bedeckt München

Kloster Bernried am Starnberger See:Seit 900 Jahren ein Begegnungsort

Kloster der Missionsbenediktinerinnen

Das Kloster der Missionsbenediktinerinnen in Bernried am Starnberger See

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Kloster Bernried hat schon so manchen Wandel mitgemacht. Die Festwoche zum Jubiläum in diesem Jahr muss das Dorf absagen.

Von Manuela Warkocz

Sie gilt als einer der ältesten Siedlungsplätze am Starnberger See - die Landzunge am Westufer mit dem Dorf Bernried. Schon im 9. Jahrhundert lebten dort am früheren Würmsee Fischer und Bauern. Als Gründungsjahr für den Ort gilt aber das Jahr 1120, in dem Graf Otto I. von Valley mit seiner Gemahlin Adelheid in Bernried eine Stiftung aufbaute. Der Spross aus einer Nebenlinie des Hauses Scheyern/Wittelsbach baute seinen bis dato äußerst bescheidenen Maierhof zu einem Kloster aus, errichtete eine Kirche, weihte sie dem Hl. Martin von Tours, von dem er eine Armreliquie besaß, und übergab die Anlage den Augustiner Chorherren. Ganz im Trend der damaligen Zeit, als sich der machtbewusste Hochadel gern Hausklöster zulegte. Alle Bewohner Bernrieds wurden zu Hintersassen des Stifts. Ihr Wohl und Wehe hing über Jahrhunderte wesentlich von den Chorherren ab - und umgekehrt. Nun, im Jahr 2020, blickt der Ort stolz auf 900 Jahre Klosterdorf Bernried. Doch der runde Geburtstag kann wegen der Corona-Krise nicht wie geplant groß gefeiert werden.

Die zehn bis 15 Chorherren, die im eher bescheidenen Stift Bernried lebten, waren keine Mönche, mussten aber ehelos bleiben, angeführt von einem Probst. Das Kloster bedeutete für die Bevölkerung der Hofmark eine gewisse Sicherheit und bot ein Auskommen, es wurde zu einem sozialen und geistigen Zentrum. Tagelöhner und Handwerker erhielten regelmäßig Aufträge, darunter Bäcker, Schneider, Schäffler, Schuhmacher, Jäger, später auch Schulmeister und Bader. Die Chorherren boten medizinische Versorgung, sorgten für Alte und Arme, unterrichteten Kinder und förderten junge Künstler. Ähnlich einer Bank vergab das Stift Kredite an Privatpersonen. Zum Einkommen des Klosters trugen Viehzucht und Feldanbau bei, soweit es die schlechten Böden zuließen. Bedeutsam war der Fischfang, wobei die edlen Fische direkt an die geistlichen Herren gingen. Den Fischern blieben nur die minderen.

Der Umgriff reichte bis nach Holzhausen am Ammersee, Reichling am Lech und Malching bei Fürstenfeldbruck. Zeitweise verfügte das Kloster sogar über ein Weingut in St. Pauls bei Eppan. Von dort durfte Wein ab 1474 zollfrei über den Brenner bis nach Bernried ausgeführt werden, wie die Bernrieder Historikerin Walburga Scherbaum erforscht hat. Konventsmitglieder und Angestellte erhielten regelmäßige Weinzuwendungen. Als Einnahmequelle dienten unter anderem fünf "Tafern" (Tavernen), etwa in Aying und Gilching. Dort ließ das Kloster Wein, ab dem 17. Jahrhundert auch selbst gebrautes Bier und Branntwein ausschenken. Forstbesitz wie der Ayinger Forst boten ebenfalls Einkünfte.

