Opfer häuslicher Gewalt stehen immer wieder im Fokus, weil die Fallzahlen in diesem Bereich stetig steigen. Für den Sozialpädagogen Simon Tica ist es allerdings gleichermaßen wichtig, die Täter im Blick zu behalten, um Übergriffe künftig zu verhindern. „Raus aus dem Dunkelfeld, rein ins Hellfeld“, beschreibt das der Leiter der „Fachstellen Täter*innenarbeit“ der Diakonie in Rosenheim und Weilheim. „Je mehr Augen auf der Gewalt sind, desto höher ist die Chance, dass sie beendet wird.“
Was Tica bei seiner Arbeit hören muss, ist für Außenstehende vielfach nur schwer auszuhalten. Einem seiner Kollegen erzählte ein Täter etwa, wie er seine Frau auf den Boden drückte und ihr Geld in den Mund stopfte. Tica schildert auch einen Fall, bei dem ein Mann seine Wohnung anzünden wollte. „Im Beisein der Kinder und der Frau“, sagt der Sozialpädagoge. „Die Frau war dann so stark und so toll, dass sie ihm den Benzinkanister entrissen hat.“ Das habe zur Typologie der Beziehung gepasst, in welcher der Mann immer lauter und lauter gepoltert habe und damit ernst genommen werden wollte.

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Die Essenz seiner Arbeit bestehe darin, den Tätern aufzuzeigen, dass sie mit ihren Mustern brechen müssen, erklärt Tica. Aus deren Perspektive passiere die Gewalt vielfach aus dem Nichts. Doch jede Tat habe ihre Vorgeschichte. „Wir werden von unserer Umgebung, unserer Peer Group und unserer Familie geprägt“, sagt der Sozialpädagoge. Tica erzählt von einem Mann Anfang 50, der in seiner Herkunftsfamilie nie über seine Gefühle sprechen durfte und sich deshalb zurückgezogen habe. So habe sich im Laufe der Jahre ein immenser Druck aufgebaut, der sich dann entladen habe. Der Mann hatte seine Frau am Hals gepackt und an die Wand gedrückt, als er sich angegriffen fühlte.
Auffallend ist, dass sich fast nur Männer in der Fachstelle beraten lassen. Frauen sind klar in der Minderheit. Tica schätzt den Männeranteil bei den Gewalttätern, die er berät, spontan auf 95 Prozent, womöglich aber falle er sogar noch höher aus, sagt er. Die vorwiegend männliche Gewalt in Beziehungen erklärt sich der Sozialpädagoge vor allem mit immer noch weit verbreiteten patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft und veralteten Männlichkeitsbildern. Es gebe viel zu wenige Frauen in Führungspositionen. Komme ein Kind auf die Welt, setzten meist die Frauen beruflich aus und blieben zu Hause – ein Risikofaktor für strukturelle Machtausübung, erklärt Tica.

Männer sähen sich vielfach in der Rolle des finanziellen Versorgers, weil sie ja keine Kinder bekommen. Laut Tica lernen sie oft auch nicht, ihre Gefühle wahrzunehmen und zu äußern. „Unbefriedigte Bedürfnisse sind ein Faktor für Gewalt.“ Aber auch Stress. Durchschnittlich sei das Aggressionspotenzial bei Männern stärker. Das zeige sich zum Beispiel auch daran, dass die meisten Straftäter in Gefängnissen Männer seien.
Die Fachstelle in Rosenheim existiert seit dem Jahr 2002, die Dependance in Weilheim gibt es seit 2021. Ihr Zuständigkeitsbereich erstreckt sich zwischen den beiden oberbayerischen Städten und ihrer Umgebung, über Bad Tölz-Wolfratshausen bis in die Landkreise Starnberg und Fürstenfeldbruck. Auch wenn die Anzahl der Neufälle in Rosenheim laut Tica von 170 im Jahr 2024 auf 140 im vergangenen Jahr leicht gesunken ist, ist die Arbeit insgesamt mehr geworden. Denn in Weilheim sei die Zahl der Klienten zwischen den Jahren 2021 und 2025 von 26 auf 81 pro Jahr gestiegen. Die meisten von ihnen weisen Justizbehörden und Jugendämter für eine Beratung zwangsweise zu, erklärt der Sozialpädagoge. Nur wenige meldeten sich freiwillig. In Weilheim seien das 2025 zwölf von 81 Männern gewesen. Etwa ein Drittel der Neufälle verweigere eine Beratung.
