bedeckt München

Corona-Pandemie:Ein Schlupfloch für das Virus

Vor der Corona-Krise erreichte das christliche Werk etwa 5000 Kinder und Jugendliche pro Jahr mit seinen Programmen - etwa auf der Seeburg am Starnberger See.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Bei einer christlichen Jugendfahrt stecken sich am Starnberger See 33 Menschen an. Dabei hatte die Freizeitstätte ein weitreichendes Hygienekonzept - mit einer Pflicht zu Corona-Tests.

Von Sabine Bader, Berg

Marco Seeba nennt es "eine Ironie des Schicksals". Vor wenigen Tagen hat der Geschäftsführer des christlichen Kinder- und Jugendwerks "Wort des Lebens" das engmaschige Testkonzept erläutert, mit dem die Freizeitstätte in der Seeburg und in Schloss Unterallmannshausen frei vom Coronavirus bleiben sollte. Und jetzt das: 22 Jugendliche, zehn Mitarbeiter und eine Angehörige haben sich angesteckt - 33 Infektionen in einem Ausbruch.

Die Jugendlichen hatten bis Mitte vergangener Woche an einer Freizeit am Ostufer des Starnberger Sees teilgenommen. Sie stammen überwiegend aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen. Auch zwei Personen aus den Landkreisen Starnberg und Bad Tölz-Wolfratshausen haben sich infiziert. Die gleichzeitig stattfindende Kinderfreizeit war von dem Ausbruch nicht betroffen. Alle geplanten Programme sind mit sofortiger Wirkung abgesagt. Die Mitarbeiter befinden sich entweder im Homeoffice oder im Urlaub. Lediglich ein Notbetrieb wird aufrechterhalten.

Wie das Virus auf das Gelände gelangen konnte, kann Seeba nicht mit Sicherheit sagen. Er geht jedoch davon aus, dass sich einer der Jugendlichen kurz vor seiner Anreise trotz eines negativen Testergebnisses infiziert hatte. "Vielleicht ist es in der Schule passiert", mutmaßt er. Vor der Corona-Krise erreichte der christliche Verein etwa 5000 Kinder und Jugendliche im Jahr.

Alle 57 Mitarbeiter - 32 Festangestellte und 25 junge Leute im Freiwilligen Sozialen Jahr - hatten sich vergangenen Mittwoch nach dem Ende der Jugendfreizeit turnusgemäß testen lassen. Das erschreckende Ergebnis: Ein Test ist positiv. Doch es sollten viele weitere folgen. Damit ist eingetreten, was Seeba unter allen Umständen verhindern wollte. Corona hat sich unbemerkt auch auf der Seeburg ausgebreitet. Der betreffende Mitarbeiter hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit Grippesymptomen in Quarantäne befunden.

"Wir haben uns daraufhin sofort mit dem Gesundheitsamt für Bad Tölz-Wolfratshausen in Verbindung gesetzt, um die Infektionskette möglichst schnell zu unterbrechen", berichtet Seeba. Zwei Stunden nach Bekanntwerden das Falls seinen alle Eltern informiert gewesen, deren Kinder an der Freizeit teilgenommen hatten.

Nach dem Lockdown im Frühjahr hatten die Organisatoren Anfang August wieder mit Freizeiten begonnen, allerdings unter strengen Hygieneauflagen. Wer auf der Seeburg seinen Urlaub verbringen wollte, musste einen negativen Corona-Test vorweisen, dessen Ergebnis nicht älter als drei Tage war. Wer den nicht vorlegen konnte, braucht gar nicht erst anzureisen. Auf diese Art hatte man im Vorfeld bereits einige Infektionen ausgemacht. Auch die Mitarbeiter von "Wort des Lebens" verpflichten sich dazu, sich vor jeder Kinder- und Jugendfreizeit, also alle paar Wochen, neu testen zu lassen. Das gilt auch für ihre Familienangehörigen. Sie alle hatten sich dazu bereit erklärt, ihre persönlichen Kontakte zu reduzieren und diese darüber hinaus genau zu dokumentieren. Auch wurde jeden Tag bei allen Personen auf dem Gelände - egal ob Personal oder Jugendliche - die Körpertemperatur gemessen.

Monatelang klappte das gut. Aber jetzt muss sich Seeba eingestehen: Das Virus hat doch ein Schlupfloch gefunden. "Kein Konzept ist so gut, dass man es nicht verbessern könnte," daran wolle man jetzt arbeiten. "Wir sehen uns mit der Herausforderung konfrontiert, die wir uns nie gewünscht haben, mit der wir aber immer rechnen mussten", sagt der 46-Jährige. "Denn egal, wie gut die Hygienekonzepte auch sein mögen: Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht."

Dennoch ist dem Geschäftsführer klar, dass die nächste Freizeit wohl erst zu Silvester wieder stattfinden wird, obwohl das Gesundheitsamt die Einrichtung nicht geschlossen hat. Die einzig positive Nachricht: Bislang verläuft die Krankheit bei allen Betroffenen milde, bei einigen auch asymptomatisch.

© SZ vom 28.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema