SZ-Adventskalender: Von Liebe keine Spur

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Lydia M. hat es geschafft, einer Zwangsehe in ihrer afrikanischen Heimat zu entkommen. Doch auch in Deutschland erlebt die alleinerziehende Mutter Gewalt. Den Traum vom großen Glück hat die 26-Jährige dennoch nicht aufgegeben.

Von Carolin Fries, Herrsching

Lydia M. (Name geändert) weiß nicht, wie lange sie noch warten muss. Und das sei das Schlimmste überhaupt: nicht zu wissen, ob es weitergeht für sie und die vier Kinder in Deutschland. Vor sieben Jahren ist sie aus Sierra Leone geflohen. Damals war die junge Frau hochschwanger von einem "viel zu alten Mann", mit dem man sie verheiratet hatte und für den sie nichts empfand, wie sie erzählt. Liebe? Sie schüttelt den Kopf mit den geflochtenen Haaren, die zu einem lockeren Zopf gebunden sind. Nein, das kennt sie nicht.

Ihre Schwester hatte ihr noch die Nichte mitgegeben, das sieben Jahre alte Mädchen sollte ein besseres Leben haben als die Frauen in dem westafrikanischen Land. Die Quote für weibliche Genitalverstümmelung liegt dort bei durchschnittlich 86 Prozent. Gewalt gegen Frauen, besonders das Schlagen von Ehefrauen und die Vergewaltigung in der Ehe sind dort gängig und werden durch eine Kultur des Schweigens aufrechterhalten, heißt es in einem Bericht von "Terres des Femmes" von 2019. Häusliche Gewalt sei zwar laut Gesetz mit einem Bußgeld und zwei Jahren Haft bestrafbar, "doch wird diese vor Angst vor sozialer Stigmatisierung und Vergeltung selten angezeigt". Lydia M. will nicht viel erzählen von zu Hause, und auch von der Flucht über Libyen nach Europa nicht, die Erinnerung bedeute "Stress", sagt sie. Ihre ganzen Hoffnungen ruhten auf Deutschland, sagt sie und klingt müde. Denn noch immer ist sie hier als Flüchtling nicht anerkannt, die Duldung wird alle drei Monate verlängert.

Vier Kinder zieht Lydia M. inzwischen alleine groß - und das auf engstem Raum

Sie blickt sich um in ihrem Wohncontainer in der Gemeinschaftsunterkunft in Herrsching. Seit zwei Jahren ist sie jetzt hier. Ein altes Sofa steht nur knapp zwei Meter von der Kochzeile entfernt unterm Fenster, ein ausrangierter Ohrensessel daneben. Am Boden liegt Spielzeug. Vier Kinder zieht Lydia M. inzwischen alleine auf, die engen Schlafräume sind mit Betten und Schränken zugestellt. Weil die beiden Jüngsten, drei und vier Jahre alt, bei ihr schlafen, hat sie ein Stockbett in ein provisorisches Matratzenlager am Boden eingetauscht. Vom SZ-Adventskalender wünscht sich die Familie ein richtiges Bett. Außerdem würden sie gerne mal wieder zusammen einen Ausflug machen, sagt Lydia M. Im vergangenen Jahr waren sie gemeinsam im Tierpark Hellabrunn - davon schwärmen die Kinder noch immer.

Lydia M. hatte auch in Deutschland kein Glück mit der Liebe. Der Vater der Jüngsten - sie lebten gemeinsam in einer Unterkunft in einem Nachbarlandkreis - habe vor zwei Jahren begonnen, sie zu schlagen. Auf ihrem Handy zeigt sie Bilder von ihrer geschwollenen Stirn, einer aufgeplatzten Schläfe. Lydia M. wurde mit ihren Kindern in die Gemeinschaftsunterkunft nach Herrsching verlegt, wo sie Unterstützung vom Verein "Frauen helfen Frauen" erhält. Hier will sie Kraft schöpfen, um ihr Leben neu zu gestalten. Doch leicht ist es nicht: Kämpft sie nicht mit den Behörden wegen Papieren, die aus Sierra Leone kaum zu bekommen sind, macht ihr die Gesundheit zu schaffen. Nach einer TBC-Erkrankung ist die junge Frau noch immer recht schwach. "Die Lunge brennt", sagt sie. Dennoch: Eines Tages will sie als Krankenpflegerin arbeiten, selbst Geld verdienen.

Doch solange sie und die zwei älteren Kinder keine Aufenthaltsgenehmigung haben, könne sie von einer eigenen Wohnung nur träumen. Lydia M. bekommt noch nicht einmal den Deutschkurs bezahlt, weshalb sie jeden morgen von 9 bis 10 Uhr mit einer ehrenamtlichen Lernpatin aus Pöcking skypt und Grammatik und Vokabeln lernt.

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