Die Männer sollen verstehen, warum sie so gehandelt haben
Doch jeder, der sich darauf einlässt, ist für Tica wichtig. Der Sozialpädagoge warnt auch vor vereinfachten Parolen beim Thema, wie den Ruf, Gewalttäter einfach wegzusperren. „Das kann das Problem sogar noch verschärfen“, sagt der Sozialpädagoge. „Gewalt und Aggression sind einfach ein Teil von uns. Die Frage ist nur, wie wir das managen.“
Genau das sollen die Gewalttäter in den Fachstellen lernen. Die Beratung beginnt mit maximal vier Vorbereitungsgesprächen, also einer Anamnese der Person, so Tica. Darauf folgen Einzel- und Gruppenberatungen. Zentrales Element seien die Themenmodule Tatrekonstruktion, Erziehungskompetenz sowie die Vater- und Mutterrollen, Partnerschaft mit Geschlechterrollen, Gewalt, Kommunikation und Selbstwahrnehmung. „Ziel ist die Tateinsicht, die Verantwortungsübernahme, neue Konfliktlösungsstrategien zu lernen und zu verstehen, warum ich so gehandelt habe, wie ich gehandelt habe“, sagt Tica. Die Beratung in den Fachstellen dauert bis zu einem Jahr. Das ganze Programm umfasst laut Tica insgesamt 25 wöchentliche Sitzungen. Zwei Fachpersonen leiteten die Gruppe in Rosenheim mit maximal acht Plätzen. In Weilheim gibt es zwei Fachkräfte, die sich eine Stelle teilen.
Dass dieser Auseinandersetzungsprozess oft schwierig ist, zeigt der Fall eines Mannes mittleren Alters aus der Fachstelle, von der Sozialpädagoge berichtet: Der Mann hatte seine Ehefrau geschlagen und in Konfliktsituationen häufig laut und einschüchternd reagiert, oft auch vor seinen Kindern. Laut Tica war der Mann äußerst gestresst und emotional unzugänglich, zeigte sich zu Beginn der Beratung wenig einsichtig und machte vor allem seine Frau für die Konflikte verantwortlich.
Wie sehr sich Konflikte auf die Kinder auswirken, ist vielen nicht bewusst
Erst in einem Rollenspiel in der Gruppe habe er sich in die Perspektiven seiner Frau und der Kinder versetzen können, berichtet Tica – und erkannt, wie sein Verhalten die Familie belaste und die Frau permanent ängstige. In den Sitzungen trainierte der Mann, Gefühle frühzeitig anzusprechen, bevor die Situation eskalierte. Bisher hatte er Ärger so lange unterdrückt, bis er richtig wütend wurde. Das Familienklima veränderte sich. Auch die Frau des Mannes habe berichtet, dass sie sich sicherer fühle. Die Kinder seien entspannter, und es gebe weniger Streit zu Hause. Der Mann sagt laut Tica, dass er gelernt habe, zuzuhören, bevor er laut werde.
Wie sehr sich Konflikte zwischen den Eltern auf den Nachwuchs auswirken, sei Tätern oft gar nicht bewusst. „Da heißt es dann: Ich habe mein Kind doch nie geschlagen“, sagt der Sozialpädagoge. Die Kinder aber bekämen die Auseinandersetzungen zwischen den Eltern täglich mit, was sich natürlich psychisch auswirke – und sie nicht selten auch in schwer erträgliche Loyalitätskonflikte bringe. Tica berichtet von einem Mann, der seinen Kindern erzählt habe, er werde sich wegen ihrer Mutter umbringen.
Für die schwierige Arbeit mit den Tätern sei mehr finanzielle Unterstützung immer willkommen, sagt Tica. Eine Spendenakquise aber sei nicht so einfach. Denn mit der Finanzierung wollten sich die wenigsten schmücken, so wichtig die Beratung auch sei. Opfern zu helfen, sei eben meist höher angesehen, als mit Tätern zu arbeiten. „Beide Zugangswege sind wichtig“, sagt Tica jedoch. „Der Blick sollte nicht nur auf den Betroffenen bleiben, sondern auf die Täter und Täterinnen erweitert werden.“

