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Neuer Dampfer für den Starnberger See:Millimeterarbeit in der letzten Kurve

Das Schiff ist 35 Meter lang und 8,50 Meter breit. Bis zu 300 Passagiere finden darauf Platz.

(Foto: Arlet Ulfers)

Das 35-Meter-Schiff läutet eine neue Ära ein: Es ist der erste Elektrodampfer auf dem Starnberger See und der größte in ganz Deutschland.

Von Michael Berzl

"Zur Not schneiden wir das Ding einfach weg", schimpft Frieder Saam, der den Schwertransporter mit dem 110 Tonnen schweren Schiffsrumpf steuert. Denn in der letzten Kurve vor der Einfahrt zur Werft am Starnberger See wird es doch noch knapp. Ausgerechnet eine mannshohe Metallstele mit einer Informationstafel über Asteroiden steht im Weg. Es fehlen nur noch ein paar Zentimeter und sie würde am Rumpf entlangkratzen.

Der Griff zur Flex ist dann aber nicht nötig. Saam, ein Fahrer mit langer Routine, setzt die Hydraulik auf dem Anhänger in Bewegung und kippt den Schiffskörper ein wenig. Das reicht, um gerade genug Platz zu schaffen, um das letzte Hindernis zu überwinden. Ein paar Meter noch - und nach einer Reise, die vor zwei Wochen in Mondorf am Rhein begonnen hat, erreicht der neue Ausflugsdampfer sein Ziel.

Etwa fünf Millionen Euro kostet das Schiff, berichtet Michael Grießer, der Geschäftsführer der Bayerischen Seenschifffahrt. Es ist 35 Meter lang und 8,50 Meter breit; bis zu 300 Passagiere finden darauf Platz. Mit Beginn der neuen Saison zu Ostern soll es zu den ersten Rundfahrten starten. Und das komplett mit Strom betrieben.

So etwas gibt es zwar schon in kleinerem Maßstab auf dem Königssee, auf dem Starnberger See aber ist es ein Novum. Und: Es ist das größte Elektro-Seenschiff in Deutschland, wie Finanzminister Albert Füracker mitteilt. Die Energieversorgung übernehme ein Batteriesystem mit einer Leistung von 1600 Kilowattstunden, das komplett mit Ökostrom geladen werde. Füracker sieht darin "ein großartiges Zeichen für Umwelt- und Klimaschutz". Das neue Schiff hat außerdem einen Aufzug und eine Ladestation für Elektrofahrräder.

Eine knapp 600 Kilometer lange Anreise hat es schon hinter sich. Gebaut wurde es in der Lux-Werft am Rhein zwischen Bonn und Köln. Von dort ist es auf dem Main-Donau-Kanal bis Passau gefahren, wo es in vier Teile zerlegt und am vergangenen Montag auf Tieflader gehievt wurde. Nach einem Zwischenstopp in Freising ist der Transport in der Nacht zum Freitag in Starnberg eingetroffen.

Die letzte Etappe ist dann wieder Maßarbeit. Ein nächtliches Schauspiel, das etwa 20 Zuschauer anlockt. Fabian Fatscher aus Pöcking zum Beispiel ist extra nach Solln gefahren, um dem Konvoi schon auf der Autobahn ein Stück zu folgen. "Ich frag' mich, wie die das schaffen", sagt er, als der erste Tieflader dann gegen 1 Uhr in Starnberg von der Münchner Straße in die Strandbadstraße einbiegt. "Wie die da wohl um die Kurve kommen?"

Für den Fahrer Saam ist das nichts Neues. Er macht so etwas schon seit 35 Jahren, er hat die alte "Utting" vom Ammersee nach Sendling gebracht, die neue "Utting" nach Stegen transportiert und den Katamaran zum Starnberger See gefahren. Und auch diesmal kommt er ohne größere Schwierigkeiten durch, auch wenn es an manchen Stellen sehr knapp wird.

Am Schaukasten vor dem Schwimmbad schiebt sich der Rumpf nur mit einer Handbreit Entfernung vorbei. In der ersten Kurve in den Nepomukweg liegen Stahlplatten auf der angrenzenden Wiese, damit die Räder des Transporters nicht einsinken, auf dem Bordstein dienen große Gummimatten als Schutz. Schon vorher ist Platz geschaffen worden. Neben der Fahrbahn liegen zwei Laternenmasten, die abmontiert wurden. "Alle Voraussetzungen bestmöglich erfüllt", sagte Lkw-Fahrer Saam später, "großes Lob an die Behörden und die Polizei."

In der letzten Kurve vor der Einfahrt ins Werftgelände, direkt auf der Brücke über den kleinen Georgenbach, stockt der Konvoi trotzdem, Saam muss ein Stück zurücksetzen, es knirscht, ein paar kleinere Äste am Fahrbahnrand brechen ab. Doch das sind die einzigen Kollateralschäden. Auch die Metallstele, die zum so genannten Planetenweg gehört, bleibt stehen. Eine Stunde nach dem Eintreffen in Starnberg sind Schiffsrumpf und Aufbauten am Ziel. Es ist gegen 2 Uhr. Die Männer der auf große Fuhren spezialisierten Spedition Kübler aus Michelfeld bei Schwäbisch Hall haben ihre Arbeit schon fast erledigt.

Nach einer kurzen Nacht übernehmen am Freitagvormittag Stefan Schmidbauer und seine Leute die Hauptrolle. Auch der Geschäftsführer der Gräfelfinger Kranfirma hat schon einige Erfahrung mit dem Verladen von Schiffen. Zwei Schwerlastkräne heben den Rumpf vom Tieflader auf eine Helling direkt am Seeufer. "Das ist noch einfach", sagt der Firmenchef. Schwieriger wird das Einpassen des Oberdecks. Abgetrennte Metallwände, Rohrleitungen, Verbindungen müssen wieder genau an ihren Platz. Da geht es um Millimeter. "Es kann schon sein, dass sich beim Transport mal etwas um ein Stück verzieht. Da müssen wir halt hier ein bisschen drücken, da ein bisschen ziehen, dann passt das schon wieder", sagt Schmidbauer zuversichtlich.

Im Rohbau war das Schiff am Freitagnachmittag wieder zusammengesetzt, auch der Aussichtsturm kam auf seinen Platz. Nun sind fünf Monate Zeit, um die für den Transport getrennten Teile wieder miteinander zu verschweißen, Technik, Fenster und Mobiliar einzubauen.

Fünf Schiffe sind dann in der neuen Saison, die mit Beginn der Osterferien am Karfreitag beginnen soll, auf dem Starnberger See unterwegs: der Katamaran Starnberg, die Motorschiffe Seeshaupt, Bayern und Bernried sowie das neue Schiff. Welchen Namen es bekommt, ist noch ein Geheimnis, das traditionellerweise erst bei der Schiffstaufe gelüftet werde, wie Minister Füracker ankündigt.

© SZ vom 21.11.2020/kafe
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