Vor seinem Rekordversuch wirkt Minja Marinković ruhig und gelassen. Der 29-jährige Apnoetaucher scherzt sogar kurz mit einem kleinen Mädchen, ehe er sich den Neoprenanzug anzieht und sich beim Überstreifen der zwei Lagen Handschuhe helfen lässt: Gartenhandschuhe, für den besten Grip am Seil, an dem entlang er sich in die Tiefe hangeln will. Als der Münchner gegen 12.40 Uhr von einer Plattform an der Allmannshauser Steilwand vor dem Ostufer des Starnberger Sees unter Wasser geht, könnten auch die äußeren Wetterbedingungen kaum besser sein: Die Sonne scheint von einem beinahe wolkenlosen Himmel, das Wasser hat an der Oberfläche 24 Grad, es weht nur eine kleine Brise Wind.
Doch knapp drei Minuten später ist Marinković ohnmächtig. In diesem Moment fehlen ihm nur noch drei Meter, bis er nach einem Tauchgang auf die angepeilten 85 Meter wieder die Wasseroberfläche erreicht hätte. Damit hätte er einen neuen deutschen Seerekord im Apnoetauchen aufgestellt, wäre also ganz ohne komprimierte Flaschen-Pressluft so tief in einen See getaucht wie kein Deutscher vor ihm - und hätte sich einen Traum erfüllt. Stattdessen endet dieser fast in einem Drama.

Minja Marinković hat einen „Shallow Water Blackout“ erlitten: Im flachen Wasser ist er plötzlich bewusstlos geworden. Genau dort, wo man als Zuschauer meint, der Sportler hat es fast geschafft, hat sich in der physikalischen Realität vor allem die Dynamik des Sauerstoffpartialdrucks so ausgewirkt, dass der 29-Jährige bewusstlos geworden ist. Während des Tauchgangs verbraucht der Körper kontinuierlich Sauerstoff. Beim Auftauchen sinkt gleichzeitig der Umgebungsdruck – besonders stark wirkt sich dies relativ betrachtet auf den letzten zehn Metern aus, da der absolute Druck von etwa zwei bar in zehn Metern Tiefe auf etwa ein bar an der Oberfläche fällt. Dadurch kann der Sauerstoffpartialdruck in der Lunge auf den letzten Metern so weit absinken, dass es zu einer hypoxisch bedingten Bewusstlosigkeit kommt. Einer seiner Begleittaucher taucht mit Marinković hoch, dieser hängt schlaff in seinen Armen.
Etwa zehn Jahre ist es her, dass Marinković seinen ersten Kurs im Apnoetauchen am Starnberger See absolvierte, bei dem bekannten Finnen Antero Joki. Seitdem begeistert ihn die Sportart. Mittlerweile ist Marinković Mitglied der deutschen Nationalmannschaft und nimmt an Weltmeisterschaften teil. Beim Training auf den Philippinen im März fasste er den Entschluss für den deutschen Rekord in der Disziplin Free Immersion in einem Tieftauchgang am See. Es sollte wieder dorthin zurückgehen, wo alles begonnen hatte. Marinković muss sich ohne Flossen an einem Seil nach unten ziehen - und wieder nach oben zurück.
Wichtigster Erfolgsfaktor ist es, möglichst ruhig und entspannt zu sein, sich möglichst auf sich selbst zu konzentrieren. So verbraucht der Körper am wenigsten Sauerstoff. Nur mit sich selbst beschäftigt zu sein, das fasziniert Marinković beim Apnoetauchen am meisten. „Ich denke über nichts mehr nach. Ich sehe nur noch die Leine vor mir.“ Die richtige Atmung und Herzfrequenz seien entscheidend, um möglichst tief tauchen zu können.
Den Weg nach unten in die dunklen Tiefen des Starnberger Sees schafft er an diesem Samstag. Dorthin, wo schon mancher untergegangene Schwimmer nicht mehr gefunden worden ist, weil es schlicht zu dunkel ist und Unterwasserströmung eine Ortung teils unmöglich macht. Doch Marinković kann zum Glück nicht verloren gehen. Er hat die 85 Meter lange Leine, an der er sich entlanghangelt. Was er schafft und somit nah am Rekord ist. Auch der Großteil des Weges nach oben funktioniert, bis zur Gefahrenzone: der nahenden Oberfläche, wo Apnoetaucher immer wieder bewusstlos werden, wenn der Erfolg zum Greifen nahe ist.
Gleich vier Sicherungstaucher begleiten den Rekordversuch - und ein ganzer Medienauflauf
Marinkovićs Crew besteht aus vier Sicherungstauchern in Neoprenanzügen, langen Flossen und Tauchmasken und einer Ärztin. Abwechselnd schwimmen die Taucher nach unten, um ihn zu begleiten. Doch von oben spüren sie plötzlich keine Bewegung mehr am Seil. Jetzt muss die eingeübte Rettungskette greifen.
An Seen wie dem Starnberger sind die Bedingungen für Apnoetauchen viel extremer als im Meer. An dem Gewässer südwestlich von München hat es unterhalb der Sprungschicht in einer Tiefe von zwölf bis 15 Metern nur noch um die acht Grad Wassertemperatur, in 50 Metern Tiefe nur noch vier Grad. Zudem ist es weiter unten vollkommen dunkel. Die Hauptgründe, warum es für Apnoetaucher eigene Rekordklassen an Seen gibt.
Plötzlich ein Auftauchen an der Wasseroberfläche. Nach wenigen Sekunden hat einer der Taucher Marinkovićs nach oben gebracht. Die Crew hievt ihn auf die Schwimmplattform, beatmet ihn mit Sauerstoff. Schnell bewegt sich Marinković wieder, er ist wieder bei Bewusstsein: Erleichterung bei den Zuschauern. Zur Dekompression muss er nun trotzdem, mit Sauerstoff versorgt, noch mal auf eine Tiefe von fünf Metern unter Wasser, um schädliche Folgen kontrolliert zu verringern. Der Rekord für den tiefsten Tauchgang eines Deutschen an einem See ist allerdings passé.

