Leben mit Krankheit:Zerbrechliches Glück

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Leben mit Krankheit: Leon Kargl mag Action. Doch seine Ruhezeiten braucht der 13 Jahre alte Junge auch. Er hat gelernt, mit seiner Erkrankung zu leben.

Leon Kargl mag Action. Doch seine Ruhezeiten braucht der 13 Jahre alte Junge auch. Er hat gelernt, mit seiner Erkrankung zu leben.

(Foto: Manfred Neubauer)

Leon hat einen Krebstumor im Kopf. Die von den Ärzten prognostizierte Lebenserwartung hat der 13-Jährige weit übertroffen. Die Geschichte eines kämpferischen Jungen, dem der SZ-Adventskalender einen großen Wunsch erfüllt.

Von Carolin Fries, Inning

Leons großes Glück sind seine Freunde. Mit denen radelt der 13-Jährige gerne durch Benediktbeuern zum Supermarkt, "einfach so", wie er erzählt. Sie hängen gemeinsam rum, spielen an ihren Handys. Einmal in der Woche geht er zur Jugendgruppe im Schützenverein, einmal in der Woche zum Trachtenverein. Am Wochenende radelt er mit seinem Opa gern rauf zur Tutzinger Hütte, hinter der sich mächtig die Benediktenwand aufbaut. "45 Minuten mit den E-Bikes", sagt Leon und grinst. Er lebt das Leben eines ganz normalen Jungen, obwohl er schwer krank ist. Leon hat sich dieses Glück hart erkämpft. "Er ist der tapferste Junge, den ich kenne", sagt seine Mutter. Sie alle hoffen, dass das Glück noch lange an seiner Seite bleibt.

Leben mit Krankheit: Leon, Jenny und Maxi Kargl vor drei Jahren in ihrem Garten.

Leon, Jenny und Maxi Kargl vor drei Jahren in ihrem Garten.

(Foto: Manfred Neubauer)

Als Leon fünf Jahre alt war, entdeckten Ärzte einen Tumor in seinem Kopf. Der Krebs war etwa so groß wie ein Tischtennisball. Er hatte damals verwaschen gesprochen, kam im Kindergarten nicht mit. "Wir haben ihn ständig antreiben müssen", erinnert sich die Mutter Jenny Kargl, 34. Die Ärzte vermuteten Kopfgrippe, womöglich seien auch die Mandeln zu groß, weshalb der Bub schlecht schlafe. Irgendwann fällt einem Mediziner auf, dass Leons Kopf außergewöhnlich groß ist, nach einer Magnetresonanztomographie bekommt die Familie die schockierende Diagnose. Zwei Jahre Lebenszeit geben die Mediziner dem Jungen, vorausgesetzt, er kämpft sich durch Bestrahlung und Chemotherapie. Eine Operation ist nicht möglich, "Der Tumor liegt mitten drin im Gehirn". Ein Jahr lang dauern die Behandlungen, eine schwere Zeit für die Familie, die Unterstützung von der Stiftung Ambulantes Kinderhospiz München (AKM) mit Sitz in Inning fand. Der Krebs verschwand nicht, "aber er ist ein bisschen kleiner geworden", sagt Jenny Kargl. Die Ärzte stellen inzwischen keine Prognosen mehr, die Kargls würden ihnen sowieso nicht glauben.

Leben mit Krankheit: Jenny Kargl wünscht sich, dass ihre Söhne möglichst normal aufwachsen. Auch, wenn das nicht immer leicht ist.

Jenny Kargl wünscht sich, dass ihre Söhne möglichst normal aufwachsen. Auch, wenn das nicht immer leicht ist.

(Foto: Manfred Neubauer)

Jenny Kargl freut sich, dass Leon inzwischen in die sechste Klasse geht, dass er eine Clique gefunden hat, dass er keine Medikamente nehmen muss. Die Eltern schimpfen, wenn er die Schule zu locker nimmt und es mit den Süßigkeiten übertreibt, "wir wollen einfach, dass er möglichst normal groß wird", sagt die Mutter. Meistens klappt das auch. Leon hat zwar oft Kopfschmerzen, dann ruht er sich aus. Und der Junge ist vergesslich. Doch daran haben sich alle gewöhnt. "Mir ist das eigentlich wurscht", sagt Leon zu seiner Krankheit.

