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Tutzing:Posse um Mini-Grundstück am Starnberger See geht weiter

Tutzing Nordbad, Holzzaun

Ein Holzzaun riegelt die beliebten Badekabinen im Tutzinger Nordbad ab. Sie konnten heuer nicht an Gäste vermietet werden.

(Foto: Georgine Treybal)

Ein Ex-Bürgermeister wollte es einer 92-Jährigen für 8000 Euro abkaufen. Jetzt liegt der neue Eigentümer mit der Gemeinde im Clinch - und die zäunt die Umkleiden ein.

Von Manuela Warkocz

Dieser Holzzaun wirkt ziemlich grotesk: Quer durch das Nordbad und unmittelbar vor den Kabinen hat ihn die Gemeinde vergangene Woche aufstellen lassen. Damit riegelt sie das Grundstück ab, auf dem die Badekabinen stehen - ein 134 Quadratmeter großes Fleckchen, um das seit Jahren ein erbitterter Streit tobt. Schon unter Bürgermeister Stefan Wanner hatte das "Vielreicher"-Grundstück Schlagzeilen gemacht. Der Deal mit der betagten Pfarrersköchin könnte ihn sogar die Wiederwahl gekostet haben, sagen noch heute manche. Die Pächterin des gemeindlichen Nordbads, Gitti Greif, stöhnt genervt, als man sie auf die aktuelle Eskalation anspricht. Bei ihr entlädt sich der Unmut der Badegäste, die keine Kabine für die Saison mieten können.

Eigentlich hatte der frühere Bürgermeister Wanner nur Gutes tun wollen, als er 2013 Therese Vielreicher anrief, die frühere Haushälterin des Chamer Stadtpfarrers Augustin Maierhofer. Er hatte herausgefunden, dass seine Gemeinde seit Jahrzehnten das komplette Nordbad-Gelände verpachtet hatte, obwohl ihr ein kleiner Teil, Flurstück 160/1, nicht gehörte. Eigentümerin der 134 Quadratmeter, auf denen die Badekabinen stehen, war Vielreicher. Der Chamer Pfarrer hatte seiner Haushälterin den Grund 1992 vermacht. Doch die damals 92-jährige Dame hatte von dem Erbe offenbar nichts gewusst. Um reinen Tisch zu machen, schloss Wanner im Einverständnis mit dem Gemeinderat mit der früheren Pfarrersköchin einen Kaufvertrag für 8000 Euro, was einem Quadratmeterpreis von 59,70 Euro entsprach - für ein Seegrundstück in bester Lage.

Auf dem kann man zwar nichts bauen. Dennoch hieß es, Wanner habe die alte Dame abgezockt. Besonders pikant: In seinem Telefonat mit Vielreicher hatte Wanner verkaufsfördernd erwähnt, dass er mal Ministrant gewesen sei. Als das publik wurde, brach ein Sturm der Entrüstung über Tutzing herein. Ein Gutachten bewertete das Seeareal mit 46 000 Euro - und den Vertrag zwischen Gemeinde und Vielreicher wegen der großen Differenz als sittenwidrig. Die Köchin widerrief daraufhin den Kaufvertrag. Sie wollte nur noch verpachten, für 2500 Euro und nur mit Ein-Jahresverträgen. Diese teure Variante wollte die Gemeinde aber nicht. Sie versteifte sich darauf, dass der Vertrag zustande gekommen und sie rechtmäßige Eigentümerin sei.

Ungeachtet dessen: Als Therese Vielreicher kurze Zeit später starb, verkauften ihre Erben das Fleckchen. Damit bekam die Geschichte eine neue scharfe Wende. Denn Käufer war just Rüdiger Lange, Nachbar mit einem Anwesen oberhalb des Nordbads, der sich vom Betrieb des seit 1917 bestehenden öffentlichen Seebades gestört sieht und mit einigen anderen Anliegern seit 30 Jahren mit der Gemeinde im Clinch liegt.

Lange, der Berlin als Wohnort angibt, hat mittlerweile über ein Dutzend Klagen angestrengt. Vor Gericht bekam er und ein weiterer Kläger im Jahr 2015 auch recht. Das Pächterpaar Gitti und Klaus Greif durfte seine Gastronomie zwischen 15. Mai und 31. August täglich nur noch bis 22 Uhr statt 23 Uhr betreiben. Im November 2019 wurde Lange zudem gerichtlich bescheinigt, dass er das Mini-Grundstück rechtmäßig erworben habe. Nachdem die Gemeinde schwarz auf weiß hatte, dass ihr der Grund mit den Badekabinen nicht gehört, wurde allen Mietern der begehrten Hüttchen gekündigt, in denen man bequem seinen Badekram für den ganzen Sommer verstauen kann. "Aus Haftungsgründen" sei nun zudem der Zaun errichtet worden, heißt es aus dem Rathaus. In den kommenden Wochen werde die Gemeinde über die künftige Nutzung mit dem Eigentümer sprechen.

Der zeigt sich indigniert: Er habe dem Anwalt der Gemeinde längst mitgeteilt, dass er für eine Verpachtung offen sei, so Rüdiger Lange zur SZ. Daraus, dass er dabei sein Fleckchen Liegewiese als Faustpfand einsetzen wird, macht er keinen Hehl. Denn bei den Verhandlungen "sollten nach Möglichkeit die Streitthemen der Vergangenheit mit bereinigt werden, die in den früheren Jahren mit großer Regelmäßigkeit die Gerichte beschäftigt haben", betont der Eigentümer. Er verweist auf vorgeschriebene Öffnungszeiten und Lärmwerte, die nicht eingehalten worden seien.

Für Pächterin Gitti Greif ist der Dauerstreit eine Dauerbelastung. Ihr Betrieb ist heuer durch Corona eh schon schwierig genug. Sie wolle sich "aus dem Ganzen raushalten", sagt sie. Ihre Gäste seinen "halt einfach sauer".

© SZ vom 19.06.2020

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