Süddeutsche Zeitung

Tanklager:Ölreserven sollen nach Krailling

Der Betreiber will 100 Millionen Liter Heizöl, Diesel und Kerosin für die Bundesrepublik horten. Besucher sollen das Gelände bald einmal im Monat bei Naturführungen erleben können.

Wenn es nach Markus Neubauer geht, dann lagern in Krailling bald Öl-Reserven der Bundesrepublik. Der stellvertretende Geschäftsführer der Krailling Oil Development (KOD) GmbH spricht von insgesamt 100 Millionen Litern Diesel, Heizöl und Kerosin, mit denen die unterirdischen Tanks "so schnell wie möglich" befüllt werden sollen. Vorausgesetzt, der Erdölbevorratungsverband (EBV) gibt dem Kraillinger Unternehmen den Zuschlag. Neubauer ist zuversichtlich, letzte Details für den Vertragsabschluss sollen in den Kommenden Tagen bei einem Ortstermin in Krailling geklärt werden.

Damit würden nach etwa zehn Jahren erneut strategische Reserven des Bundes in Krailling eingelagert werden - wenn auch nur ein kleiner Bruchteil. 100 Millionen Liter bräuchte es laut Neubauer, um den Betrieb des Münchner Flughafens für etwa zwei Wochen zu sichern. Die gesamten Staatsreserven müssen für die ganze Republik für 90 Tage ausreichen (siehe Kasten). Für die KOD bietet das Geschäft indes die Möglichkeit, die Kapazitäten der Tanks von insgesamt 125 Millionen Litern zu nutzen. "Alleine mit Mineralölkonzernen kriegen wir das nicht voll", so Neubauer. Für die langfristige Lagerung seien die unterirdischen Tanks, die konstante Temperaturen bieten, besonders geeignet.

Einlagernde Mineralölkonzerne braucht es dennoch, denn Umsatz macht die KOD laut Neubauer überwiegend mit dem Umschlaggeschäft. "Das macht natürlich auch mehr Arbeit", betont er. Neuer Großkunde ist die Kreuzmayr Bayern GmbH mit Sitz in Garching. Der Energielieferant will von Krailling aus den Münchner Westen und Süden beliefern - laut Geschäftsführer Konrad Amann das Kernabsatzgebiet des Unternehmens. Nach dem Brand im September in einer Raffinerie in Vohburg sei es im Süden Deutschlands zu einem Versorgungsengpass gekommen. "Die geografische Lage in Krailling bietet sich deshalb an", so Amann. Die ersten Tankzüge seien bereits in Krailling eingetroffen. Kunden der Kreuzmayr GmbH seien regionale Tankstellen, Speditionen und Logistiker sowie Heizölhändler und Heizölendabnehmer, welche allesamt mit Lastwagen beliefert würden.

Für den Notfall

Grundlage für die Erdölbevorratung ist das "Gesetz über die Bevorratung mit Erdöl und Erdölerzeugnissen" aus dem Jahr 2012. Demnach muss der Staat Reserven bereithalten, um den Erdölbedarf im Notfall für 90 Tage decken zu können. Ende 2018 umfassten die Vorräte 22,7 Millionen Tonnen Rohöläquivalent. Die Überdeckung der Bevorratungspflicht betrug 1,5 Prozent. Die Vorratsstätten für Rohöl befinden sich überwiegend in 1000 bis 1500 Metern Tiefe in Kavernenspeichern in Niedersachsen. Die Reserven an Erdöl-Zwischenprodukten werden oberirdisch in bundesweit verteilten Tankbehältern vorgehalten. Organisiert und überwacht wird die Ölreserve vom Erdölbevorratungsverband (EBV) mit Sitz in Hamburg. Alle deutschen Unternehmen, die Öl einführen oder verarbeiten, sind Pflichtmitglieder. Der EBV darf die Reserven nur auf Weisung des Bundeswirtschaftsministers und nur zum aktuellen Marktpreis veräußern. Vier Krisensituationen wurden bislang mittels Freigaben bewältigt: 1991 wurde ein Teil der deutschen Reserven während des Golfkrieges verkauft, als das Fass 30,55 Dollar kostete. Nach der Katastrophe durch den Hurrikan Katrina und dem folgenden starken Ölpreisanstieg wurden im Jahre 2005 etwa 450 000 Kubikmeter freigegeben. Wegen des Ausfalls Libyens als Erdölexportnation 2011 wurden von der Bundesregierung ebenfalls Reserven freigegeben. Zuletzt gab die Regierung im Oktober 2018, als infolge der Dürre und Hitze in Europa der Rheinpegel stark sank und somit Schiffe nicht mehr voll beladen werden konnten, eine begrenzte Menge der Reserve frei. frie

Die KOD hat damit ihr Ziel erreicht, den Tanklagerbetrieb möglichst schnell wieder aufzunehmen. Die Gesellschaft bestehend aus drei privaten Investoren hat das knapp 240 Hektar große Grundstück 2016 gekauft. Zuvor hatte hier die Victoria Gruppe tschechische Staatsreserven eingelagert. 2015 ging die Victoria-Gruppe insolvent, die KOD übernahm das Areal unter der Bedingung, die Restbestände nach Tschechien auszuliefern. Die letzten Liter tschechischen Öls haben das Gelände vor etwa einem Jahr verlassen. Seither kümmert sich Markus Neubauer darum, die Anlagentechnik zu modernisieren. Der 47-Jährige Landtechniker mit zusätzlicher Forstausbildung hat zuletzt bei der Firma Fazeni in Österreich gearbeitet. Ihm zur Seite steht mit Bernhard Breitsameter, ein ausgebildeter Förster. Er hat den Auftrag, den Außenbereich wieder auf Vordermann zu bringen. Denn: Der Industriebetrieb inmitten unberührter Natur bietet zahlreichen Tieren ein Zuhause. Auf den Lichtungen weiden Mufflons und Damhirsche, Wildschweinrotten leben im Wald. Niemand scheucht sie auf, es gibt keine Spaziergänger mit Hunden, keine Radfahrer oder Freizeitsportler. Der Wald ist hier kein Naherholungsgebiet, sondern eingezäunter Privatbesitz. Die KOD will die Flächen so aufwerten, dass sie als Ausgleichsflächen an Bauträger oder die Gemeinde verpachtet werden können.

Doch auch die Kraillinger Bürger sollen das Naturparadies erleben können. Die Öl-Firma will zumindest hin und wieder Besuchern Einlass gewähren. "Wir wollen zeigen, was wir machen und was es hier alles gibt", sagt Neubauer. Jeder soll sehen, wie auf dem Areal, das so groß wie 336 Fußballfelder ist, aufgeforstet wird und Schmetterlingsschneisen entstehen. Einmal im Monat an einem Freitagnachmittag will Breitsameter über seltene Tierarten, Forstwirtschaft oder Jagd informieren. Neubauer wird thematische Führungen zur Anlagentechnik anbieten. Die Termine sollen Mitte Februar abgesprochen und dann auf der Homepage des Unternehmens veröffentlicht werden.

Hans-Dieter Götz, der vor zehn Jahren ein Buch über die Geschichte des Tanklagers geschrieben hat, freut sich, dass dieser "so interessante Komplex" wieder für die Öffentlichkeit zugänglich werden soll. "In den 50er Jahren war alles, was dort stattfand, so geheim, dass das Gebiet auf Luftbildern mit weißer Deckfarbe übermalt wurde", erzählt der 78 Jahre alte ehemalige Focus-Redakteur aus Germering.

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Quelle:
SZ vom 23.01.2019
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