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Artenschutz am Starnberger See:Flussseeschwalben im Anflug

Flussseeschwalbe

Ausgestorben, wieder angesiedelt, heute immer noch bedroht: die Flussseeschwalbe.

(Foto: Manfred Kühn; Landesbund für Vogelschutz)

Der Landesbund für Vogelschutz hat ein neues, 70 000 Euro teures Nistfloß für die stark bedrohte Art im Wasser verankert. Schon die alte Plattform war ein Erfolgsprojekt.

Von Armin Greune

Die Kinderstube ist eingerichtet, die Heimkehrer aus Süd- und Westafrika werden erwartet: Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) hat ein neues Nistfloß für die Flussseeschwalben im Starnberger See zu Wasser gelassen und in die Bucht von St. Heinrich schleppen lassen. Das alte Floß hatte sich im Laufe von 13 Jahren so mit Wasser vollgesogen, dass es zu sinken drohte. Bis dahin war der Holzkonstruktion ein bedeutender Beitrag zum Artenschutz beschieden: Mindestens 500 Flussseeschwalbenküken wurden seit 2008 auf den Planken flügge, schätzt Andrea Gehrold, Gebietsbetreuerin für den Starnberger See. Dort und im Ammersee leben im Sommer rund 40 Prozent aller bayerischen Brutpaare, doch sogar in diesen Kolonien bleiben die Populationen dieser noch immer bedrohten Art höchst fragil.

Flussseeschwalben - eher mit Möwen als mit den vertrauten Stallbewohnern verwandt - waren Anfang der 1980er Jahren bayernweit ausgestorben, weil sie keinen Lebensraum mehr fanden. Die Winter verbringen sie in Äquatornähe oder noch weiter südlich. Ihre Brutgebiete aber befinden sich in kühlen Regionen wie Nordeuropa, Sibirien, Zentralasien und Kanada. Dort benötigen sie zum Arterhalt von April bis Oktober ungestörte Kiesinseln und steinige Uferstreifen. Die aber stehen ihnen im dicht besiedelten und intensiv genutzten Bayern kaum mehr zur Verfügung - auch weil nahezu alle Fließgewässer weitgehend verbaut wurden.

Seit jedoch der LBV den Flussseeschwalben Nistflöße als künstliche Brutbiotope anbietet, ist die Population im Freistaat wieder auf mehr als 600 Individuen angewachsen. Das Artenschutzprojekt gilt als Musterbeispiel einer erfolgreichen Wiederansiedlung von Vögeln. Die Plattform im Starnberger See hat dazu einen großen Beitrag geleistet: Seit 2008 wurden dort fast so viele Jungvögel aufgezogen, wie im vergangenen Sommer an Flussseeschwalben in ganz Bayern gezählt wurden.

Der Bedeutung entsprechend betreibt der LBV nun erheblichen Aufwand für den Ersatz des landesweit größten, maroden Floßes: 70 000 Euro kostet die von der Regierung von Oberbayern geförderte Aktion, zehn Prozent muss der Kreisverband selbst tragen. Angesichts der Erfahrungen mit dem hinfälligen Vorgänger wählte man diesmal keine klassische Konstruktion aus Baumstämmen, sondern einen Hightech-Doppelkatamaran, von dem man sich eine längere Lebenserwartung verspricht: Das neue Nistfloß steht auf vier Aluminium-Schwimmkörpern, wie sie im Bootsbau verwendet werden.

Im Starnberger See löst jetzt ein Doppelkatamaran mit Drahtzelt und Schwimmkörpern aus Aluminium ein marodes Holzfloß aus dem Jahr 2008 ab.

(Foto: LBV)

Zimmerleute verbanden die Elemente mit kräftigen Balken und errichteten darauf die Nist-Plattform aus witterungsbeständigem Lärchenholz. Anfang März hievte ein Kran das neue Nistfloß ins Wasser, eine Woche darauf wurde die Oberfläche mit Kies bestreut, auf dem die Vögel flache Mulden für ihre Eier anlegen. Die Fläche wurde umzäunt, damit die Küken - die ja unter natürlichen Bedingungen am flachen Ufer schlüpfen würden - nicht vom Floß in den relativ tiefen See fallen können. Schließlich wurden 30 Holzkästen gezimmert und auf den Kies gestellt, die den Küken bei schlechtem Wetter als Unterschlupf dienen sollen. Damit nicht genug: Um zu verhindern, dass die Lachmöwen das Floß gleich komplett kapern, haben die ehrenamtlichen LBV-Helfer ein Zelt aus geflochtenem Draht mit Holzrahmen konstruiert. Darunter ist ein Teil der Nistfläche für die Flussseeschwalben reserviert, die erst Mitte April an den See zurückkehren werden.

An diesem Dienstag schleppte der Ammerlander Bootsservice Döhla das Floß aus einer windgeschützten Bucht vor Bernried zum Ankerplatz am Südende des Sees. Für die Überfahrt war ein Katamaran nötig, weil die Bucht vor St. Heinrich sehr seicht ist. Die ultraleichte Aluminiumkonstruktion musste mit extra schweren Ankersteinen im Seeboden fixiert werden.

Flussseeschwalben sind in Bayern bei der Brut auf künstliche Nistplattformen angewiesen.

(Foto: LBV)

Das alte Holzfloß ließ sich fast völlig recyceln. Zunächst wurde es Ende Februar aus der Bucht vor St. Heinrich auf das Gelände des Segelclubs Seeshaupt geschleppt und dort zerlegt. Einige Planken legte sich der LBV zurück, um damit den Fußboden der Hütte auszustatten, die der Kreisverband Starnberg am Wörthsee gepachtet hat. Das Restholz wird nach dem Trocknen zu Hackschnitzeln verarbeitet.

Ungeachtet der Bruterfolge in den vergangenen Jahren haben sich die Flussseeschwalbenkolonien im Fünfseenland immer wieder als höchst störungsanfällig erwiesen. Bei einem Unwetter 2013 riss sich das Brutfloß am Südufer des Ammersees los und die meisten Eier gingen verloren, als es abgetrieben wurde. 2019 hatten die Vögel auf dieser Plattform schon 59 Nistmulden mit ein bis fünf Eiern angelegt. Doch dann schlug vermutlich ein Uhu zu, rupfte auf dem Floß zwei Lachmöwen und vertrieb so alle Flussseeschwalben aus ihren Nestern. Am Starnberger See wurden im gleichen Jahr 22 Jungvögel flügge - aber auch ein Floß dort wurde einige Jahre zuvor von einem Greifvogel heimgesucht. Die nächtlichen Angriffe auf Möwen verstörten die brütenden Flussseeschwalben so schwer, dass sie die Nester aufgaben.

Andernorts waren alle Versuche vergeblich, die seltenen Zugvögel dauerhaft anzulocken. So bemühte sich der LBV Wolfratshausen von 2016 bis 2020, die Art in der Pupplinger Au an der Isar wieder neu anzusiedeln. Zum Einsatz kamen die Nachbildung eines Brutfloßes, Flussseeschwalben-Attrappen und eine Lautsprecheranlage, die während der Balzzeit das Koloniegeschrei der Vögel wiedergab. Ein Erfolg stellte sich dennoch nicht ein.

© SZ vom 26.03.2021/syn
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