bedeckt München
vgwortpixel

Artenschutz im Fünfseenland:Nachts, wenn der Uhu kommt

Der sehr seltene Raubvogel hat am Ammersee die streng geschützten Flussseeschwalben überfallen, kein einziges Küken kam durch. Am Starnberger See verlief die Brutsaison erfolgreicher.

Gerade im Fünfseenland setzen sich viele ehrenamtliche Naturfreunde für den Erhalt seltener Vogelarten ein. Oft wird ein erheblicher Aufwand betrieben, um für Weißstorch oder Wiesenbrüter, Eisvogel oder Seeschwalbe Lebensräume und Brutgelegenheiten zu schaffen. Wie aber sollen sich die Umweltschützer verhalten, wenn andere Wildtiere ihre Bemühungen zunichte machen? Oder eine stark bedrohte Art von einem noch rareren Räuber überfallen und niedergemacht wird, wie heuer am Südufer des Ammersees?

Dort hat die Schutzgemeinschaft Ammersee ein etwa 100 Quadratmeter großes Nistfloß für Flussseeschwalben eingerichtet - eine Art, die in Bayern Anfang der 1980er-Jahre als Brutvogel fast ausgestorben war. Die künstliche Insel ist mit Kies belegt, durch Abtrennungen für die einzelnen Familien parzelliert sowie mit einer Bordwand als Schutz gegen Wellen und Raubvögel gesichert. Auch heuer hat die Schutzgemeinschaft das Floß im Frühjahr gereinigt und mit einem Gitter versehen, damit es nicht von Lachmöwen besiedelt wird, bevor die Flussseeschwalben aus ihren Quartieren im Süden zurückkommen.

Als das Gitter entfernt war, ließen sich nach zehn Minuten die ersten Seeschwalben nieder; Ende Mai hatten sie 59 Nistmulden mit ein bis fünf Eiern angelegt. Doch am 19. Juli suchte erstmals ein Nachtraubvogel das Floß heim, wie Bilder einer Kamera nahelegen. Der Vorsitzende Reinhard Grießmeyer ist sicher, dass es ein Uhu war: Der mächtige Räuber schlug und rupfte zwar auch zwei Lachmöwen, vor allem aber "setzte er den Flussseeschwalben so hartnäckig zu, dass sie immer über Nacht ihre Nester verließen", sagt Grießmeyer. In der Folge kam kein einziger Jungvogel durch.

Uhu im Tierpark Hellabrunn

Der Uhu ist wieder im Fünfseenland unterwegs.

(Foto: Frank Leonhardt/dpa)

Auch der Uhu war vor 50 Jahren in Bayern fast ausgestorben: Nach jahrhundertelanger Verfolgung wurden landesweit nur noch 70 Paare gezählt, die in den Alpen oder in Nordbayern brüteten. Inzwischen ist der Bestand im Freistaat wieder auf 420 bis 500 Paare angewachsen - dank Auswilderung von Zuchttieren, strengem rechtlichen Schutz und aufwendiger Sicherung der letzten verbliebenen Horste. Heute gilt das Hilfsprogramm, in das unzählige, meist ehrenamtliche Arbeitsstunden und zig Millionen Euro flossen, als Erfolgsmodell für den Artenschutz; doch in jüngster Zeit gehen die bayrischen Uhubestände wieder zurück. Pit Brützel, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Starnberger Ornithologen, liegen zu einer Brut im Fünfseenland "keine sicheren Erkenntnisse vor, aber es gibt immer wieder vereinzelte Uhu-Sichtungen". An Lech und Isar aber habe sich die größte Eulenart gewiss häuslich niedergelassen.

Das tragische an den Raubzügen im Ammersee sei, dass die "Flussseeschwalbe bei uns nur noch auf den Nistflößen überlebt", sagt Brützel. Ein weiteres befindet sich seit 2009 wieder auf dem Südende des Starnberger Sees, wo bei Sankt Heinrich eine der bayernweit größten Kolonien nistet. Auf dem vom Kreisverband im Landesbund für Vogelschutz (LBV) betreuten Floß sei vor zwei oder drei Jahre ähnliches passiert: Wegen nächtlicher Angriffe stellten die Flussseeschwalben die Brut ganz ein. Ob der Störer ein Uhu oder ein anderes Tier war, sei nicht bekannt, sagt Brützel.

Heuer jedenfalls sei die Brutsaison am Starnberger See sehr erfolgreich verlaufen, sagt LBV-Gebietsbetreuerin Andrea Gehrold: "Wir hatten mindestens 22 Flügglinge" - also Jungvögel, die nicht nur geschlüpft sind, sondern auch die gefährlichste Phase ihres Lebens hinter sich bringen konnten. Derzeit seien sie bereits auf dem Weg nach Westafrika, berichtet Gehrold: "Mit ihrer Beringung konnten unsere Jungvögel am Genfer und Neuenburgsee identifiziert werden." Von den Flussseeschwalben abgesehen aber spiele der Starnberger See als Brutgebiet für gefährdete Vogelarten kaum eine Rolle. "Es gibt im Sommer hier einfach zu viele Störungen durch den Freizeitbetrieb", sagt Gehrold.

Auf der Nisthilfe im Starnberger See wurden heuer 22 Schwalbenküken flügge.

(Foto: Andrea gehrold/oh)

Die Naturschutzgebiete an Amperauslauf und Ammermündung sind hingegen als Biotope für seltene Wiesenbrüter von internationaler Bedeutung. Doch im Reservat östlich von Dießen sei die Saison heuer nicht nur für die Flussseeschwalben tragisch verlaufen, sagt Grießmeyer: "Die gesamte Erstbrut ist buchstäblich den Bach runter gegangen." Nach den heftigen Regenfällen Mitte Mai standen 50 Hektar Feuchtwiesen südlich der Alten Ammer unter Wasser. Von den in der Roten Liste als stark gefährdet eingestuften Braunkehlchen konnten nur vier Paare ein zweites Mal brüten und sieben Junge großziehen.

Der Große Brachvogel gilt als Brutvogel deutschlandweit vom Aussterben bedroht. Er war heuer mit vier Paaren südlich vom Ammersee vertreten - doch keinem gelang es, Nachwuchs aufzuziehen. Und auch von etwa 15 Kiebitzpaaren kam kein einziges zur Brut: Grießmeyer spricht von "einem dramatischen Rückgang, der sich uns nicht völlig erklärt". Denn im Schutzgebiet gäbe es trotz allgemeinem Artenschwunds noch genug Futterinsekten und man habe viele Bambusstecken als Sitzwarten aufgestellt.

Der Klimawandel spiele wohl auch eine Rolle: "Es kann sein, dass es bei uns für viele Wiesenbrüter langfristig zu heiß und trocken wird." Brachvogel und Kiebitz hätten heuer aber auch besonders unter Raubzügen von Füchsen und Wildschweinen gelitten: "Die Beutegreiferdichte ist einfach zu hoch." Deshalb hat die Schutzgemeinschaft Ammersee die Jagdpächter gebeten, verstärkt gegen die Räuber vorzugehen. Im Aubachtal hatten die Kiebitze heuer mehr Erfolg: Dort wurden neun Küken flügge. Und im Ampermoos konnten drei Paare Großer Brachvögel auch neun Jungvögel großziehen.