Die Kiesstrände in Kempfenhausen, Ambach oder im Paradies liegen so breit vor den Badenden wie kaum je zuvor. In diesem heißen Sommer mit viel Sonne und wenig Regen ist der Wasserstand des Starnberger Sees in die Nähe eines neuen Minimums abgefallen. Seit Dienstag kann die Bayerische Seenschifffahrt deshalb nur noch an der Hälfte ihrer Stege anlegen. Gleichzeitig hat die Wassertemperatur mit knapp 28 Grad einen neuen Rekordwert erreicht – was viele Fischarten vor Probleme stellt. Grundsätzlich fördert die fortschreitende Erwärmung des Seewassers die Ausbreitung einiger Krankheitserreger, aktuell bestehen jedoch keine gesundheitlichen Risiken für Badende.
Die jüngsten bakteriologischen Untersuchungen von zehn Badestellen am Starnberger See stammen vom 20. Juli, sie haben keine Anzeichen für bakteriologische Verunreinigungen ergeben. Temperaturen über 25 Grad begünstigen zwar die Ausbreitung von potenziell gesundheitsschädlichen Cyanobakterien. Diese meist fälschlich als „Blaualgen“ bezeichneten Organismen produzieren unter Umständen hochgiftige Aminosäuren, die bei Hunden und Menschen schwere Krankheitssymptome auslösen können. Explosionsartige Vermehrungen, sogenannte „Algenblüten“, sind heuer allerdings nicht in den großen Gewässern des Landkreises Starnberg beobachtet worden. „Den letzten Nachweis an Blaualgen im Landkreis hatten wir im Jahr 2024, aber nicht im Starnberger, sondern im Wörth-, Pilsen-, Weßlinger und Ammersee“, sagt Stefan Diebel, Sprecher des Gesundheitsamtes Starnberg auf SZ-Nachfrage: „Sie stellen normalerweise auch keine Gefahr für die menschliche Gesundheit dar.“

Lästig, aber ungefährlich sind Zerkarien: Die mikroskopisch kleinen Saugwurm-Larven können die sogenannte „Weiherbeiß“ auslösen. Sie werden von Süßwasserschnecken bei Wassertemperaturen um die 25 Grad ausgeschieden und befallen normalerweise Wasservögel. Dringen sie in die Haut von Menschen als Fehlwirte ein, führt dies zunächst kaum zu einer Reaktion, da dessen Immunsystem die Larven zuverlässig abtötet. Bei einem erneuten Kontakt tritt jedoch eine Sensibilisierung ein: Nach etwa zehn Stunden bilden sich Quaddeln, die bis zu 14 Tage lang stark jucken. „Bisher hatten wir heuer am Starnberger See Ende Juni/Anfang Juli lediglich drei Einzelfallmeldungen von Zerkarien“, sagt Diebel. Seitdem sei dem Amt „nichts mehr gemeldet worden.“ Er empfiehlt vorsichtshalber, sich nicht zu lange im Flachwasser aufzuhalten und sich nach dem Baden mit einem Handtuch gut abzutrocknen.
Bei den derzeitigen Rekordtemperaturen erscheint es durchaus wahrscheinlich, dass Zerkarien wieder vermehrt auftreten. Bereits am 30. Juni hatte sich der Starnberger See auf 26,5 Grad erwärmt. Der bis dato höchste Wert des Jahres wurde am Montagnachmittag eingestellt. Im Laufe der folgenden 24 Stunden stieg die Wassertemperatur nochmals um 1,3 Grad bis auf 27,8 Grad an – ein neuer Rekord in der seit 2008 erhobenen Messreihe, der bisherige Höchstwert von 2024 lag bei 27,0 Grad.
Zwar leben im See auch Fischarten wie Hechte, Karpfen oder Waller, die im warmen Wasser rascher wachsen, doch Seeforellen, Äschen und die für die Fischerei bedeutenden Renken reagieren empfindlich auf zu hohe Temperaturen. Der Befall mit Bakterien, Parasiten und Viren nimmt zu, „Blaualgen“ gefährden auch die Fischbestände. „Aufgrund seiner Tiefe ist der Starnberger der zweitwasserreichste See Deutschlands“, erklärt Michael Schubert, der am Starnberger Institut die Abteilung Fluss- und Seenfischerei leitet. Das bedeute viel Ausweichraum für dort lebende Fische: „Anders als ihre Artgenossen in Bächen und Flüssen können sie sich aus dem zu warmen Oberflächenwasser nach unten zurückziehen.“ Ab einer gewissen Tiefe leiden sie jedoch unter schlechter Sauerstoffversorgung „und die dazwischen liegende Wasserschicht wird mit der zunehmenden Erwärmung immer kleiner“.
Der Uttinger Fischer und Gewässerökologe Bernhard Ernst spricht von einer „sommerlichen Hungerphase“ für Renken, die in tiefere und nahrungsarme Wasserschichten abgedrängt werden. 2023 kam es so zu einem Renkensterben im Walchensee, nachdem das Wasser dort drei Grad wärmer als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs war. Beim derzeit sehr niedrigen Wasserstand fielen Lebensräume für die Fischbrut und kleinere Arten trocken, sagt Schubert: „Die Anbindung und der Austausch mit den Fließgewässern wird unterbunden.“ In der Folge seien etwa die 2019 an einer Starnberger Werft entdeckten Mairenken inzwischen wieder verschwunden.

Der Pegel des Starnberger Sees liegt derzeit bei 43 Zentimetern, nur noch drei Zentimeter über dem niedrigsten Wert, der je dort gemessen wurde. Die Seenschifffahrt musste von Dienstag an den Verkehr einschränken: Zur Sicherheit für die ein- und aussteigenden Passagiere können die Stege in Berg, Possenhofen, Bernried und Ambach nicht mehr bedient werden – zumindest vorübergehend, wie Geschäftsführer Michael Grießer mitteilt. Wie jedoch die Erfahrung mit Hochwasserereignissen zeigt, reagiert der Pegel des Starnberger Sees nur sehr langsam, weil er nicht von großen Zuflüssen geprägt wird.
Das Absinken der Pegel hat mit der außerordentlich hohen Verdunstungsrate zu tun
Dass der Pegel so stark abgesunken ist, hat mit der außerordentlich hohen Verdunstungsrate in diesem Sommer zu tun: Auf den zweitheißesten Juni folgte im Alpenvorland der fünftheißeste Juli seit Beginn der Aufzeichnungen vor 246 Jahren. Gleichzeitig verzeichnete das meteorologische Observatorium Hohenpeißenberg eine weit überdurchschnittliche Sonneneinstrahlung: Im Juni wurde das Monats-Soll um 28 Prozent übertroffen, im Juli um 32 Prozent.
Die Niederschläge aber blieben in diesem Sommer unter den statistischen Erwartungen: Im Juni wurden am Hohen Peißenberg noch zwei Drittel des langjährigen Monatsmittels erreicht, im Juli nur mehr 62 Prozent. Die Regenfälle zwischen den drei Hitzeperioden der letzten Juniwoche, Mitte Juli und seit vergangener Woche reichten nicht aus, um die Gewässer im Fünfseenland wieder aufzufüllen. Auch der Wasserspiegel des Ammersees geht zurück – aber er liegt noch 28 Zentimeter über dem niedrigsten Wert, der seit 1964 jemals gemessen wurde. Die Wassertemperatur steuert auch dort auf einen neuen Rekord zu: Sie betrug am Dienstagnachmittag 27,9 Grad, der bisherige Höchstwert liegt bei 28,2 Grad und stammt aus dem Jahr 1980.

