powerfrau aus Berg 75 Jahre alt geworden. Von sich selbst sagt Gisela Forster: "Ich bin eine Künstlerin".

Ihre Kunst vergleicht Gisela Forster mit Kabarett. Sie regt zum Lachen an, bereitet aber auch Schmerzen. "Staunen, begreifen, denken", sei die erhoffte Wirkung. Am Anfang stehe das Bild. Es sei die stärkste Erinnerung und damit könne sie Menschen am besten erreichen, "Worte sind nur eine Übersetzung von Bildern", so Forster. Ihre Bilder, Skulpturen und Installationen haben stets eine Botschaft, sei es politisch, religiös oder emanzipatorisch. Dabei thematisiert Gisela Forster gerne die Dualität des Menschen. Bei ihr gibt es keine Mitteltöne. Es geht um Schwarz und Weiß, Gut und Böse.

Ein paar Striche genügen Forster, um Stimmungen und Szenen einzufangen, das verleiht ihren Kunstwerken oft etwas karikaturhaftes. Bei ihren Installationen spürt man den großen Spaß, den ihr das Arrangieren bereitet. Für ihre letzte Ausstellung "Beschirmt, beschützt, begleitet", die sie in ihrem Kunsthaus am Wörthsee aufgebaut hatte, arbeitete sie mit Alltagsgegenständen. Ein grüner Plastiknoppenball ist ihr "Corona-Virus", Gartenmöbel werden mit Plexiglasscheiben coronasicher gemacht, Schirme an Holzlatten gebunden. In Details verliert sich Forster nie, sie ist auch keine Perfektionistin, manches sieht provisorisch aus, davon lässt sich die Künstlerin nicht beirren: "Kunst muss frei sein".

Schlagenhofen, Ausstellung Gisela Forster

In ihrem "Kunsthaus" in Schlagenhofen zeigte die 75-jährige Gisela Forster zuletzt ihre Ausstellung "Beschirmt, beschützt, begleitet". Das Haus ist eng mit ihrer lebhaften Familiengeschichte verbunden.

(Foto: Georgine Treybal)

1946 wurde Gisela Forster in München geboren. Ihre künstlerische Begabung wurde im Kunstunterricht der Grundschule allerdings nicht erkannt. "Meine Bilder wurden immer als besonders schlechtes Beispiel aufgehängt", erinnert sie sich. Während die anderen Kinder schon fertig mit ihrem Blumenbild waren, tüftelte sie immer noch an dem dreidimensionalen Aufbau der elliptischen Vase und wurde nie fertig. Im Pasinger Elsa-Brandström-Gymnasium änderte sich das. Jetzt hingen ihre Bilder als Vorzeigekunstwerke direkt neben dem Zimmer des Direktors und Forster heimste regelmäßig Preise bei Malwettbewerben ein. "Wettbewerbe machen mir unheimlich Spaß", gesteht sie.

Daneben hat sie eine andere ungewöhnliche Leidenschaft. "Ich liebe Prüfungen", strahlt die Einserschülerin. Nach dem Abitur ging Forster an die Münchner Kunstakademie, wo sie die wilden 68-er Jahre hautnah miterlebte. "Täglich nach dem Aktmodellieren Demonstrationen durch die Landeshauptstadt, Sitzblockaden, endlose Nachtdiskussionen, Widerstand, Selbstbehauptung, Durchsetzung", notierte sie in ihrem Lebenslauf. Das Studentenleben verlängerte sie mit einem angehängten Architekturstudium an der Technischen Universität, das sie mit dem Abschluss zur Diplom-Ingenieurin beendete, "da konnte ich meine mathematische Ader ausleben".

Von 1972 bis 1989 unterrichtet Forster Kunst am Gymnasium des Klosters Schäftlarn, ist daneben weiterhin künstlerisch tätig. Aus der Beziehung zum Schuldirektor und Priester entstanden zwei Kinder. Lange wurde dies geheim gehalten, dann beschloss Forster den Schritt in die Öffentlichkeit, das brachte ihr nicht nur viel Aufmerksamkeit in Talkshows ein, sondern ihr und ihrem Partner auch die fristlose Kündigung der katholischen Kirche. Die Phase der Kirchenrebellin hatte bereits 1980 mit ihrem Engagement in kirchlichen Frauengruppen begonnen. Höhepunkt der Rebellion war 2002 ihre Weihe zur Priesterin der Freikatholischen Kirchen auf einem Schiff auf der Donau, 2003 folgte die Weihe zur Bischöfin und die Exkommunikation aus der römisch-katholischen Kirche.

Schlagenhofen, Ausstellung Gisela Forster

Gisela Forsters "Kunsthaus" ist Ausstellungsort für ihre jährlichen Installationen.

(Foto: Georgine Treybal)

1989 wurde Forster für die Grünen in den Starnberger Kreistag gewählt, wo sie bis 2002 Fraktionsvorsitzende war. Beruflich absolvierte Forster in den 1990er Jahren Ausbildungen zur Pflegefachkraft und Pflegedienstleiterin, versorgte betagte Verwandte bei sich zuhause und begann den Promotionsstudiengang Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität. Das Studium habe ihr "Glücksgefühle" beschert, erinnert sie sich. Während sich andere Karteikärtchen als Lernhilfe anfertigen, gibt es bei Forster Bilder und Zeichnungen als Merkhilfen. "Ich denke und lerne in Plakaten".

Forster muss aber auch Schicksalsschläge verkraften. Eines ihrer drei Kinder wird schwer krank und liegt ein Jahr lang im Krankenhaus. Der Sohn gesundet, stirbt aber überraschend ein paar Jahre später. Es folgen Auseinandersetzungen mit Leben und Tod und das Buch "Mama, weine nicht".

Vor einigen Jahren hat Gisela Forster das 100 Jahre alte Sommerhaus in Schlagenhofen, das eng mit ihrer Familiengeschichte verbunden ist, übernommen. Es ist nun ihr "Kunsthaus". Ausstellungsort für ihre jährlichen Installationen. Im Wohnzimmer hängt die von Forster gemalte Ahnentafel, zu der sie einige Geschichte zu erzählen - dass manche recht verworren sind, dürfte bei dieser Biografie keinen mehr wundern.

© SZ vom 12.04.2021
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