Großer Wert wurde im Lauf der Zeit auf Bau, Ausschmückung und Instandhaltung von Kirchen, Kapellen und Altären gelegt. Viele Spaziergänger kennen die 1684 in einen Turm der Klostermauer eingebaute Kapelle am See, nahe dem Dampfersteg. Die frühbarocke Marienfigur soll einer Legende nach am See angeschwemmt worden sein. Zu Mariä-Himmelfahrt am 15. August ziehen Bernrieder alljährlich in einer abendlichen Lichterprozession an der "liebwoanet Frau am See" vorbei.

Gemeinde sagt alle Feierlichkeiten ab

Festumzug, Ausstellung, Festgottesdienst, Lasershow, Sternmarsch, mittelalterliches Markttreiben: Die Programme für die Festwoche zum 900-jährigen Bestehen des Klosters Bernried sind gedruckt und auch die ersten Ehrengäste haben schon zugesagt, darunter Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) und der Bürgermeister der Partnerstadt Samoreau. Doch die 2350-Seelen-Gemeinde muss die Jubiläumsfeier wegen der Coronavirus-Pandemie absagen. Einstimmig ist der Gemeinderat am Donnerstag dieser Empfehlung des Festausschusses gefolgt. "Es war ein tolles Fest geplant", sagte Bürgermeister Josef Steigenberger. Leider müssten die Feierlichkeiten voraussichtlich auf das Jahr 2021 verschoben werden. Das erste Konzert war bereits für Ende Mai geplant. Doch wegen der Ausgangsbeschränkungen könne derzeit nicht geprobt werden und daher bestehe nach Angaben des Chorleiters keine Chance, das Konzert fristgerecht zu veranstalten. Auch eine Ausstellung zur 900-jährigen Geschichte des Klosters sowie des Dorfes sollte gezeigt werden. Wie Christine Philipp (BL) mitteilte, sind die Vorbereitungen bereits weitgehend abgeschlossen. Die Ausstellungsstücke könnten jedoch im Glasbau zwischen Rathaus und Sommerkeller bleiben, bis die Einschränkungen aufgehoben und Besichtigungen wieder möglich seien, sagte sie. Die Festwoche als Höhepunkt der Feierlichkeiten sollte zwar erst vom 6. bis zum 12. Juli stattfinden. Doch Bürgermeister Steigenberger hält es für unwahrscheinlich, dass bis dahin wieder uneingeschränkter Reiseverkehr erlaubt ist. Auch sei es fraglich, dass Feste mit mehr als 1000 Personen bis dahin wieder möglich seien. Falls die Ausgangsbeschränkungen in absehbarer Zeit aufgehoben würden, könne eventuell schon im Herbst gefeiert werden, sagte der scheidende Rathauschef. Doch der Festausschuss tendiere dazu die 900-Jahr-Feier um ein ganzes Jahr zu verschieben. 40 000 Euro lässt sich das schmucke Klosterdorf das Jubiläum kosten. Die Verantwortung darüber übernimmt dann Steigenbergers gewählter Nachfolger als Bürgermeister, Georg Malterer.

Mit der Säkularisation wurde das Stift 1803 aufgelöst, enteignet und die Liegenschaft in der Folge mehrmals verkauft. August Freiherr von Wendland, Bayerischer Gesandter in Paris, erwarb schließlich 1852 Stift und Ländereien. Er ließ das heruntergekommene Kloster in ein repräsentatives Schloss im Neo-Renaissancestil umbauen. König Maximilian II. weilte dort des Öfteren. Der berühmte Münchner Gartenbaumeister Carl von Effner gestaltete den Garten um, pflanzte exotische Bäume, die teils noch heute stehen. Bis 1941 blieb das Schloss - fast unverändert - im Besitz der Familie. Eine Nachfahrin, Mechthild von Sigriz, schildert ihre Kindheitserinnerungen aus den 1930er Jahren in ihrer reich bebilderten "Schlossgeschichte": die mächtige, hölzerne Eingangstür, durch die Besucher auch heute eintreten, das Vestibül mit Säulen, die langen Korridore, Barocksaal, Bibliothek, der Blick gen Osten auf den See, geheimnisvolle Hintertreppen und Kellergewölbe.

