Süddeutsche Zeitung

Tourismus im Fünfseenland:Der Sommer rettet die Jahresbilanz

Nach dem coronabedingt dramatischen Frühjahr läuft das Geschäft für Hoteliers heuer besonders lange. Ungewöhnlich groß ist die Nachfrage in Pensionen, Ferienwohnungen und auf Campingplätzen.

Von Carolin Fries

Mittags sitzen noch immer Touristen am See, genießen die spätsommerliche Sonne und das Alpenpanorama. "Vorbei ist die Saison noch nicht", sagt Veronika Bove vom Boutiquehotel Reschen und schiebt ein "zum Glück" hinterher. Die Hotel- und Gaststättenbranche blickt auf schwierige Monate in der Coronakrise zurück, insbesondere das Frühjahr hat die Branche schwer getroffen. Umso besser sei der Sommer gewesen, der aktuell in die Verlängerung geht. "Der war richtig gut", sagt Claudia Aumiller, Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes.

In ihrem Jakl-Hof in Wörthsee checkt die Hotelwirtin am Montag neue Gäste ein, andere reisen ab. Darunter eine Gruppe von Männern, die eigentlich zum Wiesn-Auftakt übers Wochenende Zimmer gebucht hatten. Stammgäste seit mindestens zehn Jahren, wie Aumiller erzählt, die trotz der Absage des Oktoberfestes nicht storniert hätten und anstatt zur Theresienwiese mit dem Schiff zur Rundfahrt auf dem Starnberger See aufgebrochen seien. "Zum Abschied haben sie gesagt, sie hätten gar nicht gewusst, wie schön hier die Landschaft ist."

Die Landschaft habe die Branche über das Tief gerettet, davon ist auch Veronika Bove vom Tutzinger Hotel Reschen überzeugt. Für das erste Halbjahr meldet die Gewerkschaft für Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG) für den Landkreis noch einen Rückgang der Gästeankünfte um 55 Prozent. Doch dann kamen mit Juli und August "sehr gute" Monate. "Von den Vorbuchungen war zwar kaum was geblieben", erzählt sie, "dann kamen aber Neubuchungen." Und zwar überwiegend von Urlaubern aus Deutschland, denen eine Reise ins Ausland coronabedingt zu heikel erschien. "Das waren auch viele junge Leute, die zum ersten Mal in der Region waren", erzählt Bove. Ihre 42 Betten jedenfalls seien nahezu immer ausgebucht gewesen.

Die Verluste aus dem Frühjahr aber könne der gute Sommer nicht kompensieren, sagt Aumiller. Auch weil zahlreiche Feste abgesagt oder aber in abgespeckter Form gefeiert wurden. Unter der Absage von Veranstaltungen sowie den fehlenden Gästen aus dem internationalen Ausland litten ganz besonders die Tagungshotels, sagt Christoph Winkelkötter, Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung im Landkreis Starnberg (GWT). Die Zahlen seien "massiv" eingebrochen. Habe man von Januar bis Juli 2019 noch etwa 460 000 Übernachtungen registriert waren es heuer im Vergleichszeitraum nur etwa 266 000.

Während viele Hotelzimmer leer blieben, seien die Pensionen und Ferienwohnungen noch immer ausgebucht. Ebenso stark nachgefragt seien die Campingplätze gewesen - "Individualtourismus eben", so Winkelkötter. Diese blieben freilich länger als der Geschäftsreisende, weshalb die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste von zweieinhalb Tagen 2019 in diesem Jahr auf drei Tage gestiegen ist.

Maria Dosch, die mit ihrer Familie den gleichnamigen Campingplatz am Wörthsee betreibt, sagt, es sei "besser gelaufen als gedacht". Überwiegend Deutsche, auch Münchner, Weilheimer und Landsberger hätten ihre Zelte auf der Wiese aufgeschlagen, "wir waren immer gut belegt". Am 30. Mai hatte sie den Campingplatz und Mitte Juni den Badebetrieb mit begrenzter Besucherzahl geöffnet. "Es war kein Bombensommer, aber voll okay."

"Mit Bauchweh" erwarte man nun den Herbst und Winter, wie Veronika Bove sagt. In vielen Hotels seien die Buchungskalender ab Mitte Oktober erschreckend leer, sagt Claudia Aumiller. "Wer ein Hotel gepachtet hat, kann da schon Zukunftsängste bekommen." Christoph Winkelkötter weiß sich keinen Rat, außer potenzielle Gäste von der Attraktivität des Landkreises auch im Herbst und Winter zu überzeugen. Viel wichtiger aber noch für die Branche sei Stabilität in der Entwicklung und Auswirkung der Pandemie. "Wir sind noch nicht über den Berg", sagt er mit Blick auf die aktuelle Lage.

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SZ vom 22.09.2020
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