Straßenwidmung Umstrittene Ehre

  • In Berg gibt es Hinweisschild mit dem Konterfei Adolf Lüderitz' sowie einen Lüderitzweg.
  • Der Bremer Tabakhändler steht indirekt mit dem Hereroaufstand in Westafrika in Verbindung.
  • Der Bürgermeister will nun prüfen, was es mit der Widmung auf sich hat.
Von Sabine Bader, Kempfenhausen

Das Konterfei von Adolf Lüderitz ziert ein Hinweisschild der Gemeinde Berg unter dem Titel "Kulturspaziergang" am Lüderitzweg in Kempfenhausen. Unproblematisch ist diese Tafel ebenso wenig wie der Straßenname Lüderitzweg an dieser Stelle, findet Andreas Ammer (QUH), der das Thema in der jüngsten Gemeinderatssitzung am Dienstagabend zur Sprache gebracht hat.

Denn der Bremer Tabakhändler wird heutzutage indirekt mit dem Völkermord an den Herero und Nama in der deutschen Kolonie in Südwestafrika, inzwischen Namibia, in Verbindung gebracht. Adolf Lüderitz (1834 bis 1886) war zum Zeitpunkt des Hereroaufstands in den Jahren 1904 bis 1908 und dem damit verbundenen Völkermord zwar bereits tot. Doch er soll mitverantwortlich für die ablehnende Stimmung gegen die einheimische Bevölkerung gewesen sein. Die meisten Herero flohen in die Omaheke-Wüste. Das Militär riegelte diese ab, verjagte die Flüchtenden von den wenigen Wasserstellen und ließ Männer, Frauen und Kinder mit ihren Rinderherden verdursten. Da diese Art der Kriegsführung darauf abzielte, ein Volk zu vernichten, bezeichnet die Wissenschaft dies als ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Deutschland hatte sich mit dem Begriff Völkermord im Zusammenhang mit seiner ehemaligen Kolonialgeschichte allerdings lange Zeit schwer getan. Erstmals 2015 bezeichnete das Auswärtige Amt die Ereignisse als Völkermord.

Doch zurück zu Berg. Die hinter dem Lüderitzweg liegende Villa ist nicht nach dem umstrittenen Kaufmann, sondern nach dessen Sohn Carl benannt, der das Gebäude Anfang der 1920er kaufte. Erbaut hat die herrschaftliche Villa Freiherr Johannes von Kap Her. Carl Lüderitz vertrat als Konsul in Baltimore die deutsche Industrie in den USA. Er verkaufte das Haus 1938 an die Reichsärztekammer. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das Anwesen in den Besitz des Freistaats über, 1953 übernahm es die Arbeiterwohlfahrt. Seit 1985 ist es im Besitz des Unternehmers Ludwig Ruppert. Tragischerweise ist die Villa im August 2012 niedergebrannt, weil ein Handwerker den Efeu an der Fassade mit einem Bunsenbrenner entfernen wollte. Nach historischem Vorbild ließ der Eigentümer das Gebäude wiederherstellen, was mit jahrelangen Bauarbeiten verbunden war.

Ammer von der QUH (quer, unabhängig heimatverbunden) geht nun davon aus, dass versehentlich Adolf Lüderitz auf dem Schild des Kulturspaziergangs abgebildet wurde und nicht dessen Sohn: "Da sollten wir uns was einfallen lassen." Überhaupt "sollte man darüber nachdenken, den Lüderitzweg umzubenennen", findet er.

Mit dem Namensproblem steht die Gemeinde Berg indes nicht allein da. In vielen deutschen Städten hat man Straßen nach dem Kaufmann benannt. In Kenntnis der historischen Fakten wurde auch schon in anderen Kommunen über den problematischen Straßennamen debattiert und über deren Umbenennung nachgedacht. In Berlin, Bremen, Köln, Koblenz, Duisburg und Düsseldorf sind beispielsweise Straßen nach Adolf Lüderitz benannt. Man muss allerdings gar nicht so weit gehen: Auch in der benachbarten Kreisstadt Starnberg gibt es eine Lüderitzstraße. Sie ist eine kleine Anliegerstraße, die im Norden des Gymnasiums verläuft.

Auch Bergs Bürgermeister Rupert Monn lässt sich das Thema Lüderitzweg nach der Anfrage durch den Kopf gehen. "Ich werde mir das Foto auf der Tafel zum Kulturspaziergang schnellstmöglich ansehen", sagte er der SZ. Er geht davon aus, dass der Weg nach Carl Lüderitz benannt wurde - und nicht nach dessen Vater.

Kommentar

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