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Geschichte:Der Lieblingsdichter des Kini

Tutzing: 100 Jahre Waldschmidt Maximilian Schmidt

Der umtriebige Volksschriftsteller Waldschmidt (1832 bis 1919) gehörte zu den Bestsellerautoren seiner Zeit.

(Foto: Nila Thiel)

Ludwig II. ließ sich die neuesten Kapitel über den Starnberger See schippern: Maximilian Schmidt, genannt Waldschmidt, reüssierte nicht nur als Bestsellerautor, er rief den Oktoberfest-Trachtenzug ins Leben und gründete den Tourismusverband.

Der Wirbel um Waldschmidt war kolossal zu seinen Lebzeiten. Als Lieblingsdichter von König Ludwig II. und später von Prinzregent Luitpold stand er in höchster Gunst. Noch eine Stunde vor seinem Tod im Starnberger See soll der "Kini" im "Leonardsritt" von Maximilian Schmidt, genannt Waldschmidt, gelesen haben. Das Buch lag zumindest aufgeschlagen auf des Königs Nachttisch in Schloss Berg. Diesen Sonntag, am 8. Dezember, jährt sich der Todestag von Waldschmidt zum 100. Mal.

Waldschmidt war einer der meist gelesenen Volksdichter seiner Zeit - erst in Bayern, dann in ganz Deutschland. In Büchereien riss man sich um seine Werke wie "Die Fischerrosl von St. Heinrich", "'s Liserl vom Ammersee" oder "Der Musikant vom Tegernsee". Erzählungen des Bestsellerautors erschienen als Fortsetzungsgeschichten in Zeitungen, seine Dramen beherrschten um 1880 die Spielpläne der Münchner Bühnen. Sogar für den Literatur-Nobelpreis war Waldschmidt 1906 vorgeschlagen.

Tutzing: Anja Behringer - 100 Jahre Waldschmidt

Die Tutzingerin Anja Behringer hat ein kleines Heft über Waldschmidt herausgebracht.

(Foto: Nila Thiel)

Heute ist der Zeitgenosse des Schriftstellers Ludwig Ganghofer im Gegensatz zu diesem weitgehend vergessen. In Tutzing allerdings halten eine nach ihm benannte Straße und die Verknüpfung mit dem Midgardhaus die Erinnerung an den umtriebigen Dichterfürsten wach. Die Tutzinger Journalistin Anja Behringer hat nun ein kleines Heft über Waldschmidt und seine Verbindungen zum Starnberger See veröffentlicht.

Seine Karriere startete Maximilian Schmidt früh. Geboren am 25. Februar 1832 in Eschlkam in der Oberpfalz erfand er schon als Kind Geschichten für seine Geschwister und inszenierte Theaterstücke mit der Dorfjugend. Später beim Militär kam er als Inspektionsoffizier des Königlichen Kadettenkorps viel herum. Er begann damit, alte Sagen und Legenden zu sammeln, studierte lokale Bräuche und Feste, ging in Wirtshäuser, um Dialekten nachzuspüren. Seine ersten Erzählungen und Romane beschäftigten sich mit dem Leben im Bayerischen Wald. Selbstbewusst überreichte er seine ersten Veröffentlichungen an seinem 31. Geburtstag König Maximilian II. bei einer persönlichen Audienz.

Von der Türkenkaserne in München aus unternahm er mit der Bahn erste Ausflüge nach Starnberg, wanderte nach Seeseiten bei Seeshaupt. Begeistert von der malerischen Seenlandschaft erwarb er 1864 das Gästehaus des Tutzinger Schlosses, das Midgardhaus. Die Heirat mit einer wohlhabenden Frau, Auguste Haßlacher, ermöglichte ihm den Kauf der Immobilie. Der Schriftsteller nutzte sie hauptsächlich zur Sommerfrische.

Ein Luxus, denn für den Soldaten, der er ja auch noch war, bedeutete das, "nachmittags von der Kaserne in München zweieinhalb Stunden durch den Fürstenrieder Park hinaus nach Tutzing zu reiten", wie Anja Behringer herausfand. Am nächsten Morgen habe er vor vier Uhr wieder aufbrechen müssen, um pünktlich um 6 Uhr zurück in der Kaserne zu sein. Seine Räumlichkeiten vermietete er vorübergehend an das entthronte Königspaar Franz II. und Marie von Neapel. In der Villa begrüßte er auch Gäste wie Kaiserin Elisabeth und Ludwig II.

