"Sehen Sie das Loch?", fragt der Forstingenieur und Baumpfleger Nils Ondraschek die etwa 50 Besucher, die an der Führung durch den Bernrieder Park teilnehmen. "Ja, am rechten Ast vor der Gabelung", ruft eine Frau und deutet nach oben. Die Spechthöhle hoch oben in dem alten Baumriesen ist nur für geübte Augen zu erkennen. Ondraschek klopft an den Stamm. Er klingt hohl. Von außen sehe der Baum scheinbar gesund aus, aber innen sei er morsch, erklärt er. "In gesunden Bäumen legt der Specht keine Höhlen an", widerspricht er gängigen Vorurteilen. Der Vogel warte, bis die Pilze einen Ast zersetzen und baue erst dann seine Höhlen im abgestorbenen Totholz. Da die Höhle vor Wind, Kälte und Hitze, aber auch vor Fressfeinden wie Habicht oder Sperber schützt, ist eine frei gewordene Specht-Wohnung eine sehr begehrte Brutstätte für viele andere Waldbewohner wie Meise, Star, Kleiber, Steinkauz, Schellente, Hirschkäfer oder Wildbienen: "Dann beginnt der Kampf. Es herrscht eine extreme Konkurrenz um die Höhle", erklärt der Förster und zeigt auf ein Schwarzspecht-Domizil, in der nach seinen Beobachtungen Dohlen brüten. Falls Baummarder oder Hornissen die Höhle besetzen, so Ondraschek, sei der Kampf entschieden. Dann müsse sich der Specht eine andere Höhle zimmern.

Der Bernrieder Park wurde von 1883 von Carl Effner, dem Oberhofgärtner von Ludwig I., im englischen Stil angelegt. Später hat ihn die reiche Erbin der amerikanischen Brauerei Anheuser-Busch, Wilhelmina Busch-Woods, gekauft und den Park mit den Jahrhunderte alten Methusalem-Bäumen 1950 in eine Stiftung eingebracht, um "seinen Bestand und seine Schönheit", wie es im Stiftungszweck heißt, für die Öffentlichkeit zu erhalten. Laut den Vorgaben darf der Park niemals parzelliert, bebaut, besiedelt oder geschmälert werden. Davon profitiert nicht nur die Gemeinde Bernried. Wie der völlig unerwartet große Andrang zur Führung zeigt, die der Freundeskreis Bernrieder Park veranstaltetet hat, kommen Besucher von weit her, um mehr über dieses 78 Hektar große Naturparadies zu erfahren. Von Ondraschek lernen sie, wie wichtig diese Parkanlage für den Erhalt der Artenvielfalt ist.

Der Forstingenieur erklärt, dass die Bäume im normalen Wald nach etwa 80 bis 100 Jahren gefällt werden, so dass die Waldstruktur "relativ verarmt" sei. Hier im Park indes dürfen die Bäume ohne Limit wachsen. Da gebe es kein Ausselektieren für die bis zu 600 Jahre alten Riesen, sagt Ondraschek. Er zeigt auf eine Sommerlinde: Teile des ursprünglichen Stammes stehen noch in der Mitte, außen ist eine neue Baum-Generation nachgewachsen. Die Linde ist ein Beispiel für das Spannungsfeld zwischen Artenschutz und Verkehrssicherheit, sie wird von Stahlseilen zusammengehalten. Und die Parkbesucher werden durch einen Zaun vor eventuell herabstürzenden Ästen geschützt. Die Eiche "Wotan" gilt als ältester Baum im Park. Mit einer Höhe von 20 Metern und einen Kronendurchmesser von 30 Metern steht "Wotan" riesengroß, majestätisch und knorrig am Wegesrand. In der Krone ist viel Totholz zu sehen. Das sei ein Zeichen, dass sich der Methusalem nicht mehr allein versorgen könne, sagt der Forstingenieur. Der Baum sei jedoch eine Symbiose mit Pilzen eingegangen, die ihn beim Erschließen von Wasser- und Nährstoff-Quellen unterstützten.
Auf einer Wiese Im Hintergrund wird nach den Beobachtungen eines Besuchers regelmäßig Gülle ausgebracht. Laut Stiftungszweck darf die Waldweide vom Bernrieder Hofgut bewirtschaftet werden. Im Bereich dieses alten Methusalem-Baums sei Gülle doch Gift, empören sich die meisten der etwa 20 Besucher, die am Ende des zweieinhalbstündigen Rundwegs noch übriggeblieben sind. "Wenn Wilhelmina Busch-Woods die Landwirtschaft von heute kennen würde mit den 8 Meter breiten Maschinen - sie hätte die landwirtschaftliche Nutzung nicht erlaubt", kritisiert ein Mann und andere stimmen ihm zu. Laut Karl-Otto Kullmann, der als einer von drei Kuratoriumsmitgliedern für die Parkverwaltung zuständig ist, hat das Hofgut hier die Grasrechte. Man bitte immer wieder darum, beim Mähen nicht zu nahe an die Eiche heranzufahren, aber das werde ignoriert. Offizielle Verbote auszusprechen ist nach seinen Angaben juristisch nicht möglich. Um diese Problematik nun vor Gericht zu klären, sammle der Freundeskreis jetzt Geld, verspricht die Vereinsvorsitzende Barbara Eder. Auch ein Projekt zur Schulung von Bernrieder Kindergartenkindern und Grundschülern hat der Verein angestoßen, damit auch die nächste Generation lernt, die Methusalem-Bäume wertzuschätzen und zu schützen.

Die so genannte "Feen-Buche" ist geschwächt von schwarzen und grauen Pilzen. Doch ihr Totholz bietet rund 3000 Tieren, darunter Insekten, Waldläufer oder Fledermaus, Lebensraum und Unterschlupf. "Es ist eine irrsinniger Rattenschwanz an Artenvielfalt", betont Ondraschek und kommt wieder zum Ausgangspunkt zurück, nämlich dass alles mit allem zusammenhängt: "Wenn man den Schwarzspecht schützt, schützt man viele andere Arte wie Dohlen, Fledermäuse oder Siebenschläfer." Manchmal klingt es, als ob er fast schon die Hoffnung aufgegeben hätte: "Alle reden vom Klima, keiner redet über das Artensterben. Das E-Auto hilft nicht gegen das Artensterben."

