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Corona-Krise im Landkreis Starnberg:Etüden am Telefon

Gilching: Gernot Sieber & Hannelore Husemann-Sieber geben Unterricht via Telefon & ZOOM

Altmodisch und modern: Ballettlehrerin Hannelore Husemann-Sieber unterrichtete via Konferenz-Software, ihr Mann Gernot Sieber zog das Handy vor.

(Foto: Arlet Ulfers)

Klavier-, Geigen- und Ballettlehrer haben mit ihren Schülern zuletzt via Internet oder schlicht übers Handy geübt. Nun ist Präsenzunterricht zwar wieder möglich, aber nur unter strengen Auflagen.

Von Reinhard Palmer

Keine Schule - den meisten Eltern ist es gelungen, ihrer Rolle als unfreiwillige Hauslehrer gerecht zu werden. Anders sieht es beim Musik-, Gesangs-, Schauspiel- oder Ballettunterricht aus. Die künstlerischen Fächer erlauben keine Pause und kommen ohne unmittelbare intensive Betreuung von Fachpädagogen nicht aus. Väter oder Mütter können das nur in seltenen Fällen übernehmen. Abgesehen davon, dass die Kontaktbeschränkungen die meist freiberuflichen Künstler in eine prekäre Lage brachten, ist Erfindergeist nötig, den Unterricht auf Entfernung hinzubekommen. Das Internet und diverse Tools machen's möglich: So lassen sich mit der Standardausrüstung eines fast jeden Haushalts Unterrichtsstunden abhalten.

Allerdings nicht ohne Qualitätsabstriche, wie die Geigerin Esther Schöpf aus Pöcking einräumt. Abgesehen von der meist zu geringen Übertragungsrate, die keine ruckelfreie Darstellung gewährleiste, sei der übermittelte Streicherton recht verfremdet. Sie habe zwar gelernt, das Gehörte zu interpretieren, doch die Arbeit an Ausdruck und Klang sei auf diesem Weg kaum möglich. Der Fokus liegt daher auf der Technik. "Die Schüler haben das schnell akzeptiert", sagt Schöpf. Wenn sie etwas demonstrierte, filmten das einige Schüler mit dem Smartphone, um damit weiterarbeiten zu können. Positiv auch: "Sie haben gelernt, ihre Instrumente selbst zu stimmen."

Obgleich die Bestimmungen gelockert worden sind, zögen einige Schüler bisher noch sicherheitshalber den Online-Unterricht vor, berichtet Schöpf. Auch der nun mögliche Präsenzunterricht sei nicht problemlos. Abstand wahren, desinfizieren, wenn man das Instrument der Schüler anfassen musste, Unterrichtszeiten so legen, dass sich Kinder und Jugendliche nicht begegnen: Das bremse die Arbeit aus. Zur Belohnung der Schüler legt Schöpf nun den Schwerpunkt aufs Spielen vom Blatt und auf Duos. Die aktuellen Lockerungen machen mit der gebotenen Vorsicht auch das Zusammenspiel größere Ensembles möglich.

Die Übertragung von Klavierklang sei nicht gar so problematisch, erklärt die Gilchinger Pianistin Elizabeth Hopkins. Auch sie habe bis jetzt noch via Internet unterrichtet, weil ihre Schülerinnen erst nach Pfingsten wieder im Lande sind. "Hauptsache, der Unterricht findet weiter statt, es geht nicht, dass Wochen und Monate wegfallen", sagt Hopkins. Denn wer eine berufliche Karriere als Musiker ansteuert, könne sich keine Pause erlauben. Die Messlatte hängt hoch. Die Aufnahmeprüfungen etwa an den Musikhochschulen sind inzwischen auf einem professionellen Niveau angelangt. Der Corona-Lockdown hat daher so manche Laufbahn im Vorfeld zunichte gemacht.