Nach einem der Hauptwerke Waldschmidts, der 1885 veröffentlichen "Fischerrosl", ist das Lokal in St. Heinrich benannt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der König verschlang die Werke des Vielschreibers. "Schmidts Frau musste nachts die neuen Kapitel transkribieren, ein Bote brachte sie dann mit einem Kahn zum Schloss Berg", so Behringer. Auf Veranlassung von Ludwig II., der eine Geschichte vom See haben wollte, entstand eines von Waldschmidts Hauptwerken: "Die Fischerrosl von St. Heinrich". Eine Familiengeschichte "mit einem ganz modernen emanzipierten Frauenbild", wie die Tutzingerin findet. Die Fischerrosl fährt mit einem Einbaum über den See, bewährt sich im Sturm und setzt durch, den zu heiraten, den sie will. Das gleichnamige, bis heute bestehende Lokal in St. Heinrich ist nach dem Buch benannt, die Lüftlmalerei zeigt die Fischerrosl auf dem Kahn.

Ludwig II. ernannte Maximilian Schmidt 1884 zum königlich bayerischen Hofrat. Sein Nachfolger, Prinzregent Luitpold, war ein so großer Anhänger des Autors, dass er ihn 1898 adeln wollte. Das lehnte Schmidt ab. "Es gab schon einen Christoph von Schmidt, der religiös-erbauliche Kindergeschichten schrieb. Mit dem wollte er nicht verwechselt werden", erklärt Behringer. Wesentlich schicker fand der ziemlich eitle Autor, der alle Presseartikel über sich aufhob, den vererblichen Namenszusatz "genannt Waldschmidt" - eine Auszeichnung für seine Verdienste um den Bayerischen Wald.

Dem Starnberger See blieb der Mann mit dem Wallebart bis in seine späten Jahre gewogen. Nachdem er 1870 das Midgardhaus wieder verkauft hatte, zog es Waldschmidt ans Ostufer nach Ambach. Dort legte er sich 1898 ein Haus zu, die spätere Kurklinik Wiedemann. Das Haus wurde 1984 abgerissen. In seinen Werken - etwa 60 größere Volkserzählungen, 40 Humoresken und Skizzen, 40 dramatische Arbeiten - greift er auch Motive aus der Region auf wie den Devotionalienhandel in Dießen, die Flößerei oder die Legende von Karl dem Großen und der Reismühle in Gauting - "ein Schatz für Volkskundler", sagt Behringer. Warum Waldschmidt heute nur noch wenige kennen? "Ganghofer wurde erfolgreich verfilmt, Waldschmidt nicht", ist eine Erklärung von Behringer. Kritiker kreiden ihm hingegen die Verbreitung von Bayernkitsch an.

Er selbst beteuerte in seinen Erinnerungen sein ehrliches Interesse am Brauchtum. Das brachte Waldschmidt dazu, 1895 den Trachtenzug zum Münchner Oktoberfest ins Leben zu rufen. Fürs erste Volkstrachtenfest lud er aus dem ganzen Königreich 150 Gruppen mit 1400 Mitwirkenden ein, in ihren alten Volkstrachten nach München zu kommen. Er ließ sogar Vertreter im Foto-Atelier ablichten und die Bilder kolorieren. Die 100 Blätter übergab der Trachtenverehrer, der sich bei seinen Zeitgenossen den spöttischen Spitznamen "Kostüm-Schmidt" einhandelte, dem Bayerischen Nationalmuseum. Dort entdeckte Behringer die lange verschollene kostbare Dokumentation 2011 nach längerer Recherche.

Auch als Tourismusgegend wäre Bayern heute ohne Waldschmidt vielleicht nicht so bedeutsam. Der Tausendsassa gründete 1890 den Bayerischen Fremdenverkehrsverband, um den bis dato unbedeutenden Tourismus in Schwung zu bringen. In seinen letzten Lebensjahren erblindet, starb Waldschmidt mit 87 Jahren 1919 in München. Sein Grabstein auf dem Alten Südfriedhof ist bis heute erhalten.

Das "Geheft über Maximilian Schmidt genannt Waldschmidt" ist bei Anja Behringer, Telefon 08158/ 993173, erhältlich.

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