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Starnberger See:Die Revolution in Berg war nur ein Schuss in die Luft

Die Roten wollen vor 100 Jahren beim Bürgermeister Pferde beschlagnahmen, der verjagt sie mit seinem Gewehr. Das war's. So hat es Oskar Maria Graf beschrieben.

Gab es in Berg am Starnberger See vor 100 Jahren auch die Revolution? Die Mitarbeiter des Berger Gemeindearchivs haben sich diesbezüglich auf Spurensuche begeben und stellen ihre Ergebnisse an diesem Freitag vor. Der Titel des Vortrags lautet: "Wie die Revolution in Berg gerade noch verhindert werden konnte." Als "etwas ironisch" bezeichnet Heinz Rothenfußer den gewählten Titel.

Eine Ironie, die nicht von jedem verstanden wird, wie er zugibt. Rothenfußer ist einer der drei Referenten des Abends, die beiden anderen sind die Historiker Günter Baumgartner und Herbert Dandl. Rothenfußer betreut gemeinsam mit vier weiteren ehrenamtlichen Mitarbeitern das Berger Gemeindearchiv. Der 65-Jährige war bis vor einem Jahr Mathematiklehrer an einer Münchner Berufsschule. Er ist praktisch das Küken unter den Berger Archivaren. Er hat das Thema Revolution quasi von der Berger SPD geerbt, die sich eigentlich mit den Vorkommnissen in der Gemeinde befassen wollte, aber als Partei die Gemeindebücherei als Veranstaltungsort nicht nutzen darf.

Starnberg Als Starnberg rot wurde
Vor 100 Jahren

Als Starnberg rot wurde

Die Revolution fasste in der Kreisstadt nur zögerlich Fuß und fand ein blutiges Ende. Das Museum Starnberger See zeigt eine Ausstellung über die unruhigen Zeiten im Jahr 1918.   Von Armin Greune

Zum Archiv gestoßen ist der gebürtige Berger erst von gut einem Jahr. Er hatte sich für die eigene Familiengeschichte interessiert. Denn seinen Großvater hatten die Nazis als stellvertretenden Bürgermeister eingesetzt, weil der damalige Bürgermeister Paul Huber sich geweigert hatte, der NSDAP beizutreten. Weil bei Rothenfußers zuhause nicht über das Thema Großvater in der Nazizeit gesprochen wurde, hoffte er im Gemeindearchiv diesbezüglich fündig zu werden. "Das ist mein erster historischer Ausflug", gibt er zu. Und er hat Gefallen daran gefunden, in die gemeindliche Historie einzutauchen. "Einfach war es nicht, Material zu finden", sagt er. "Denn es war praktisch nichts da." Fündig wurde er dann doch - unter anderem im Nachlass von Paul Huber. Huber war der größte Landwirt am Ort, genannt der Schatzlbauer. Er hat viele örtliche Ereignisse schriftlich festgehalten - auch in der Nazizeit. Die Archivmitarbeiter würden die Aufzeichnungen Hubers in Absprache mit seinen Erben gerne veröffentlichen.

Oskar Maria Graf

Der Berger Schriftsteller Oskar Maria Graf hat auch über eine Revolutions-Szene in Berg geschrieben.

(Foto: SZ Photo)

Auch im früheren "Land- und Seeboten" fand Rothenfußer etliche Anhaltspunkte. Dort steht unter anderem eine Notiz, die belegt, dass auch in Berg ein Bauernrat gegründet wurde. "Der allerdings kümmerte sich fast ausschließlich darum, am Ostufer des Sees eine Ostuferbahn zu bauen und dadurch den Fremdenverkehr anzukurbeln. Die Revolution haben sie nur ins Leere laufen lassen", sagt Rothenfußer. "Allerdings hat man auch in Berg die Segnungen der Revolution - wie den Acht-Stunden-Tag, das allgemeine Wahlrecht und die Abschaffung der Monarchie und der kirchlichen Schulaufsicht - gerne mitgenommen."

Was gut war: "In Berg ist kein Blut geflossen", obwohl die Revolutionäre auch hier waren. Was deren Auftritt betrifft, wurde Rothenfußer in den Kalendergeschichten des Berger Schriftstellers Oskar Maria Graf (1927) fündig. Der Autor beschreibt eine Szene, die sich in Berg wohl so ähnlich zugetragen haben dürfte: Eines Abends kamen die Roten auch nach Berg und pochten wild beim Schatzlbauern an die Tür. Sie wollten dessen Pferde für die Revolution beschlagnahmen. Der Bauer Huber rückte die Tiere nicht raus, sondern schoß stattdessen zur Warnung in die Luft. Grafs Bruder Maurus versuchte zu vermitteln. Was ihm in den Kalendergeschichten auch gelang, denn die Roten zogen wieder ab. Allerdings lässt der Schriftsteller zwei Tage später seinen Bruder von heranrückenden Weißen Revolutionären erschießen, die ihm in der Geschichte unterstellten, mit den Roten zu sympathisieren. In Wirklichkeit starb Maurus Graf aber erst im Jahr 1971, lang nach der Revolution.

Bauernrat von Berg

Am 26.November 1918 wurde laut "Land und Seeboten" der Berger Bauernrat gewählt.

(Foto: OH)

Oskar Maria Graf fasst die Ereignisse in Berg so zusammen: "In unseren Gau drang die Kunde von der Revolution sehr schnell, denn wir sind kein gottverlassenes Hinterland. Dennoch wird mir jeder recht geben müssen, wenn ich sage, dass das Landvolk den damaligen Ereignissen kein Interesse entgegenbrachte: Was hatte sich denn durch sie geändert? Alles ging bei uns wie immer."

Der Vortrag findet am Freitag, 23. November, um 20 Uhr, in der Bücherei im Alten Schulhaus in Aufkirchen statt.

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