"Wir geben unser ganzes Herzblut her, damit uns die Schüler nicht verlorenge-hen", berichtet auch Hannelore Husemann-Sieber, Ballettpädagogin in Gilching. Via Internet Ballett zu unterrichten, sei schwierig, zumal die Schüler zu Hause nicht über ausreichend Platz dafür verfügten, sagt sie. Bei den Fortgeschrittenen sei es eingeschränkt gut gegangen, da sie schon verstünden, was sie auf diesem Weg nur rein verbal vermitteln könne: "Wir haben ja eine Ballettsprache." Die Jüngeren hätten mit Youtube-Videos gearbeitet. Das technische Basis-Training sei aber schlicht unerlässlich, um wie gewohnt weitermachen zu können. Zuletzt war schon Live-Arbeit unter Auflagen realisierbar. Die großen Balletträume machen es möglich, ausreichend Abstand zu halten. Viele Fenster stünden währenddessen offen. Das Bühnenprogramm sei jedoch auf solistische Beiträge reduziert, um Gruppen zu vermeiden.

Husemann-Siebers Mann, der Pianist Gernot Sieber, unterrichtete indes per Telefon. Der Klang sei zwar auch problematisch, doch wenn man extrem aufmerksam zuhöre, könne man daraus schon ausreichend Schlüsse für den Unterricht ziehen. "Ich habe geschaut, dass die Kinder nichts verlernen", betont Sieber. Und sie hätten noch etwas dazugelernt: Disziplin und Aufmerksamkeit. Denn mit der Freisprechfunktion am Telefon müsse man schon genau zuhören und immer geduldig warten, bis man dran ist.

Anders als Hopkins, die nun im Präsenzunterricht nur auf ein einziges Instrument zurückgreifen kann und zum Vorspielen mit den Schülern die Plätze tauschen muss, kann Sieber an einem zweiten Flügel Platz nehmen.

Problematisch ist nach wie vor, an größeren Werken zu arbeiten. Wie etwa an Teilen aus dem "Stabat Mater" von Rossini, die der Pöckinger Norbert Groh in seinem Kurs "Ensembles im Oratorium" an der Münchner Musikhochschule in Angriff genommen hat. Eine Aufführung war nicht möglich, zusammen zu proben auch nicht. Das Solistenquartett "Sancta mater, istud agas" wurde also kurzerhand via Internet einstudiert und der Vortrag von jedem Mitwirkenden separat auf Video aufgezeichnet.

Grohs Begleitflügelpart und die vier Solisten kamen dann im Filmschnitt zusammen, um im Internet ein Publikum zu finden, auch wenn eine Aufnahme ein Live-Erlebnis nicht ersetzen kann.

Inzwischen kann zwar mit den gebotenen Abständen wieder unterrichtet werden, doch seine beiden ausländischen Studenten in Kroatien und in der Schweiz bleiben weiterhin per Internet eingebunden. Wie es nach Pfingsten weitergeht, ist noch nicht ganz klar Der Raum, über den Groh verfügt, ist zu klein, um die bei Gesang ohne Mund-Nase-Schutz vorgeschriebenen fünf Meter Abstand einzuhalten. Er müsse den Oratorienkurs daher in Terzette und Quartette aufteilen, sagt der Dirigent und Pianist. Weitere Auflagen: Jede halbe Stunde muss gelüftet werden, Hände und die Flügeltastatur sind zu desinfizieren.

Die wenigsten Chöre und Orchester verfügen über die nötigen Räume, um unter Beachtung der Abstandsregeln gemeinsam proben zu können. Die gemeinsame Arbeit muss daher ruhen. Für seinen Pöckinger St.-Pius-Chor hat Groh ein Grundmaterial aufgenommen, damit die Choristen alleine zu Hause arbeiten können. Die soziale Komponente lasse sich jedoch kaum ersetzen. So erwägt Chorleiter Groh schon, "dass man sich auf einer Wiese trifft", um gemeinsam zu singen.

© SZ vom 04.06.2020
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