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Dießener Schatzberg:Das Versprechen der verwunschenen Jungfrau

Glaubt man der Sage, liegt im Schatzberg seit ewigen Zeiten eine Truhe mit Gold. Ein wahrer Schatz für das Dorf war in jedem Fall das Baumaterial, das die Ruine der Burg der Grafen von Andechs und der Berg selbst hergaben.

Von Armin Greune

Schatzberg? Schon am Begriff "Berg" tauchen Zweifel auf: Ganze 677 Meter liegt die Kuppe über dem Meeresspiegel, aber vom Ammersee aus gesehen ragt sie immerhin 144 Meter auf. Erst recht umstritten ist, ob die vordere Silbe tatsächlich verborgene Vermögenswerte verheißt: Wie bei anderen Namensgenossen vermuten manche Etymologen auch beim Dießener Schatzberg, dass er ursprünglich als "Schanzberg" bezeichnet wurde: Auf dem Höhenrücken befand sich im Mittelalter wohl eine mit Palisaden bewehrte Festung. Sie schützte einst den Sitz der Grafen von Dießen und Andechs auf dem nördlich benachbarten "Shonenberch" (648 Meter), heute Burgberg.

Das einzige überlieferte Dokument zur Burg auf dem "schönen Berg" und der vorgelagerten Schanze kündet vom Untergang. Nachdem das Adelsgeschlecht nach Andechs umgezogen war, vermachte Graf Heinrich II. den Dießener Besitz dem dortigen Augustiner-Chorherrenstift. Damit sie nicht in die Hände von Feinden fallen konnte, ist in einer Urkunde von 1158 festgehalten, dass die Burg geschleift werden muss: "Zum Zweck, dass nachdem sie zerstört wurde, sich in alle Zukunft niemand mehr erlaube, die genannten Berge wieder zu bebauen," heißt es in der lateinisch verfassten Schrift. Die Genannten trugen damals noch die Namen "Shonen-" und "Iringisperch", der Begriff "Schatzberg" für die südliche Erhebung entstand erst viel später. Erstmals ist er auf einer Karte von 1788 zu finden, sagt der Kunsthistoriker Thomas Raff, der sich als Vorsitzender des Dießener Heimatvereins mit der Geschichte des Orts befasst hat. Außerdem ist eine "Richt-Stätte" nahe dem Gipfel des Schatzbergs auf der Karte verzeichnet.

Dießen: Schatzberg Rodler

Die Kapelle ist erst um 1860 errichtet worden - 700 Jahre, nachdem die Burg der Grafen von Andechs geschleift wurde.

(Foto: Nila Thiel)

Raff hält die etymologische Deutung als vormaliger Schanzberg für unzutreffend, rechnet aber auch nicht wirklich mit sagenhaften Reichtümern: "Es gibt ja viele Orte, die Schatzberg heißen; besonders, wenn Hügel Höhlen aufweisen". Vor etwa 30 Jahren habe sich zuletzt ein Wünschelrutengänger gebrüstet, den Dießener Schatz aufgespürt zu haben, aber alles, was der vorzeigen konnte, war ein Wiener Gedenktaler aus dem 17. Jahrhundert, erzählt Raff.

Glaubt man jedoch der Sage, dann liegt im Schatzberg seit ewigen Zeiten eine Truhe mit Gold. In der "Chronik des Marktes und der Pfarrei Dießen" (1901) sieht Pfarrer Josef Anton Hugo in der überlieferten Mär zwar bloß eine "Personifizierung der nach Erlösung schmachtenden und seufzenden Menschen im Heidentum". Trotzdem gibt der Geistliche die Geschichte so wieder: "Vor Urzeiten stand auf dem Schatzberge ein mächtiges Schloss, welches von drei Fräulein, den drei Nornen, bewohnt wurde. Zwei derselben waren weiß, die dritte aber schwarz. Letztere kannte nur einen Wunsch: ihren beiden glücklichen Schwestern gleich zu werden." Der Unglücklichen begegnete ein armer Hirte, der sich im tiefen Burgwald auf der Suche nach den Schäfchen verirrt hatte. Er erschrak beim Anblick der Jungfer, ließ sich dann aber dazu überreden, sie vom Fluch der dunklen Hautfarbe zu erlösen.

Dießen: Schatzberg Rodler

Auch ein hölzernes Eichhörnchen ist am Waldlehrpfad um den Dießener Schatzberg zu finden - nach Gold oder Edelsteinen aber haben dort bislang alle Glücksritter vergebens gesucht.