Kloster der Missionsbenediktinerinnen

Auch heute bietet das Kloster noch Raum für Stille.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

1941 kaufte das Reichsinnenministerium das Schloss samt Park. Kriegsbedingt wurde bis 1948 die Orthopädische Klinik aus München im Schloss einquartiert. Bett an Bett lagen Patienten, im Schlossgarten wurde Gemüse angepflanzt, hinter dem Haus türmte sich stinkender, medizinischer Müll und auf dem Dach war als Schutz vor Fliegerangriffen ein großes Rotes Kreuz aufgemalt

Mit den Missions-Benediktinerinnen aus Tutzing wurde nach dem Krieg aus dem arg mitgenommenen Schloss wieder ein Kloster. Im Tutzinger Mutterhaus war es eng geworden, nachdem 1945/46 viele Schwestern aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika ausgewiesen worden waren. Wilhelmine Busch-Woods, die "Dollarkönigin" auf Schloss Höhenried, hatte die Neugründung für ein Frauenbildungswerk eingefädelt. Zunächst nur gepachtet konnten die Schwestern bald das Schloss samt Nebengebäuden und Ländereien mit zwölf Hektar Grund vom Freistaat erwerben. Am 4. Juli 1949 fuhren die ersten fünf Schwestern mit dem "Blitz", einem kleinen Lastwagen, 20 Mark und einem Nudelholz nach Bernried. Ganz gemäß der Benediktinischen Regel "ora et labora" (bete und arbeite) räumten sie Relikte des Lazaretts weg wie alte Gipsverbände aus dem verlassenen OP-Saal, beschafften Töpfe, Geschirr, Eisenbetten, Decken. Am 1. September begrüßten sie die ersten 40 jungen Frauen, um sie im Internatsbetrieb in Hauswirtschaft und Gartenbau auszubilden - "in froher, christlicher Atmosphäre", wie es in einer früheren Festschrift heißt. In der winzigen Schulküche gelangen kleine Wunder. Mit nur einer Pfanne und fünf Eiern wurden pünktlich zu Mittag für 50 Personen Pfannkuchen serviert. Im Sommer kamen Kinder aus dem Saarland zur Erholung. Später folgte eine Schule für Sozialberufe. Bis heute treffen sich Ehemalige aus dieser Zeit im Kloster. "Die sagen: Das war unsere schönste Zeit", freut sich die stellvertretende Oberin Schwester Mechthild Hommel.

Kloster der Missionsbenediktinerinnen

Zu Kriegszeiten diente das Kloster als Lazarett.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Arbeit der zeitweise 30 Schwestern und 20 Noviziatsangehörigen war immer eng mit dem Ort Bernried verwoben. Die Missions-Benediktinerinnen beteiligten sich an der Gründung eines gemeindeeigenen Kindergartens, arbeiteten in der ökumenischen Sozialstation Peißenberg mit, die auch Menschen in Bernried betreut, und initiierten den Hospizverein Pfaffenwinkel. Ihre Bücherei ist öffentlich zugänglich, ein Raum im Kloster steht für Krabbelgruppen zur Verfügung. Unvergessen ist im Rathaus der Einsatz des Klosters bei der Gebietsreform für die Selbständigkeit der kleinen Gemeinde, die auch heute nur 2350 Einwohner zählt. Die neue Schule und das Feuerwehrgerätehaus konnten auf ehemaligen Klostergrundstücken errichtet werden.