Kurz nach seiner Rettung steht Marinković am Kiesstrand - und zeigt sich tapfer. „Mir geht es körperlich wirklich hervorragend“, sagt er. Marinković ist Maschinenbauingenieur, promoviert an der Technischen Hochschule in München. Mit Zahlen kennt er sich aus, auch mit dem Risiko, das er hier eingegangen ist. „Die Rettungskette war perfekt. Das passiert leider im Sport.“

Die Bedingungen waren eigentlich perfekt an diesem Samstag. Wieso also ist der Rekordversuch gescheitert? Kurz nach dem misslungenen Tauchgang sucht Marinković nach Erklärungen. Er nennt den Schlafmangel wegen des Organisationsaufwands für den Rekordversuch und die Verzögerung von etwas mehr als eineinhalb Stunden vor Beginn des Abtauchens. Beides - und womöglich auch die größere Medienaufmerksamkeit - hätten dazu geführt, dass er nicht so entspannt und fokussiert gewesen sei und eben mehr Sauerstoff als üblich verbraucht habe, so Marinković: „Die Kälte und Dunkelheit habe ich deutlich mehr gespürt.“
Marinković gehört dem Münchner Verein Free Dive Munich an. Darin sind etwa 100 Apnoetaucher Mitglied. Ihr Hauptrevier ist der Starnberger See. Aus Vereinsmitgliedern setzt sich auch im Kern das 15-köpfige Team zusammen, mit dem Marinković den Rekordversuch organisiert hatte. Dazu gehören die Sicherheitstaucher, eine Medizinerin und Menschen, die sich um den Medienauftritt kümmern.

Der Dachverband für die Sportart ist die Aida, französisch für Association Internationale pour le Développement de l'Apnée, also die Internationale Vereinigung für die Entwicklung des Apnoetauchens. Aufgabe des Verbandes ist es auch, Rekordversuche wie den von Marinković zu prüfen und anzuerkennen. Daher sind Juroren von Aida am Starnberger See. An diesem Tag sind das Nils Heininger und Antero Joki, bei dem Marinković das Apnoetauchen gelernt hat. Beide sind durch ihre gelben Leibchen und Hüte deutlich erkennbar.
Ein Rekord in der Sportart ist nur gültig, wenn alle Regularien erfüllt sind. So überprüfen die Juroren, ob die Leine, an der es in die Tiefe geht, auch 85 Meter lang ist. Sie kontrollieren über eine dort angebrachte Kamera, ob der Taucher auch wirklich die geplante Tiefe erreicht. Zudem ist unten ein rechteckiges Plastikkärtchen angebracht, das der Taucher nach oben bringen muss. Wieder an der Wasseroberfläche muss der Aspirant innerhalb von 15 Sekunden seine Maske abziehen und das Ok-Zeichen geben. Dann zeigen ihm die Juroren die weiße Karte. Für Verstöße haben die Juroren die gelbe und rote Karte. In beiden Fällen wird ein Rekord nicht anerkannt.

Wieder zurück am Ufer hat Marinković das aus der Tiefe geholte Tag Plastikkärtchen immer noch mit. Er will sich jetzt erst einmal auf die Weltmeisterschaft konzentrieren. Für einen erneuten Rekordversuch will er aber wieder an die Allmannshauser Steilwand zurück. Er sagt: „Ich werde das wiederholen.“
Hinweis der Redaktion
Entgegen der ursprünglichen Berichterstattung ist Stickstoff nicht Ursache eines sogenannten Shallow Water Blackouts. Beim Shallow Water Blackout spielt vor allem die Dynamik des Sauerstoffpartialdrucks eine entscheidende Rolle. Während des Tauchgangs verbraucht der Körper kontinuierlich Sauerstoff. Beim Auftauchen sinkt gleichzeitig der Umgebungsdruck – besonders stark wirkt sich dies relativ betrachtet auf den letzten zehn Metern aus, da der absolute Druck von etwa zwei bar in zehn Metern Tiefe auf etwa ein bar an der Oberfläche fällt. Dadurch kann der Sauerstoffpartialdruck in der Lunge auf den letzten Metern so weit absinken, dass es zu einer hypoxisch bedingten Bewusstlosigkeit kommt. Zudem atmen Taucher keinen Sauerstoff, sondern komprimierte Pressluft aus einer Tauchflasche.