(Foto: Nila Thiel)

Dazu musste er um Mitternacht zurückkommen und im Schlosskeller eine Truhe voller Gold und Edelsteinen öffnen, die als Belohnung galten. Allerdings wurde der Schatz von einem furchterregenden, feuersprühenden Pudel bewacht, der den goldenen Truhenschlüssel im Maul hielt. Obwohl die Norne versichert hatte, dass von dem Tier keine wirkliche Gefahr ausging, verließ den Hirten bei dessen Anblick der Mut. "Er flüchtete, von grausigem Schrecken erfasst", schreibt Hugo. Das frustrierte Fräulein aber "brach in furchtbares Weinen aus, das die Stille der Nacht durchzitterte. Sie verwünschte ihr Schicksal und die Feigheit der Menschen mit dem Fluche, dass die ganze Gegend von hereinbrechenden Wasserwogen für ewig überschwemmt werden solle. Das Schloss versank, der reiche Schatz aber harret heute noch seiner Hebung," heißt es bei Hugo: Dank der von der Norne heraufbeschworenen Sintflut soll also der Ammersee entstanden sein.

Einer weiteren Überlieferung nach, die im Heimatbuch von Schwester Aquinata Schnurer wiedergegeben ist, könne der Schatz nur gehoben werden, wenn ein tapferer Mensch in der Heiligen Nacht den Gipfel besteigt und den Spaten schweigend in die Erde stößt, während die Wandlungsglocken läuten. Ein altes Männlein aus Raisting soll dies mit seiner Frau gewagt haben. Als sich aber die Schatztruhe aus der Erde hob, fiel dem Mann ein Holzpantoffel in die Grube. Worauf seinem "Ratschweib" ein "Mariaundjosef" entfuhr, der Schatz aber auf Nimmerwiedersehen im Boden verschwand.

Dießen: Schatzberg Rodler

Am Wanderparkplatz informiert eine Karte über den Lehrpfad.

(Foto: Nila Thiel)

Rationaler klingt da schon das Gerücht, dass die Dießener Grafen im Berg ihr Vermögen vergraben haben, um es vor dem Ansturm der Ungarn zu retten. Fraglich bliebe allerdings, warum die Adligen ihre Preziosen nicht gleich wieder ausbuddelten, nachdem die Ungarn im August 955 auf dem Lechfeld vernichtend geschlagen worden waren. Raff meint daher, auch diese, vernünftig klingende Theorie sei entlang der wenigen gesicherten geschichtlichen Daten konstruiert worden.

Die drei sagenhaften Jungfrauen - die in Dießen Kunigunde, Mechthild und Euphemia geheißen haben sollen - geistern jedenfalls durch viele Legenden im bayerischen Voralpenland. Manche Deutungen sehen in diesen heiligen Trios die volkstümliche Erinnerung an die dreifältige Muttergöttin, die von den Kelten angebetet wurde. In einer Sage aus Wolfratshausen finden sich nicht nur die drei Edelfräuleins, sondern auch ein Schatzberg mitsamt dem schwarzen Wachhund wieder. Die entstellte Schwester war freilich "oben weiß, aber unten schwarz", und auf der Truhe trug den Schlüssel eine Schlange im Maul. Auch in Wolfratshausen gelang es dem Helden nicht, den ganzen Schatz zu heben - aber immerhin kam er mit so viel Geld davon, wie er tragen konnte. Und auch in Dießens Nachbarort Utting ist von einem Schatzhügel die Rede, auf dem einst ein Schloss gestanden haben soll. Darunter ist ein sagenhaftes Vermögen verborgen, das von "einem schönen Fräulein in schneeweißen Gewändern" gehütet wird. Grabungen hätten aber nur eine alte Tierhaut zu Tage gefördert, heißt es im Buch "Sagen und Legenden um das Fünfseenland und Wolfratshausen" von Gisela Schinzel-Penth.

Im Dießener Schatzberg jedenfalls ist jahrhundertelang sehr intensiv gebuddelt worden. Geologisch gesehen besteht die Erhebung aus Moränenablagerungen, das lockere Gestein wurde allmählich von kalkhaltigem Quell- und Sickerwasser zum Nagelfluh "verkittet". In der bröseligen Wand knapp unterhalb des Schatzberggipfels finden sich zwei Höhlenöffnungen, die sicher viele Glücksritter inspiriert haben dürften.

Eine davon war noch vor 20 Jahren mit Holzbohlen gesichert. Die einzigen "Schätze", die aber tatsächlich gehoben wurde, sind der Berg und die Burg selbst: Nach deren Schleifung wurden die Dießener jahrhundertelang dort bei der Suche nach Baumaterial fündig. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts bediente man sich an den letzten Resten der Grundmauern aus behauenen Kalktuffquadern. Und auch der Berg selbst wurde immer wieder geplündert: Von 1860 an wurden am Westhang Sand und Steine abgegraben. Anschließend wurde die Kiesgrube mit Müll verfüllt, noch in den 1970er Jahren deponierte die Gemeinde dort Abfälle. So sind alle Spuren früherer Gebäude auf Burg- und Schatzberg endgültig beseitigt - auch wenn das Bauverbot von Heinrich II. zwischenzeitlich nicht immer befolgt wurde: In einer Aufzeichnung aus dem 14. Jahrhundert wird wieder ein Wirtschaftshof auf dem Burgberg erwähnt.

© SZ vom 15.02.2017
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