Auch am Kloster wird immer wieder gebaut. Bei Grabungen für den neuen Ostflügel entdeckte man, dass das gesamte Gebäude auf Eichenpfählen errichtet ist - ein Fundament, das seit 1120 getragen hat. Die Schwestern haben sich, auch um den wirtschaftlichen Fortbestand zu sichern, immer wieder neu orientiert. Als Sozialberufe für Mädchen weniger dem Zeitgeist entsprachen, wurde die Schule 1972 in ein Haus für Erwachsenenbildung umgewandelt. Frauen und Männer ziehen sich aus ihrem Alltag für eine Tagesveranstaltung, ein Wochenende oder länger ins Kloster zurück. Die Ordensfrauen laden in ihrem stetig wachsenden Jahresprogramm zu Bildung, Besinnung und Erholung direkt am Seeufer - mit Oasentagen, Exerzitien, Familienferien, Meditationen. "Dabei geht es nicht nur um Inhalte, sondern um Begegnung und Austausch", betont Bildungsreferentin Schwester Beate Grupp. Jedem Gast steht es frei, in der hellen, modernen Kapelle mit den Schwestern in den Stundengebeten Stille und Liturgie zu teilen. Das Angebot, in einer zeitgemäßen Verknüpfung von Bibel und Leben eigene Themen zu reflektieren, kommt gut an. 2019 verbuchte Betriebsleiterin Sylvias Vesper 24000 Übernachtungen - "eine 80-prozentige Auslastung können wir mit 36 Mitarbeitern plus Ehrenamtlichen, die zum Beispiel im Garten helfen, gut handeln". Auch externe Veranstalter wie Caritas, Kreisjugendring, das Münchner Schulreferat, Coaching- und Yogagruppen nutzen gern die 84 Übernachtungszimmer und zehn Tagungsräume.

Kloster der Missionsbenediktinerinnen

Das Kloster Bernried wird seit 1949 von den Missions-Benediktinerinnen bewirtschaftet.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Im alten Barocksaal geben Schüler des Musikvereins Bernried Konzerte; der Bürgermeister lädt hier nach der abendlichen Lichterprozession an Mariä Himmelfahrt alle Haupt- und Ehrenamtlichen zum Essen ein, der Gartenbauverein zu seinen Versammlungen. Die Pfarrkirche St. Martin am Kloster, die mehrfach zerstört wurde und in ihrer jetzigen Form 1680 errichtet wurde, ist ein Kristallisationspunkt des Gemeindelebens. An Ostern beeindruckt sie mit einer theaterähnlichen Altarwand, an der sich der auferstandene Christus emporziehen lässt. Spiritualität und Ökonomie - die Pole bestimmen seit jeher das Klosterleben. Um die Zukunft zu sichern, müssen die Schwestern in den nächsten Jahren für mehrere Millionen Euro umfangreiche Brandschutzarbeiten umsetzen. Mit dem Landratsamt Weilheim-Schongau stehen sie in engem Kontakt, wie das über Jahre zu stemmen sein wird.

Kloster der Missionsbenediktinerinnen

Missionsbenediktinerinnen bei einer Fronleichnamsprozession um 1952.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Um Nachwuchs braucht sich das Kloster nicht zu sorgen. 15 Schwestern umfasst die Gemeinschaft derzeit, geführt von Oberin Hedwig Willenbrink. Eine Schwester hängt in Tansania fest, wegen Corona. Die Älteste der Gemeinschaft ist 89 Jahre alt, die Jüngste 56. "Jedes Jahr etwa kommt eine Frau, die sich für den Eintritt ins Kloster interessiert", sagt Schwester Gabriela Haack. Die meisten seien schon über 30, brächten Lebens- und Berufserfahrung mit. Etwa drei Jahre dauert die gegenseitige Prüfungszeit. Stimmt die klösterliche Gemeinschaft zu, überträgt die Frau ihr Vermögen treuhänderisch dem Kloster, um zur Gütergemeinschaft beizutragen. Und erhält den Schleier. Dann ist sie Teil des Klosters, dem "Andersort", wie Schwester Beate Grupp sagt. Einem Ort, an dem die Frauen wie die Chorherren anno dazumal gemeinsam arbeiten und essen, leben und beten.

© SZ vom 11.04.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema