Szenische Lesung Mehr Flüche als Segen

Ideales Bühnenpaar: Barbara Hölzl und Claus Obaski.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Barbara Hölzl und Claus Obalski geben in Dießen Carl Orffs deftiges Weihnachtsspiel

Von Armin greune, Dießen

Für Carl Orff war es der "schwerste Stoff der Welt". Schließlich war die Weihnachtsgeschichte, die der Komponist 1959 verfasste, zuvor schon 1000-fach bekannt, sagt Johannes Schindlbeck vom Münchener Orff-Zentrum zur Einführung. Um der Banalität zu entgehen, ließ Orff die Hauptprotagonisten außer acht und stattdessen Gut (Engel) und Böse (Hexen), Glaube und Unglaube (in der Hirtenschar) in einer Art kosmischem Weltenspiel aufeinanderprallen, das eher selten gezeigt wird.

Doch sein in Mundart, Latein und Griechisch verfasster Text ist von so packender Sprachgewalt, dass "Ludus de nato Infante mirificus" ein Publikum auch in den Bann schlagen kann, wenn die musikalischen Partien nur vom Band kommen - vorausgesetzt natürlich , man hat so bravouröse Darsteller zur Hand, wie das Orff-Museum sie in Barbara Hölzl und Claus Obalski gefunden hat.

Die szenische Lesung beginnt mit einem atemberaubenden Parforceritt von Hölzl, die in die Rollen der diabolischen Weiber schlüpft und dabei das ganze Spektrum zwischen wütender Gewalt und heimtückischer Gehässigkeit entfesselt. Die junge Münchnerin hat - kein Witz - neben einer Schauspielschule in München auch ein Maschinenbau-Masterstudium absolviert und gastierte heuer schon mit der "Sommernacht" der Virtuellen Companie im Bernrieder Sommerkeller.

In Dießen lässt sie die hektischen Bemühungen der Hexen, die Geburt Jesu zu verhindern, mit exzessiver Mimik und Gestik plastisch werden. Vor allem aber bewältigt Hölzl den komplexen, lautmalerischen Text - dessen Rhythmik und rasantes Tempo jeden Rap in den Schatten stellt - dank Zwerchfellatmung grandios. Es ist beeindruckend, wie die Akteurin nach dem repetitiven "Wind und Weh", mit dem die Hexen Maria und Josef ins Unheil stürzen wollen, ein so widerliches Hexenlachen ausstößt, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. Und zum Ende dieses artistischen Sprachgewitters ein markerschütterndes "hui, hui, hui" heult, das den Raum erzittern lässt.

In Hölzls zweiter Szene müssen die Hexen fluchend das Scheitern ihrer fiesen Pläne zur Kenntnis nehmen und schimpfen: "Windbeutler, armsinnige Wettermacher, Schneebrunzer, Wegsaicher - ogschissn samma". Doch das Böse hat keinen Grund zu resignieren, seine Stunde schlägt noch: "In d' Menschn misst's fahrn", zischt die älteste Hexe, "die bringn an jeden ans Kreuz." Dazwischen übernimmt Claus Obalski einen eher erzählerischen Part, der es aber auch in sich hat: In seiner dialogischen Sprechszene gibt er gleich fünf Schäfer wieder, die sich in ein "Wedaloch" verkrochen haben, nachdem sie das heilige Paar vor dem Erfrieren gerettet hatten.

Statt in seichte Hirtenromantik zu verfallen, bietet Obalski nach Orffs Vorlage ein ganzes Panoptikum bajuwarischer Charaktere auf. Vom schlichten Naivling über den ergriffenen Träumer bis zum grantelnden Skeptiker: Der aus der Kleinen Komödie München, dem Tegernseer Volkstheater und dem Komödienstadel im Fernsehen bekannte Schauspieler lässt sie alle virtuos und überzeugend lebendig werden. Dabei kommt auch der Humor nicht zu kurz, wenn der Ungläubige über die Schilderung der als Traum geschilderten Krippenszene lästert: "Pax Hominibus: So bled ko koa Engel sei. . .An Pax bei de hominibus - zum Schbeim."

"Ludus de nato Infante mirificus" wird noch einmal am 3. Adventssonntag, 17. Dezember, von 15 Uhran im Carl Orff Museum Dießen aufgeführt. Kartenreservierung unter Tel. 08807/91981 oder info@orff-musuem.de.