Sonntagnachmittag in Schondorfer Bahnhofstraße: Bis auf gelegentlichen Verkehr ist alles ruhig, nur einer arbeitet. Martin Blumöhr sprüht und pinselt an der Fassade des Studios Rose an seinem monumentalen Mural, das ein neues Wahrzeichen der Ammerseegemeinde werden könnte – auch weil es bereits bestehende Symbole des Orts aufgreift. Das romanische Sankt-Jakobs-Kircherl in der Bahnhofstraße, die Moraschbrücke und die Ufermauer in den Seeanlagen: All das und viel mehr findet sich bereits im gewohnt farbenprächtigen Werk namens „Animarosae“ wieder. Andere Anregungen und Impressionen harren noch bis zum 26. September der Umsetzung.
Blumöhr ist nach Schondorf zurückgekehrt – diesmal mit dem dezidierten Auftrag, das Ortsbild nachhaltig zu verschönern. Schon vor drei Jahren war der renommierte Münchener Künstler im Studio Rose eine Art Artist in Residence, als er im Rahmen seiner Serie „Public Viewing“ live im Dialog mit Besuchern an den Gemälden „Fluctus temporis“ und „Hortus urbis II/IV“ arbeitete. Beide sind jetzt wieder im Studio ausgestellt und harren weiter der endgültigen Fertigstellung – typisch für Blumöhr, dessen Bilder und Projekte sich oft über Jahre strecken.
Der Meisterschüler von Ernst Fuchs könnte im Guinness-Buch der Rekorde den Eintrag beanspruchen, der größte Maler seiner Heimatstadt zu sein – zumindest flächenmäßig dürfte ihm dieser Titel nicht zu nehmen sein. Auch in diversen Münchner Stadtteilen sind Werke von Blumöhr zu sehen, beispielsweise der 90 Meter lange und 2,50 Meter hohe „Tunnelblick“ am Hermann-Hesse-Weg in Pasing oder der im vergangenen Oktober nach vierjähriger Arbeit eröffnete „Kaninchenbau“ in Feldmoching (450 Quadratmeter). Gleiches gilt für das „Niwenhaus“ (290 Quadratmeter, unter der Landshuter Allee) und das „Menzinga“, wo man erst vor wenigen Wochen Vernissage am nunmehr 800 Quadratmeter großen Wandgemälde feierte.

Mit diesen Dimensionen kann das recht kompakte Studio Rose natürlich nicht konkurrieren. Doch für die 7500 Einwohner zählende Kommune Schondorf kann Blumöhrs „Animarosae“ durchaus als spektakulär gelten: Das Studio Rose liegt an der Hauptverkehrsachse zwischen Rathaus und Seeanlage, das sakral anmutende Gebäude war schon mit blanker Fassade ein Blickfang. Renate Rose, Witwe von Heinz Rose, ließ es 1987 errichten. Das kleine Museum auf dem Grundstück der Malerfamilie sollte zunächst den künstlerischen Nachlass der Brüder Heinz und Walter präsentieren. Nach dem Tod von Renate Rose erbte die Kommune die Kunstwerke und Immobilien; seitdem fand und findet dort eine Vielzahl von Ausstellungen, Lesungen und Vorträgen statt.

Kuratorin Silvia Dobler, zugleich Kulturbeauftragte der Gemeinde, hatte nach Blumöhrs Ausstellung 2022 den Künstler zum erneuten Public Viewing eingeladen – und wohl auch die skeptischsten Kommunalpolitiker von der Aktion überzeugt. Nun schmückt die vormals weiße Wand ein fantasievolles, fantastisches Wandgemälde. Die vertikale Fensterfront bildet eine Sprühdose, aus der das Wort „Rose“ ausbricht. Sollte Blumöhr je ein persönliches Wappen entwerfen, wäre die Farbspraypistole sicher die Waffe der Wahl. Schon mit 16 wurde er beim illegalen Besprühen von Bahneigentum erwischt, was ihm ein paar Stunden auf der Wache und 50 000 Mark Schulden einbrachte. Inzwischen kann der 44-Jährige dank öffentlicher Fördermittel und privater Sponsoren von seiner künstlerischen Arbeit leben.
Bevor er am Studio Rose Farbe auftrug, musste er die Fläche mit Beton verspachteln, nach fast zwei Wochen Dauerregen ist Blumöhr zwischenzeitlich unter Druck gestanden, weil das Gerüst nur beschränkte Zeit zur Verfügung stand. Inzwischen ist das Mural jedoch so weit fertiggestellt, dass dem Künstler für den Rest eine Leiter reicht.
Sein Public-Viewing-Konzept beinhaltet, dass Martin Blumöhr stets bereit ist, die schöpferische Arbeit zu unterbrechen, um mit Passanten und Anliegern über sein Projekt zu diskutieren oder Anregungen aufzunehmen. So erklärt er zwei neugierigen Zaungästen, warum er auf der Fassade ein Einhorn einen stilisierten Delfin angeln lässt. Das Fabeltier trage zwar wie das Schondorfer Wappentier eine Krone und einen Ring mit zwei blauen Steinen am Horn, sei aber ansonsten in Fischermontur bewusst „realistisch“ dargestellt: „Das Einhorn haben sich enorm viele gewünscht, ich hab’s lebendig gemacht“, sagt der eloquente Künstler. Und der Delfin, der an der Angel zappelt, ist einem kupfernen Ziergriff nachempfunden, den man bei Ausgrabungen an der römischen Villa Rustica in Schondorf gefunden hat.

„Kunst im öffentlichen Raum ist so häufig hermetisch“, findet Blumöhr – bei seiner Form von Street-Art seien Kommunikation und Teilhabe jedoch unverzichtbar. Grundsätzlich malt er nicht nach vorgefertigten Entwürfen, sondern assoziativ; bei Recherchen oder Gesprächen gesammeltes Material über örtliche Besonderheiten findet Eingang die Werke. Dem Kulturreferenten des Schondorfer Gemeinderats etwa habe er wertvolle Erkenntnisse über das königlich-bayerische Eisenbahnwesen zu verdanken, erzählt Blumöhr begeistert. Wolfgang Schraml hatte Teile seiner Modellanlage im Garten des Studios Rose aufgebaut und damit demonstriert, dass die frühen Lokomotiven der Ammerseebahn nicht schwarz-rot, sondern bayerisch-blau lackiert waren. Blumöhr will das in seinem Mural berücksichtigen, die Konturen des Zugs sind schon vorhanden.
Späte Versöhnung mit einer verhassten Sprache
Das Prinzip der Teilhabe kommt auch öfter bei der Ausführung seiner Kunstwerke zum Zug: So hat Blumöhr schon mit Schülern oder Menschen mit Behinderung zusammengearbeitet, wenn es um die Gestaltung ihres Umfelds ging. Gerade illustriert der Künstler parallel zu „Animarosae“ gemeinsam mit Geflüchteten ein neues Aufnahmezentrum für Asylbewerber in Bruckmühl. Obwohl ihm am Ammersee zuletzt die Mücken zugesetzt haben, kommt er gern dorthin zurück: „Ich liebe das Haus und den Ort Schondorf und meine, das kommt auch recht spürbar zur Geltung“, postet Blumöhr in den sozialen Medien. Auf die Frage, warum er seinen Werken meist lateinische Titel verleiht, spricht er von einer späten Versöhnung mit der zur Schulzeit verhassten Sprache: „Für irgendwas muss die Schinderei ja gut gewesen sein.“
Noch ist im Mural eine weiße Fläche frei, die bis zur Finissage am 26. September gefüllt werden muss. Blumöhr schwebt vor, dort das umstrittenste Schondorfer Thema unterzubringen: Das derzeit demontierte Denkmal für den Komponisten, Antisemiten und Nazi-Verehrer Hans Pfitzner. Der Künstler will daneben einen Kran malen.