Erst im Sommer haben ihm seine Eltern die ganze Wahrheit gesagt. "Er hat ein Recht darauf, Bescheid zu wissen", findet Jenny Kargl. Auch, damit er selbst auf sich aufpassen kann, "er ist jetzt schließlich immer häufiger alleine unterwegs". Die Mutter sagt, sie könnte oft weinen, doch verkneife sie sich die Tränen lieber, "sonst bricht das Gerüst zusammen". Alle drei Monate müssen sie zur Kontrolle in die Klinik. Je näher der Termin kommt, umso größer wird dann die Angst. Bislang ist der Tumor nicht gewachsen. "Wir sind Quartalshüpfer", beschreibt die Frau die fragile Situation der Familie: Alle drei Monate heben sie kurz ab und hoffen, wieder sanft zu landen und nicht ins Bodenlose zu stürzen.

Leben mit Krankheit: "Ich hätte den Bub am liebsten die ganze Zeit in den Arm genommen": Ingeborg Metz vom FC Bayern empfängt Leon und seine Familie an der Säbener Straße.

"Ich hätte den Bub am liebsten die ganze Zeit in den Arm genommen": Ingeborg Metz vom FC Bayern empfängt Leon und seine Familie an der Säbener Straße.

(Foto: Catherina Hess)

Die Süddeutsche Zeitung hat bereits 2019 über Leons Schicksal berichtet. Damals wünschte sich der Junge nichts mehr, als einmal FC Bayern-Star Thomas Müller zu treffen. Wie Opa und Vater sind auch Leon und sein neun Jahre alter Bruder Maxi große FC Bayern-Fans. Der SZ-Adventskalender wollte Leon diesen Herzenswunsch erfüllen, doch dann fiel das Treffen pandemiebedingt aus und wurde von einem Jahr ins nächste geschoben.

Doch vergessen wurde Leon nicht, und vor wenigen Wochen fuhr der 13-Jährige mit seinem Bruder und seinem Vater zum Trainingsgelände an der Säbener Straße. Es ist noch immer nicht möglich, die Stars persönlich zu treffen oder alle Räume zu sehen; zu groß ist die Gefahr einer Ansteckung. Besondere Hygieneauflagen galten zudem rund um das NFL-Football-Spiel mit Superstar Tom Brady. Doch Leons Augen leuchten trotzdem, wenn er in der Küche des alten Bauernhauses in Benediktbeuern von dem Ausflug nach München erzählt: "War schon cool." Er hat von FC Bayern-Mitarbeiterin Ingeborg Metz ein Trikot von Thomas Müller mit Autogramm bekommen, außerdem eine Mütze, Kugelschreiber und ein Hausaufgabenheft. "Ich hätte den Bub am liebsten die ganze Zeit in den Arm genommen, er ist der Wahnsinn", sagt Metz rückblickend. Natürlich hatte sie auch für Leons Bruder Maxi eine Tüte voller Geschenke. Noch liegt das lange ersehnte Müller-Trikot bei Leon im Schrank, aber demnächst will er es in einen Rahmen legen und sich in seinem Zimmer über den Fernseher hängen.

Mit dem Fußballtraining hat Leon aufgehört. Motorisch konnte er mit den Gleichaltrigen nicht mithalten. Zudem war da immer die Sorge, wie sich die harten Kopfbälle auf den Tumor auswirken. Er schwimmt lieber, fährt Skateboard oder mit dem Rad. Was er sich wünschen würde, hätte er einen Wunsch frei? "Urlaub auf Mallorca", sagt er. Dorthin war die Familie im Jahr der Diagnose geflüchtet. Arbeitskollegen von Jenny Kargl hatten Spenden gesammelt.

Die gelernte Friseurin arbeitet im produzierenden Gewerbe, der Vater hat kürzlich ebenfalls den Job als Koch gegen den Schichtdienst in einem Produktionsunternehmen gewechselt. "Wir halten als Eltern gut zusammen", sagt Jenny Kargl. Das Geld ist dennoch meistens knapp. Leon wünscht sich sehnlichst ein gutes Fahrrad, mit dem er seine Freunde auch mal auf längeren Strecken begleiten kann in Richtung Kochel oder Penzberg. Sonst sagt er, sei er eigentlich glücklich.

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